Durchgelesen: James Hannah – „Das Alphabet der letzten Dinge“


Autor James Hannah

Buchkritik Das Alphabet der letzten Dinge James Hannah Rezension

James Hannahs Erzähler ist dem Tode geweiht.

Titel Das Alphabet der letzten Dinge
Originaltitel The A to Z of You and Me
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Es gibt rührend, es gibt tragisch, und es gibt herzzerreißend. Der Debütroman des Briten James Hannah ist eindeutig Letzteres, und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Sein Ich-Erzähler Ivo blickt dem eigenen Tod entgegen. Er ist erst 40, aber seine Nieren sind hinüber. Die Zeit, die ihm noch bleibt, verbringt er in einem Hospiz. Die Routine dort ist für ihn eine der wenigen Möglichkeiten, das Leben zu simulieren, einen Ablauf in Gang zu halten, der ermüdend ist, aber zum immer dringender gebrauchten Gegenmittel wird für den drohenden Stillstand des Todes. Damit er auf andere Gedanken kommt und sein Hirn in Schwung hält, empfiehlt ihm eine der Krankenschwestern, das Alphabet-Spiel zu spielen: Zu jedem Buchstaben soll er ein Körperteil benennen und eine Erinnerung, die er damit verbindet.

Das Alphabet der letzten Dinge blickt mit viel Wärme auf die ganz großen Themen, auf Liebe, Freundschaft, Familie. James Hannah, der zuvor einige Kurzgeschichten veröffentlicht hatte, erzählt von Vergebung und Bedauern, von Trotz und Würde. Es gibt noch einige Konflikte, die Ivo mit sich trägt. Manche davon möchte er gerne noch aus der Welt schaffen, andere will er lieber verdrängen. Dazu gehört auch seine eigene Verantwortung für seine desaströse Gesundheit: Obwohl er an Diabetes erkrankt war, gab er sich einem Partyleben mit Alkohol und Drogen hin, was seine Nieren vollends ruinierte.

Neben dem Kampf mit dem eigenen Gewissen ist es die Atmosphäre, die Das Alphabet der letzten Dinge auszeichnet. James Hannah gelingt es, Ivos Panik und Schuldgefühle einzubetten in das ebenso wohlwollende wie deprimierende Ambiente im Hospiz. „Ich bin nicht krank genug für diesen Ort“, meint Ivo schon zu Beginn. „Ich finde es nicht richtig, dass die Mitarbeiter ihre Zeit mit mir verplempern, anstatt sich um die anderen, wirklich kranken Patienten zu kümmern. Ich vergeude die Spendengelder von alten Schachteln und trauernden Hinterbliebenen.“

Es ist vor allem dieser erstaunliche Humor, der dazu beiträgt, dass dieser Roman zwar bewegend und sogar aufwühlend wird, sich aber in keinem Moment der Sentimentalität hingibt. So gelingt James Hannah ein eindrucksvolles Debüt über den Verlust – wenn auch auf ganz andere Weise und über einen ganz anderen Verlust, als man es zunächst erwartet hätte.

Bestes Zitat: „Du bist kein Junkie, du bist nicht abhängig, es ist nur eine schlechte Angewohnheit.“

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