Durchgelesen: Joost de Vries – „Die Republik“


Autor Joost de Vries

Die Republik Joost de Vries Kritik Rezension

„Die Republik“ ist der zweite Roman von Joost de Vries.

Titel Die Republik
Verlag Heyne Encore
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Kennen Sie Josip Brik? Nein? Das ist nicht weiter schlimm. Er ist bloß eine fiktive Figur im zweiten Roman von Joost de Vries. Innerhalb dieser Roman-Welt allerdings sollte jeder, der etwas auf sich hält, mit diesem Namen etwas anfangen können: Josip Brik ist ein Akademiker irgendwo an der Grenze zwischen renommiert, legendär und berüchtigt. Er ist ein begnadeter Philosoph, hat aber auch ein Faible für Hollywood und Popmusik. Dann stürzt er vom Balkon eines Hotelzimmers in Amsterdam und ist tot.

Friso de Vos ist in diesem Roman so etwas wie die rechte Hand von Brik. Sein berühmter Mentor hat ihm den Job als Chefredakteur von Der Schlafwandler verschafft, einer Zeitschrift für Hitlerstudien, und ihn dazu aus den Niederlanden an die Cornell-Universität in die USA geholt. Nach dem Tod seines Chefs macht sich Friso de Vos daran, sein Erbe anzutreten, trifft dabei allerdings auf zwei Hindernisse: Erstens liegt er nach einer heimtückischen Infektion während einer Recherchereise nach Chile wochenlang auf der Intensivstation und kann nicht öffentlich auftreten, als das Interesse der Welt an Josip Brik größer denn je ist. Zweitens tritt ein zweiter Ziehsohn auf den Plan, von dem er bisher nichts wusste: Philip de Vries. Auch er sieht sich als legitimer Nachfolger des gerade verblichenen Wissenschaftlers und wird schnell zum gefragten Trauerredner, Interviewpartner und Brik-Erklärer.

Diese Rolle hatte Friso de Vos insgeheim immer für sich selbst erhofft – und schwört deshalb Rache. „Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher sah ich, dass ich recht hatte“, meint er. „Ich hatte nicht ihn imitiert, als er im Fernsehen auftrat, auf der Gedenkfeier Reden hielt und Briks lange verlorenen Sohn mimte, sondern er mich. Arschloch. Und jetzt war ich an der Reihe, von seinem Tellerchen zu essen.“

Dass Philip de Vries natürlich ein Alter Ego von Friso de Vos (und womöglich von Joost de Vries) ist, liegt auf der Hand. Der 1983 geborene Autor nutzt diese Konstellation für einen scharfsinnigen Blick auf das akademische Milieu als eine Welt, in der sich alles um Aufsätze, Forschungsreisen und Konferenzen dreht – und, wie Die Republik deutlich macht, um Profilneurosen. Der Brik-Experte aus den USA will den Brik-Experten aus den Niederlanden auf einer Konferenz in Wien bloßstellen. Bis es soweit kommen kann, breitet der Autor ein Geflecht aus Eifersucht, Neid und Ränkespielen aus, das schließlich sogar in die Nähe von Spionage, Verschwörung und Schizophrenie gerät.

„Feinde multiplizieren sich von alleine“, ist eine der Erkenntnisse, die Friso de Vos machen muss beim Versuch, sich als einzig legitimer Thronfolger in Szene zu setzen. Joost de Vries führt dabei das Ungleichgewicht der Beziehung zwischen Mentor und Zögling vor, wenn er beispielsweise den E-Mail-Verkehr zwischen Friso de Vos und Josip Brik in seinen Roman einblockt, der stets bloß in eine Richtung verläuft.

Der Autor, der sich für Die Republik nach eigenem Bekunden von Don DeLillos Weißes Rauschen hat inspirieren lassen, glänzt mit weiteren formalen Überraschungen. So flicht er imaginäre Interviews in seine Handlung ein, zudem zieren witzige Fotos von Katzen, Körperpflegeprodukten oder sogar Häusern, die wie Hitler aussehen, sein Buch. Nicht zuletzt gibt es tolle, sehr fantasiereiche und plastische Sprachbilder wie diese Beschreibung des berühmten Professor Brik: „Sein Gesicht sieht aus wie etwas, das man sich vors Auto montiert, um damit durch den Schnee fahren zu können.“

Joost de Vries schafft es mit diesen Mitteln und vor allem mit seiner sehr originell konzipierten Handlung, eine gehörige Portion Spannung in dieses Buch zu bekommen, bei der man kaum sagen kann, wo sie herkommt, und erst recht nicht, mit welchem Ende sie sich möglicherweise auflösen wird. Diese beinahe surreale Atmosphäre überträgt sich auch auf seine Protagonisten. „Es war merkwürdig. Im einen Augenblick ist man da, und im nächsten gibt es weniger von einem, und man fragt sich, wohin der andere Teil verschwunden sein mag, ob er irgendwo außerhalb des eigenen Selbst existiert. Man glaubt, ihn vielleicht zurückbekommen zu können, und plötzlich spürt man, dass man ihn einfach verloren hat“, stellt Friso de Vos beispielsweise fest.

Nicht zuletzt lebt Die Republik von der wunderbaren Figur des Josip Brik selbst, auch wenn dieser schon tot ist, als die Handlung ihren eigentlichen Anfang nimmt. Mit den liebevollen Schilderungen seiner Spleens, seiner Eitelkeit und seiner Beredsamkeit gelingt Joost de Vries nicht nur ein eindrucksvolles Porträt eines modernen Feuilleton-Stars. Er führt damit auch vor Augen, wie erstaunlich groß die Bereitschaft der angeblich ach so nüchternen Wissenschaftswelt ist, einen Mythos aus ihren wenigen wirklich schillernden Figuren zu machen.

Bestes Zitat: „Hat doch immer etwas Bedauernswertes, so eine Republik. Die kommt immer nach etwas, nach einem Königreich oder einem Kaiserreich. Sie besteht nie aus sich selbst, als wäre sie nie der natürliche Zustand.“

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