Durchgelesen: Jorge Semprún – „Was für ein schöner Sonntag“


Autor Jorge Semprún

Jorge Semprún Was für ein schöner Sonntag Kritik Rezension

In „Was für ein schöner Sonntag“ erzählt Jorge Semprún vom Leben im KZ Buchenwald.

Titel Was für ein schöner Sonntag
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1980
Bewertung

Der Ich-Erzähler in Was für ein schöner Sonntag hat keinen Namen. Er ist Spanier und im Dezember 1944, als die Handlung beginnt, seit zwei Jahren im Konzentrationslager Buchenwald in der Nähe von Weimar interniert. Im Lager wird er „Gerard“ genannt, das war einer der zahlreichen Decknamen, die er während seiner Arbeit im Untergrund für die kommunistische Partei angenommen hatte. Für die SS-Wachleute ist er Häftling Nummer 44904 (S).

Während eines Arbeitseinsatzes außerhalb des Lagers umarmt er in der ersten Szene des Buchs einen Baum am Wegesrand. Ein SS-Unteroffizier fragt ihn: Was machst du hier? Dieser banalen Frage sinnt der Ich-Erzähler dann nach: Welche Umstände haben ihn als Person und die Welt als Ganzes an so einen Ort gebracht? Jorge Semprúns autobiografischer Roman zeugt letztlich von Versuch, Sinn in die Antwort auf diese Frage zu bekommen – auch in den Umstand, dass sowohl die KZ-Häftlinge als auch die Welt um sie herum so schnell Empörung und Protest angesichts des Terror-Regimes im Lager gegen Akzeptanz und Erdulden eintauschten („Irgendwann war es normal, dass wir dort waren“, heißt es mit schauriger Nonchalance an einer Stelle). Der Verzicht auf einen Namen für die Hauptfigur ist damit einerseits ein Schutz: Er bringt Distanz zum Erzählten, vermeidet Identifikation zwischen Autor und Erzähler. Er lässt die Möglichkeit offen, die als Sehnsucht immer wieder in diesem Roman zu erkennen ist: Vielleicht ist das gar nicht mir passiert. Vielleicht sind all diese Erinnerungen, Qualen und Traumata gar nicht meine. Vielleicht habe ich in keiner Weise zur Existenz dieses Schreckensorts beigetragen.

Andererseits ist die Namenlosigkeit des Erzählers (nicht zu verwechseln mit einer Anonymität, die in Anspruch nehmen würde, dass er pars pro toto steht oder gar spricht) auch eine treffende Entsprechung für das Gefühl von Entfremdung, das mit dem Erlebten einher geht. Kann es solchen Horror wirklich geben? Sind Menschen in der Lage, ihn einerseits auszuüben, andererseits zu ertragen? Welche Rolle spielt mein Ich darin und wie wird es durch diesen Horror verändert? Diese Fragen sind zentral, und die bloß vage Verortung des Ich-Erzählers ist ihr Ausdruck.

Passend dazu erschrickt dieser Ich-Erzähler, als er viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiedersehen mit einem einstigen Mithäftling von ihm noch immer Gerard genannt wird. „Es ist so, als hätte ich aufgehört, ich zu sein, um die Figur einer Erzählung über mich zu werden. Als hätte ich aufgehört, das Ich dieser Erzählung zu sein, um ein bloßes Spiel, ein Einsatz, ein Er zu werden.“ Nicht nur die Gewissheit von Identität schwindet hier, sondern auch die von Realität. Das äußert sich beispielsweise in zahlreichen Passagen, in denen der Erzähler die Gegenwart Goethes und anderer Geistesgrößen herbeifantasiert, die einst dort spazieren gingen und die Erhabenheit und Würde des Menschen mit ihren Werken feierten, wo jetzt die maximale Entwürdigung von Menschen in die Tat umgesetzt wird. Fast genauso präsent wie diese Abschweifungen ist das Bild des Traums für das Erlebte. „Ich habe zwar den Eindruck, dass es ein Traum ist, aber ich bin nicht sicher, dass ich ihn geträumt habe. Vielleicht ist es ein anderer gewesen“, schreibt Semprún, der als Mitglied der Résistance selbst ab 1943 im KZ Buchenwald interniert war. Später heißt es in seinem Roman, ganz ähnlich: „Das Leben ist kein Traum, oh nein, ich war einer. Und zudem: der Traum von irgend jemandem, der seit langem tot sein sollte. Ich habe bereits, trotz seiner unbeschreiblichen Anstößigkeit, jenes Gefühl erwähnt, das mich im Laufe der Jahre mitunter befällt. Die ruhige und völlig verzweifelte Gewissheit, nur ein Traumgespinst eines jungen Toten von einst zu sein.“

Verstärkt wird dieses Empfinden von existenziellem Zweifel und absoluter Heimatlosigkeit auch durch die politischen Entwicklungen. Was für ein schöner Sonntag erweist sich als Reflexion über die Ideologien des vergangenen Jahrhunderts, über ihre Wirkungsweisen und Versprechungen, und das Fazit ist ein sehr ernüchtertes. Zur mentalen Zerrissenheit des Erzählers trägt auch die Empörung darüber bei, dass all dieses Leid, all dieses Sterben womöglich unnütz war. Er spricht vom Schuldgefühl, „zweifellos dem Lager der Gerechten angehört zu haben, während die Ideen, für die ich zu kämpfen glaubte, zur gleichen Zeit dazu dienten, die radikalste Ungerechtigkeit, das vollkommenste Übel zu rechtfertigen.“ Gemeint sind etwa Säuberungsaktion oder andere Zwangsmaßnahmen in der Sowjetunion unter Stalin, aus oft genug nichtigem Anlass. „Warum? Ohne Grund oder eher, um zu beweisen, dass eine absolute Macht es absolut nicht nötig hat, vernunftmäßig, juristisch ihren Machtmissbrauch zu rechtfertigen. Um klarzumachen, dass der Terror nie endet, damit man es für selbstverständlich hält, dass der Terror sich von einem bestimmten Augenblick an aus sich selbst nährt, aus der endlosen Ausübung seiner eigenen Willkürherrschaft“.

Später bezeichnet er Wörter, die für (politischen) Zusammenhalt stehen wie „Wir“ oder „die Unseren“ als „grundsätzliche Wörter der Sprache aus Holz, aus dem man die Scheiterhaufen errichtet und die Guillotinegerüste anfertigt“. Tragisch ist das nicht nur, weil die Parallenen und Gemeinsamkeiten zwischen einstigen Feinden und vermeintlichen Kameraden erkennbar werden, sondern vor allem, weil daraus nicht einmal Verbitterung spricht. Denn Verbitterung setzt Hoffnung, Überzeugung und Ideale voraus, die sich der Ich-Erzähler nicht mehr gestatten möchte, in der Gewissheit, dass sie – egal, wie wohlmeinend – nicht nur scheitern, sondern vor allem missbraucht werden können. Beim Blick auf die Versprechen des Kommunismus, für die er sein Heimatland verlassen, dann im Untergrund sein Leben riskiert und schließlich die unmenschlichen Bedingungen im Lager ertragen hat, kann er jetzt nur noch attestieren: „Ich wusste fortan, dass der Mythos des neuen Menschen einer der blutigsten in der blutrünstigen Geschichte der historischen Mythen war.“

Eindrucksvoll genug wäre Was für ein schöner Sonntag damit schon als historisches Panorama und weltanschauliche Analyse. Meisterhaft wird das Buch, weil Jorge Semprún hier – und zwar genau so ausgeprägt wie über die Weltpolitik – über Erinnerung, Verdrängung, Verarbeitung und Erzählen reflektiert, nicht zuletzt über die Möglichkeiten und Grenzen der Literatur. Wie schwierig der eingangs erwähnte Versuch ist, Sinn in dieses Erlebte zu bekommen, zeigt sich in der sprunghaften, manchmal chaotisch anmutenden Form des Romans. Die Unmöglichkeit, ein Geschehen, das so weit weg von unserer normalen Vorstellungswelt ist, mit konventionellen Methoden wiederzugeben, thematisiert Semprún sogar mehrfach ganz explizit. „Ich hatte beschlossen, diese Geschichte in chronologischer Reihenfolge zu erzählen. Keineswegs aus Hang zur Einfachheit, nichts ist komplizierter als die chronologische Reihenfolge. Keineswegs aus Sorge um den Realismus, nichts ist irrealer als die chronologische Reihenfolge. Sie ist eine Abstraktion, eine kulturelle Konvention, eine geometrische Eroberung des Geistes. Man hat das schließlich natürlich gefunden, wie die Monogamie“, schreibt er etwa an einer Stelle – wohlgemerkt, nachdem es in seiner Erzählung schon etliche Sprünge zwischen dem Geschehen in Buchenwald, Berichten über seine späteren Aufträge als Funktionär der kommunistischen Partei oder Rückblenden in die Jahre seines Studiums gegeben hat.

Die Lösung, die er schließlich wählt, lässt sich beinahe als Hypertext betrachten, der ebenfalls dazu dient, die namenlose Figur des Erzählers, sogar den Autor selbst, möglichst weit verschwinden zu lassen, der aber zugleich die Hoffnung beinhaltet, durch die Strukturierung der persönlichen Erinnerung in Wörter, Sätze und Absätze so etwas wie Ordnung in das eigene Selbstbild, vielleicht sogar Weltbild zu bekommen, nachdem es eine so elementare Erschütterung erfahren hat. Beim Blick auf die Überlebenden von Buchenwald und anderen Konzentrationslagern heißt es: „Vielleicht ist es nicht ihr Problem, überzeugend vom Lagerleben zu erzählen. Vielleicht besteht ihr Problem einfach darin, im Lager gewesen zu sein und es überlebt zu haben. So einfach ist es freilich nicht. Hat man wirklich etwas erlebt, wenn es einem nicht gelingt, gut davon zu erzählen, wenigstens ein Körnchen Wahrheit bedeutungsvoll zu rekonstruieren – indem man es dadurch mitteilbar macht? Wirklich erleben, bedeutet das nicht, sich seine persönliche Erfahrung bewusst zu machen – das heißt, das Erlebte ins Gedächtnis zu rufen und gleichzeitig dazu fähig zu sein, es zu gestalten? Aber kann man irgendeine Erfahrung verarbeiten, ohne sie sprachlich mehr oder weniger zu meistern? Das heißt, die Geschichte, die Geschichten, die Erzählungen, die Erinnerungen, die Zeugnisse: das Leben? Den Text, ja die Textur, das Gewebe des Lebens?“ In dieser Frage steckt letztlich die Größe von Was für ein schöner Sonntag vielleicht auch eine doch noch verbliebene Hoffnung von Jorge Semprún: der Glaube an Sprache als Mittel der Bewältigung.

Bestes Zitat: „Nichts berechtigt mich je, im Namen der Toten zu sprechen, schon allein die Vorstellung, mir diese Rolle anzumaßen, erfüllt mich mit Grauen; eben deshalb bin ich kein Überlebender, deshalb werde ich nie wie jemand sprechen, der den Tod seiner Kumpel überlebt hat. Ich bin ein Lebender, mehr nicht. Sicherlich ist das zwar weniger eindrucksvoll, aber es ist richtiger.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.