James Joyce – „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“


Autor James Joyce

Ein Porträt des Künstlers als junger Mann James Joyce Kritik Rezension

„Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ ist der erste Roman von James Joyce.

Titel Ein Porträt des Künstlers als junger Mann
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1916
Bewertung

Vor allem für seine Form wurde Ein Porträt des Künstlers als junger Mann gelobt, als es mitten im Ersten Weltkrieg erschien, zuerst in Zeitschriften, dann 1916 auch in Buchform. Der Debütroman von James Joyce wurde gefeiert als Wegbereiter für einen modernen Stil, den der Autor dann später in Ulysses und Finnegans Wake weiter perfektionieren sollte. Als das drittbeste englischsprachige Buch des 20. Jahrhunderts hat die Modern Library den Roman deshalb gekürt (Ulysses steht an der Spitze dieser Liste und Finnegans Wake kommt noch auf Platz 77).

In der Tat ist die autobiografisch geprägte Geschichte von Peter Dedalus, der zuerst im Jesuiten-Internat und dann im noch immer mit den sozialen Folgen der Industrialisierung kämpfenden Dublin versucht, erwachsen zu werden, ein beinahe klassischer Bildungsroman, in dem Joyce bereits ausgiebig die Technik des Bewusstseinsstroms einsetzt. Es ist eine Form, die sich in ihrer Ungebundenheit bestens eignet, um die Verwirrung und Verunsicherung des Protagonisten zum Ausdruck zu bringen, ebenso wie die Mühsal seines Versuchs, Ordnung, Logik und Verlässlichkeit in seine Eindrücke und damit in die Welt und das eigene Innenleben zu bekommen. Es gibt spektakuläre Wechsel in Thema, Ton und Form, die manchmal kaum typografisch gekennzeichnet sind und mitunter, mit dem Abstand von 100 Jahren, etwas abrupt wirken. Ein Porträt des Künstlers als junger Mann ist Lebensgeschichte, zwischendurch aber auch eine Theorie der Ästhetik, eine religiöse Reflexion über Exerzitien, Sünde, Beichte und Buße, am Ende dann fast wie ein Tagebucheintrag.

Umgekehrt ist der überreizte Peter Dedalus eine Figur, die wie gemacht ist für diese Technik: Eine „rastlose Trübsinnigkeit“ treibt ihn um. „Ein Schüler mit Freiplatz, ein Führer, der vor seiner eigenen Autorität Angst hatte, stolz und sensibel und argwöhnisch, im Kampf gegen die Dürftigkeit seines Lebens und gegen das Tumultuarische seines Geistes“, heißt später im Rückblick auf die Internatszeit seine Selbstbeschreibung. Der schwärmerische Wunsch, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit oder einfach selbst älter zu sein – all diese prägenden Eindrücke der Kindheit werden von ihm geradezu körperlich gefühlt. An einer Stelle plagt ihn beispielsweise das schlechte Gewissen so sehr, dass er sich übergeben muss.

Fast noch beeindruckender als diese Symbiose von Form und Inhalt ist die Qualität dieses Romans als eine Feier des Geistes selbst, und der Literatur als sein vielleicht edelster Ausdruck. Ein Porträt des Künstlers als junger Mann ist ein ein Buch über das Lernen. „Es war etwas sehr Großes, über alles und überall zu denken“, stellt der junge Stephen Dedalus fest, und auch danach erlebt er immer wieder fast rauschhafte Momente, wenn er neue Einblicke gewinnt und seinen Horizont erweitert. „Wörter, die er nicht verstand, sagte er sich wieder und wieder vor, bis er sie auswendig konnte: und durch sie bekam er Schimmer von der wirklichen Welt, die um ihn war. Die Stunde, da auch er am Leben jener Welt teilhaben würde, schien näherzurücken, und im geheimen begann er sich für die große Rolle zu bereiten, die er seiner harren fühlte, deren Natur er aber nur undeutlich fasste.“ Umgekehrt gibt es, passend zu seinem von Demut gezeichneten Charakter, auch reichlich schamhafte Gefühle, wenn er die Begrenztheit seines Wissens erlebt. „Es quälte ihn, dass er nicht recht wusste, was Politik bedeutete, und dass er nicht wusste, wo das All aufhörte. Er fühlte sich klein und schwach“, heißt es beispielsweise.

Dahinter steckt die Idee von der Literatur als Medium zugleich der Emanzipation und der Flucht. Joyce erzählt von einem Pubertierenden, der mit den schwierigen Verhältnissen – auch und vor allem in seinem Innenleben – kämpft, und wild entschlossen ist, den Triumph in diesem Kampf davonzutragen, und zwar durch die Kraft des Intellekts. „Seine jüngsten monströsen Träumereien kamen ihm scharenweise wieder ins Gedächtnis. Auch sie hatten sich, plötzlich und blindwütig, vor ihm aufgetan, aus bloßen Wörtern. Er hatte ihnen bald stattgegeben und sie über seinen Verstand fegen, ihn degradieren lassen, wobei er sich stets fragte, woher sie kämen, aus welcher Höhle monströser Bilder, und stets schwach und demutsvoll andern gegenüber, rastlos und seiner selbst überdrüssig, wenn sie über ihn hinweggefegt waren“, schildert er diese Auseinandersetzung.

Natürlich liefert James Joyce mit Ein Porträt des Künstlers als junger Mann auch eine Betrachtung über das Irischsein, zu einer Zeit, als das Land noch nicht unabhängig war und ebenso wie Peter Dedalus um seine Emanzipation kämpfte und über sein Selbstverständnis diskutierte. „Wenn die Seele eines Menschen in diesem Land geboren wird, werden ihr Netze übergeworfen, um sie am Fliegen zu hindern. Du sprichst mir von Nationalität, Sprache, Religion. Ich werde versuchen, an diesen Netzen vorüberzufliegen“, lautet die Lösung für die Hauptfigur. Der Roman behandelt ein Ringen um Identität, als Person und als Nation, und stellt heraus, wie beinahe aufdringlich in Irland die Religion als Klammer für beides angeboten wird. Gerade die Erkenntnis, dass Katholizismus ungeeignet ist, als Lebensmodell für ihn selbst und vielleicht auch für das gesamte Land, gerade der Versuch, sich den aktuellen Debatten ebenso zu verweigern wie naheliegenden Erklärungsmodellen, die ihre Legitimität vor allem aus ihrer Tradition beziehen, macht für Peter Dedalus das Leben so schwierig – und die Hoffnung so verheißungsvoll, stattdessen einen eigenen Weg finden zu können.

Bestes Zitat: „Alle schienen lebensmüd, noch bevor sie zu leben begannen.“

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