Durchgelesen: Justin Torres – „Wir Tiere“


Kompakt und roh erzählt Justin Torres in "Wir Tiere" von seiner Kindheit.

Kompakt und roh erzählt Justin Torres in „Wir Tiere“ von seiner Kindheit.

Autor Justin Torres
Titel Wir Tiere
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Justin Torres nennt dieses Buch autobiographisch. Er findet, dass daran nichts Besonderes ist: „Viele der Romane, die mich ansprechen (…) reflektieren Erlebnisse ihrer Autoren. Um dies zu erkennen, musste ich nicht viel Zeit mit Nachforschungen zu den Biographien der Autoren zubringen, sondern es gibt da immer einen gewissen Ton, eine Ansicht des Autors, eine emotionale Resonanz oder Wahrheit, die mir als Leser sofort signalisiert, dass die Geschichte auf irgendeine Art und Weise auf persönlicher Erfahrung basiert“, sagt der 1980 geborene New Yorker im Interview mit dem Granta Magazine.

Trotzdem ist es eine erstaunliche Aussage. Denn Wir Tiere, der Debütroman von Torres, der nach viel Kritikerlob in den USA nun auf Deutsch erscheint, erzählt die Geschichte einer durchaus problematischen Kindheit. Der Erzähler ist der jüngste von drei Brüdern, zu Beginn des Romans sechs Jahre alt. Manny ist drei Jahre älter, Joel ist ein Jahr älter. „Die Gotteszahl ist drei. Wir waren die Gotteszahl“, heiß es über diese verschworene Gemeinschaft. Doch neben Geschwisterliebe und Kameradschaft gibt es reichlich Lärm, Chaos und Aufruhr in dieser Geschichte. Der Vater ist Puerto Ricaner, die Mutter ist Weiße, und beide sind so jung, dass sie selbst bei der Geburt ihres dritten Kindes noch Teenager sind.

Die Mutter ist verwirrt, der Vater verschließt auch ganz gerne einmal die Augen vor der Realität, die aus Gelegenheitsjobs besteht, aus Geldsorgen und der Erkenntnis, dass der Ernst des Lebens viel zu früh begonnen hat. Die Kinder sind gierig nach Leben, nach Abenteuer, nach Aufmerksamkeit, wie ein Rudel junger, rücksichtsloser, unersättlicher Hunde, wie nicht zuletzt der Buchtitel andeutet. Sie wissen wenig von Moral und Anstand und nichts von Manieren, weil niemand in der Lage ist, ihnen all dies beibringen zu können – schon gar nicht die Welt, die sie umgibt.

Das Jugendamt hätte sicherlich einiges anzumerken über das Aufwachsen in so einer Umgebung, dennoch wäre es verfehlt, diese Familie „dysfunktional“ zu nennen – und Torres, der den Roman übrigens seinen Eltern und Brüdern gewidmet hat, wehrt sich explizit gegen diesen Begriff. Denn Wir Tiere zeigt sehr eindrucksvoll, dass neben vielen Problemen, Enttäuschungen und Verletzungen auch eine große Leidenschaft und Herzlichkeit steht, eine Improvisationskunst, Leichtigkeit und Genügsamkeit, die für viele Momente der Unbeschwertheit und des Glücks sorgt.

„Wenn ich anderen Menschen von meiner Kindheit erzähle, von meinem Zuhause, versuche ich immer, alles einzufangen, den Spaß, den Schmerz, die Leidenschaft“, umschreibt Torres diese Vielschichtigkeit, die im Zentrum von Wir Tiere steht. „Ich wollte den genauen Klang meiner Erfahrung finden, den Rhythmus meiner Familie, die unbändige, verschwörerische Sprache unter Brüdern, die Kadenzen von Begeisterung und Angst.“

Eben dieser Sound, roh, direkt, unsentimental und unverblümt, ist die erste wichtige Säule für die erstaunliche Wirkung von Wir Tiere. Die zweite ist die Kompaktheit. Insgesamt braucht Justin Torres für sein Debüt nur 176 Seiten. Das erste Kapitel schafft es, auf nur drei Seiten den Geist, die Einmaligkeit, das Rausch- und Schmerzhafte der Kindheit zusammenzufassen. Diese Reduzierung steigert die Wucht des Romans beträchtlich: Wir Tiere ist ein Buch, das Wunden schlägt.

Bestes Zitat: „Zwei taten sich gegen den dritten zusammen, dann wechselte plötzlich einer die Seiten, ein neuer Bruder wurde gepiesackt und ausgestoßen, dann ein weiterer Verrat und noch einer. So verbrachten wir den langen Morgen und die frühen Nachmittagsstunden und sprachen nichts anderes aus als Drohungen und Abfälligkeiten, sagten ‚Ach ja?’, und fluchten. Wir redeten nicht darüber, was als nächstes passieren könnte; wir waren harte, mutige Jungs.“

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