Durchgelesen: John Steinbeck – „Früchte des Zorns“ 1


"Früchte des Zorns" ist ein Dokument des Zerfalls - und hoch aktuell.

„Früchte des Zorns“ ist ein Dokument des Zerfalls – und hoch aktuell.

Autor John Steinbeck
Titel Früchte des Zorns
Verlag DTV
Erscheinungsjahr 1939
Bewertung *****

Ein Priester, der vom Glauben abfällt. Ein Self-Made-Man, dem seine Existenzgrundlage genommen wird. Ein Ex-Sträfling, der unschuldig im Gefängnis saß und auch danach keine Reue verspürt. Schon nach wenigen Seiten hat John Steinbeck das gesamte Fundament des Landes zertrümmert, das sich selbst als die Heimat der Freien und Mutigen versteht: Religion, Eigentum, Gerechtigkeit, Freiheit.

Früchte des Zorns ist ein Frontalangriff auf uramerikanische Werte, und doch ein Plädoyer für den ebenfalls uramerikanischen Glauben an den Triumph des aufrechten Individuums. Dass dieser hier von den Protagonisten immer nur erträumt, erinnert und verlangt wird (auch von sich selbst), zeigt, wie aktuell dieses Meisterwerk auch ein ganzes Menschenleben nach seinem Erscheinen ist. Wenn gleich zu Beginn die Banken als anonyme Monster geschildert werden, in denen jede persönliche Verantwortung hinter Zahlen und Hierarchien versteckt wird, dann erinnert das frappierend an die Wut der Menschen und die Ohnmacht der Politik während der Finanzkrise.

John Steinbeck gibt dem Geschehen mit gekonnten Auslassungen eine gewisse Beiläufigkeit, die dem Trotz der Charaktere entspringt, und macht mit ebenso effektvollen Wiederholungen doch die Unvermeidlichkeit des Zerfalls deutlich, der hier allgegenwärtig ist – innerhalb der Familie als Mikrokosmos, aber auch im Makrokosmos der amerikanischen Gesellschaft.

Geschickt wechselt er dabei szenische und systemische Kapitel ab. Bestes Beispiel für ersteres ist der eindrucksvolle Dialog zwischen den Farmern, die gerade ihr gepachtetes Land verlieren, und dem Traktorfahrer, der künftig dieses Land allein bewirtschaften wird, das bisher hundert Familien ein Auskommen bescherte. Ein guter Beleg für letzteres ist Steinbecks Schilderung der Camps, die entlang der Route 66 entstehen. Dort übernachten all die enteigneten Landwirte, die nun auf dem Weg nach Kalifornien in die erhoffte bessere Zukunft sind, in provisorischen Lagern, und zwischen ihnen entsteht eine Art neuer Gesellschaftsvertrag im Sinne Rousseaus, allerdings ganz ohne Obrigkeit.

Auch anderswo ist Steinbeck offen politisch, er bezieht sich sogar an einer Stelle explizit auf Marx und Lenin. Kein Wunder: Früchte des Zorns ist ein erschütterndes Dokument der Entwurzelung, der Armut, des Endes der Solidarität einer Gesellschaft. Die Farmer aus dem Dust Bowl werden hier zu Hunderttausenden von der Moderne überrollt. Sie müssen ihre traditionelle Lebensweise aufgeben und sich ein neues Leben an der Westküste aufbauen – wo sie auf Ausbeutung und Fremdenfeindlichkeit treffen. Trotzdem hat das Buch keinen Anti-Helden: Es gibt nur die Zwänge des Systems, die hier jeden an den Rand des Abgrunds, in bittere Armut und an die Grenzen der Legalität bringen.

Ebenso wie das Böse kein Gesicht bekommt, hat Früchte des Zorns auch keine echte Hauptfigur, die den rechtschaffenen Gegenpol verkörpern könnte. Zwar folgt die Erzählung dem Weg des Ex-Sträflings Tom Joad, doch Steinbeck schenkt allen Figuren gleich viel Aufmerksamkeit und zeigt dabei ein grandioses Einfühlungsvermögen. Das ultimative Pflichtbewusstsein der Mutter, die Fantasiewelt der Kinder, die schelmische Nostalgie des Großvaters: Alles lässt Steinbeck ungeheuer authentisch und eindringlich zutage treten.

Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptfigur in Früchte des Zorns gibt, so ist es die Natur. Immer wieder personalisiert Steinbeck in seinen wunderschönen, detailverliebten Landschaftsbeschreibungen die Gewalt von Wind, Wasser, Hitze und wählt dabei mitunter einen fast biblischen Tonfall. Das macht die Quintessenz seines Werks vielleicht am deutlichsten: Die Menschen, von denen er erzählt, haben es geschafft, der Natur unter widrigsten Umständen eine Existenz abzuringen. Aber sie sind ohnmächtig gegen ein System, das die Menschen geschaffen haben.

Beste Stelle: „Wie sollen wir Leben ohne unsere Leben? Woher sollen wir wissen, dass wir’s sind – ohne unsere Vergangenheit?“


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