Durchgelesen: Jonathan Safran Foer – „Tiere essen“ 2


Der Titel klingt neutral, doch der Verdacht ist richtig: "Tiere essen" ist ein Anti-Fleisch-Buch.

Der Titel klingt neutral, doch der Verdacht ist richtig: „Tiere essen“ ist ein Anti-Fleisch-Buch.

Autor Jonathan Safran Foer
Titel Tiere essen
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung ****

Vorab: Ich esse Fleisch. Nicht besonders gerne und nicht besonders viel. Aber die kleine Sünde eines Whopper, der verlockende Duft von Bratwurst auf dem Grill oder der unerreicht leckere Hackbraten, den mein Vater zubereitet: All das ist ein Genuss für mich. Jedenfalls war es das bis jetzt.

Denn jetzt habe ich Tiere essen gelesen. Es ist das Buch, das man wohl am wenigsten von Jonathan Safran Foer erwarten durfte. Das Wunderkind der amerikanischen Literatur hatte für sein Debüt Alles ist erleuchtet, in dem sich ein junger Amerikaner auf die Suche nach seinen jüdischen Vorfahren in Osteuropa macht, 2002 jede Menge Lob bekommen. Die Times erklärte Foer zum Genie; Applaus gab es auch von renommierten Kollegen wie Isabel Allende, John Updike oder Salman Rushdie. Foer wurde zum Superstar.

Der Nachfolger Extrem laut und unglaublich nah (2005), die Geschichte des kleinen Oskar, dessen Vater im World Trade Center gestorben ist, war eines der wenigen Werke überhaupt, die künstlerisch der Wirkung des 11. September gerecht geworden sind – und das von einem Autor, der zum Zeitpunkt der Anschläge gerade einmal 24 Jahre alt war.

Mit Alles ist erleuchtet, das 2005 mit Elijah Wood in der Hauptrolle verfilmt wurde, war Jonathan Safran Foer so etwas wie der amerikanische Daniel Kehlmann geworden. Mit dem zweiten Roman bewegte er sich in der öffentlichen Wahrnehmung in Richtung Benjamin von Stuckrad-Barre: jung, mutig, umstritten. Vor allem sein extensiver Gebrauch von visuellen Elementen – experimentelle Typografie, Fotos, leere Seiten – sorgte bei einigen Kritikern für Kopfschütteln, von anderen wurde er zum Vordenker einen neuen, unterhaltsamen, bedeutenden Literatur erkoren. Die Huffington Post setzte ihn auf Platz 9 unter den 15 am meisten überbewerteten zeitgenössischen Schriftstellern.

Mit Tiere essen hat sich die Debatte noch verschärft. Jonathan Safran Foer hat damit nichts weniger getan, als in den USA eine neue Welle des Vegetarismus loszutreten. Auch in Deutschland ist das Buch sein bisher größter Erfolg: Aktuell steht Tiere essen auf Platz 4 der Spiegel-Bestsellerliste, mit 90.000 Exemplaren wurden hierzulande bereits fast doppelt so viele verkauft wie von den beiden Vorgängern, von denen in Deutschland jeweils 50.000 Stück abgesetzt wurden.

Der Bruch zu seinem bisherigen Werk könnte auf den ersten Blick kaum größer sein. Foer hat keinen Roman geschrieben, sondern – so nennt er es selbst – ein «journalistisches Werk», mit Gastbeiträgen von Experten und teilweise in bester Wallraff-Manier heimlich recherchierten Fakten. Tiere essen ist ein erschütterndes, aufrüttelndes Sachbuch über die Zustände in der amerikanischen Landwirtschaft, vor allem der Massentierhaltung, von der Stoßrichtung her irgendwo zwischen Michel Fabers wunderbarer Fabel Die Weltenwanderin und Morgan Spurlocks filmischen Selbstversuch Super Size Me.

Das Buch ist, kurz gesagt, ein Schock. Es zeigt: Tiere sind durch Gentechnik so entstellt, dass sie quasi als Monster auf die Welt kommen, ihr Leben ist dann eine unfassbare Tortur, bis sie auf bestialische Weise getötet werden. Und das gilt nicht für den schlimmsten Fall, sondern für 99 Prozent aller Tiere, die als Nahrungsmittel enden. Alles ist erleuchtet? Das gilt hier für die Ställe, in denen Hühner durch künstliche Beleuchtung zu schnellerem Wachstum gebracht werden sollen, während sie im eigene Kot leben müssen. Extrem laut und unglaublich nah? So klingt der Tod für Schweine, nachdem sie endlich den qualvollen Weg zum Schlachthof überstanden haben. Foer war selbst überrascht vom Ausmaß dieses Schreckens, denn seine Intention war ganz unschuldig. Als frisch gebackener Vater wollte Foer «einfach wissen – für mich und meine Familie -, was Fleisch ist. Ich wollte das so konkret wie nur möglich wissen.»

Das zeigt auch schon, dass sich durchaus Elemente seines bisherigen Schaffens wieder finden. Tiere essen ist, wie alle Bücher von Foer, auch eine Familiengeschichte. Auch hier gibt es kleine Spielereien mit dem Layout, auch sein drittes Buch behandelt ein Thema, das im Brennpunkt des gesellschaftlichen Interesses steht. Und nicht zuletzt ist auch Tiere essen getragen von einem unvergleichlichen Humanismus.

Das Wort «human» kommt oft vor in diesem Buch. Dass es «menschenwürdig» bedeutet, dass wir aber im Allgemeinen auch Tiere «human» behandeln wollen, ist ein veritables Dilemma, das schnell zum Kern des Buches führt. Wie viel Tier steckt in uns? Wie viel Menschliches steckt in Tieren? Wollen wir Tiere als unsere Vettern ansehen (wie der französische Philosoph Jacques Derrida) oder als minderwertige Kreaturen, letztlich als Produkte (wie die Lebensmittelindustrie)?

Foer erörtert diese Fragen immer wieder. Es ist die erste große Stärke von Tiere essen, dass seine Betrachtung der Massentierhaltung nicht nur philosophisch bleibt, sondern auch politische, kulturelle, wirtschaftliche, gesundheitliche und ökologische Fragen aufwirft. Dass die heutige Form der Landwirtschaft skandalös ist, dass sie gar das Potenzial in sich birgt, die gesamte Menschheit in den Abgrund zu stürzen, das macht Foer mit einer ebenso erdrückenden wie erschütternden Faktenfülle deutlich. Dass diese Probleme im System der Landwirtschaft angelegt sind (die nach der Lektüre als mindestens ebenso verwerflich, skrupellos und verachtenswert dasteht wie die Finanzbranche, und wer das nicht glaubt, der sollte sich dieses Schock-Video ansehen), und dass wir alle durch unsere Kaufentscheidungen dazu beitragen, dieses System aufrecht zu erhalten – auch das wird nicht verschwiegen.

Die zweite große Stärke des Buches ist, dass Foer trotz des Ausmaßes dieser Bedrohung nicht versucht, zu missionieren. Er ist radikal (ein Kapitel nennt er Ein Plädoyer für das Essen von Hunden), er ist provokant (an einer Stelle fragt er «Träte uns eines Tages eine stärkere und intelligentere Lebensform als unsere eigene gegenüber (…), was könnten wir dann als Argument anführen, damit man uns nicht isst?»), und er nimmt kein Blatt vor den Mund («KFC kann mit Recht beanspruchen, das Leiden in der Welt mehr gesteigert zu haben als jedes andere Unternehmen in der Geschichte der Menschheit.»). Aber niemals zwingt er dem Leser seine Meinung auf, oder gar seine Entscheidung, fortan auf Fleisch zu verzichten.

Die Überzeugungsarbeit lässt er die Fakten leisten. Dabei entwickelt Tiere essen vor allem deshalb eine solche perfide Wirkungsmacht, weil wir im Prinzip alle bereits eine Vorstellung davon haben, unter welchen Bedingungen unsere Schnitzel, Burger und Weihnachtsbraten entstehen. Wenn ein Buch Tiere essen heißt, dann vermutet man schon eine Anti-Fleisch-Position, obwohl der Titel ganz neutral ist.

Foer weiß das, und er thematisiert diese Kluft zwischen Ahnen und Verdrängen. Doch das Ausmaß der Grausamkeit, mit der Schweine, Rinder und Geflügel in der industrialisierten Landwirtschaft behandelt werden, ist dennoch erschreckend. Ebenso die Folgen, die riesige Tierfabriken für die Umwelt haben. Der Zusammenhang, der zwischen Fleischnachfrage und Welthunger besteht. Die Gesundheitsrisiken, die von kranken Tieren auf die ganze Weltbevölkerung übergehen (Schweine- und Vogelgrippe). Die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen. Der riesige Unterschied, der zwischen unserer Vorstellung von Landwirtschaft (Bauernhöfe, Mistgabeln und Gummistiefel) und der Realität (Gentechnik, Antibiotika, Korruption) besteht.

Ein paar Mal ist Foer offensichtlich selbst übermannt vom Ausmaß der Verwerflichkeiten, dann wird er beinahe esoterisch. «Unsere Nahrung besteht aus Leiden», schreibt er dann, oder: «Wir führen Krieg gegen die Tiere». Doch selbst für solche Formulierungen kann man Verständnis haben angesichts des Horrors, der sich vor dem Autor aufgetan hat.

Wer sich als deutscher Leser in die Hoffnung flüchtet, bei lebendigem Leibe gehäutete Rinder, Stromschockgeräte in der Vagina von Sauen oder die massenhafte Vernichtung von Küken per Häcksler seien rein amerikanische Phänomene, sieht sich getäuscht. In den Anmerkungen der deutschen Ausgabe wird deutlich, was ein reines US-Phänomen und was auch in Deutschland Realität ist – und der Vergleich bietet wenig Trost.

Tiere essen macht deutlich: Bis eine flächendeckende Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft möglich ist, hat jeder, der ein bisschen Tierliebe, ein wenig Verantwortungsgefühl, ein Minimum an ethischem Empfinden in sich trägt, in punkto Fleischverzehr nur zwei Möglichkeiten: Vegetarismus oder Ignoranz.

Beste Stelle: „Der beste Grund für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist die Tatsache, dass wir wissen, wie schlimm die Zukunft sein könnte.“

Im Video spricht Jonathan Safran Foer über Tiere essen:


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