Durchgelesen: John Niven – „Old School“


Autor John Niven

Cover des Buchs Old School von John Niven Kritik Rezension

Rentner als Gangster: Das ist die Idee von „Old School“.

Titel Old School
Originaltitel Sunshine Cruise Company
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Jetzt ist also auch John Niven soft geworden. Der schottische Autor, geboren 1968, hatte mit seinem Debüt Kill Your Friends einst eine bitterböse Abrechnung mit der Musikindustrie vorgelegt. Später folgten unter anderem die heiß diskutierte Religions-Satire Gott bewahre und zuletzt der knüppelharte Thriller Das Gebot der Rache. Sein fünfter Roman Old School (der Originaltitel Sunshine Cruise Company bringt das noch viel deutlicher zum Ausdruck) ist im Vergleich dazu erstaunlich harmlos.

Im Zentrum stehen zwei Frauen, die gerade 60 geworden sind und mehr als zwei Drittel ihres Lebens als beste Freundinnen geteilt haben. Susan ist eine artige Hausfrau mit spießigem Gatten. Julie hat es nicht so gut getroffen: Nach einigen gescheiterten Versuchen mit diversen Männern und diversen Geschäftsideen ist sie alleinstehend und arbeitet als Putzkraft im Altenheim. Als auch Susans bürgerliche Sicherheit sich auf höchst spektakuläre Weise in Luft auflöst – ihr Gatte Barry kommt ums Leben, danach wird klar, dass er ihr nichts als Lügen und Schulden hinterlassen hat -, blicken beide einem Lebensabend voller Entbehrung und Erniedrigung ins Auge. Bis Susan eine Idee hat: Gemeinsam mit ein paar weiteren Senioren-Freundinnen will sie eine Bank ausrauben.

Das klingt nach einer skurrilen Komödie ungefähr im Stil von Der Zwerg reinigt die Kittel, und in manchen Passagen hat Old School sogar den Charakter einer albernen Klamotte. Da gibt es eine Verfolgungsjagd zwischen zwei Rollstuhlfahrern, einen Polizeikommissar als Crashpilot oder eine sehr unappetitliche Verhaftung, bei der das Zusammentreffen eines Elektroschockers mit einem seit Tagen verstopften Verdauungstrakt im Mittelpunkt steht. Aber es gibt zumindest auch ein paar Szenen, die John Nivens ungebrochene Lust auf Provokation und Splatter offenbaren.

Ganz so harmlos ist Old School dann aber doch nicht. Der Autor nimmt sich zu Beginn viel Zeit, um für seine beiden Hauptfiguren ein sehr bürgerliches und völlig unspektakuläres Image aufzubauen. Damit führt er ein Thema ein, das auch danach im Buch immer wieder auftaucht: das Motiv würdiger Armut (Susan, Julie und ihre Freundinnen haben sich immer redlich bemüht, das Schicksal hat es trotzdem nicht gut mit ihnen gemeint). Ihre prekäre Existenz steht hier vielen Figuren gegenüber, die sich in nicht nur übermäßigem, sondern auch unverdientem Reichtum sonnen: ein feiger Bankmanager, ein ehemaliger Verehrer, der sich seine Jacht mit dubiosen Import-/Exportgeschäften verdient hat, ein Gangsterboss, dessen liebstes Hobby es ist, das Leben minderjähriger Mädchen zu versauen. Natürlich steckt da nicht nur ein bisschen Sozialkritik und Moralismus drin, ebenso wie in der Figur des Sergeant Boscombe, der im Verlauf des Buches auf geradezu bemitleidenswerte Weise immer mehr zur Karikatur des unkultivierten Engländers wird.

Solche kleinen Gemeinheiten und Seitenhiebe werden die Fans von John Niven freuen. Die größte Qualität von Old School ist aber, dass Niven erneut ein extrem kurzweiliger Roman gelungen ist. Das Buch mag nicht subversiv und auch nicht allzu originell sein, trotzdem folgt man der Handlung mit größtem, manchmal sogar atemlosem Vergnügen. Alle 50 Seiten glaubt man, nun sei der Kern der Geschichte erreicht, doch stets folgen ein überraschender Wechsel oder eine ungeahnte Steigerung. Echte Spannung stellt sich freilich nicht ein in dieser Gangster-Story: Die rüstigen Bankräuber sind viel zu sympathisch, als dass man ernsthaft in Betracht ziehen könnte, sie würden am Ende scheitern.

Bestes Zitat: „Nun, meine Damen, einen Toast! Darauf, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Es ist immer noch die beste Rache, nicht wahr?“

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