Durchgelesen: Kathrin Wessling – „Morgen ist es vorbei“


Autor Kathrin Wessling

Covers des Buchs Morgen ist es vorbei von Kathrin Wessling

14 Stories über Liebeskummer hat Kathrin Wessling geschrieben.

Titel Morgen ist es vorbei
Verlag Luchterhand
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Morgen ist es vorbei heißt das zweite Buch von Kathrin Wessling nach dem erfolgreichen Debüt Drüberleben (2012), das es mittlerweile auch als Theaterstück und bald als Hörspiel gibt. Es ist ein Buch über Liebeskummer, und zwar ausschließlich. Einmal geht es um enttäuschte Geschwisterliebe beim Urlaub in den Bergen, sonst immer um den Liebeskummer von Großstädtern, Jungen und Mädchen, Männer und Frauen oder irgendwelche Paare im Alter dazwischen. Vierzehn Stories, ein Thema.

Morgen ist es vorbei ist ein wunderbarer Titel dafür. Denn er steht für die Hoffnung, dass der Schmerz eines gebrochenen Herzens irgendwann vorbei gehen wird, nach dem Motto „Die Zeit heilt alle Wunden“; ein Tag scheint dabei die kleinste denkbare Zeiteinheit zu sein. Morgen ist es vorbei – das steht auch für die Angst, die man als mit Liebeskummer bereits gebranntes Kind permanent verspürt, auch wenn eine Beziehung gerade perfekt zu sein scheint. Die Ohnmacht derer, die verlassen, verletzt oder betrogen wurden, wird zum Trauma, das sich auch in Momenten des Glücks nie ganz ausblenden lässt.

Es ist ein ehrliches Buch, so sehr, dass man Lesern, die gerade an akutem Liebeskummer leiden, wahrscheinlich von der Lektüre abraten muss. Sie werden sich eher erkannt fühlen als verstanden, und sie werden von Kathrin Wessling die bittere Lektion vermittelt bekommen, dass Liebeskummer einen doppelten Charakter hat, wenn man nach dem Ende einer vermeintlich großen Liebe merkt, dass es diese große Liebe maximal für einen der beiden Beteiligten war. Man betrauert dann mindestens so sehr diese Selbsttäuschung wie die Tatsache, dass sie (die Liebe und die Täuschung) vorbei ist.

Wessling, Jahrgang 1985, in der Poetry-Slam-Szene bekannt geworden und mittlerweile eine der bekanntesten Social-Media-Figuren in Deutschland, verbietet sich in Morgen ist es vorbei die Idee von Romantik als Hoffnung. „Jetzt würde ich gerne eine Happy End schreiben“, heißt es an einer Stelle, „irgendwas, das nach Disney klingt. Irgendwas, das macht, dass man auch weiterhin vergessen und verdrängen kann, dass das in diesem Leben nicht so läuft. Dass am Ende nicht alles toll wird, dass Enden einfach Enden sind, die parallel zu Anfängen geschehen, dass diese ganze Spur, die wir ablaufen und Leben nennen, dass die eigentlich aus ganz vielen Spuren besteht und irgendwo setzt irgendwann irgendein Takt ein und ein anderer hört auf, vielleicht gibt es noch einen versteckten Bonus-Track, nachdem zehn Minuten Stille war. Aber am Ende ist nichts gut und gar nicht schlecht, weil es keine richtigen Anfänge und Enden gibt, weil alles immer parallel ist und meistens einfach aufhört.“

Wer das jetzt ein bisschen verwirrend oder unlogisch findet, wird wohl mit dem Argument gekontert: Der Leidende kennt keine Logik. Trotzdem sind solche Passagen, auch wenn sie gut und tiefgründig klingen, eines der Ärgernisse in diesem Buch. Es gibt Weltschmerz in einem Ausmaß und einer Ausschließlichkeit, dass man es manchmal ein wenig pubertär finden muss. Statt Eitelkeit, die – zugegebenermaßen – immer mit Liebeskummer einhergehen, hätte man sich an einigen Stellen mehr Horizont gewünscht, statt Selbstmitleid ein wenig öfter auch ein Blick auf die Ursachen einer Trennung, nicht nur auf die Folgen. Irritierend ist auch die Passivität der Figuren in diesem Buch. Sie schwelgen nicht im Kummer und kosten ihn nicht unnötig aus – dafür ist ihr Schmerz zu groß. Aber sie wehren sich auch nicht, suchen allenfalls Ablenkung, aber niemals einen Ausweg – auch dafür ist der Schmerz wohl zu erdrückend und lähmend. Liebeskummer ist in diesem Buch nichts, wozu zwei (oder drei) Menschen durch ihre Taten beigetragen haben, sondern eine Naturgewalt, die einfach akzeptiert wird. Er trifft die Menschen in diesem Buch, so wie er jeden anderen hätte treffen können, und nur wenn sie Glück haben, werden sie ihn überleben.

Es gibt ein beträchtliches Qualitätsgefälle in diesen Stories, einige sind besser, zwei (Oder wieder niemals und die Titelgeschichte) sind sogar gut. Aber auch sprachlich kann Morgen ist es vorbei insgesamt nicht überzeugen. Intensität verdeutlicht Kathrin Wessling am liebsten durch Wiederholungen („Du lässt jetzt alles raus, du schreibst es jetzt zu Ende, du sagst ihr alles, alles, alles.“). Auch sonst setzt sie gerne auf Menge statt Fokus: Sie tastet sich heran an ein Gefühl, mit mehreren Versuchen der Umschreibung, und sie lässt den Leser an diesen Versuchen teilhaben, auch an den verworfenen Optionen, nicht nur am endgültigen Ergebnis (wenn sie denn eins findet). Ist das ein Stilmittel, um Ohnmacht und Schmerz zu verdeutlichen? Oder eher ein bisschen bequem und unausgegoren?, muss man sich da fragen. Sollte es nicht die Aufgabe (oder gar: die Kunst) des Autors sein, einen Text auf den Punkt zu bringen, mit genau gewählten, schmerzhaft treffenden Formulierungen?

Die besten Passagen in diesem Buch sind paradoxerweise die, in denen Kathrin Wessling nicht den Herzschmerz schildert, sondern das Verliebtsein. Vielleicht ist das dann doch ein Hoffnungsschimmer für alle vom Liebeskummer Geplagten.

Bestes Zitat: „Du warst jetzt zum ersten Mal seit sechs Jahren alleine. Du gingst alleine ins Bett und standst alleine auf, du frühstücktest alleine und du saßt abends alleine vor dem Fernseher, du, dein Bier, deine Gedanken. Du warst endlich alleine und das fühlte sich ziemlich aufregend an. Zumindest zwischen den Momenten, in denen sich die Erinnerung und die Fassungslosigkeit darauf aufmerksam machten, dass das alles noch vor weniger als zwei Monaten anders gewesen war. Dann da war immer jemand gewesen.“

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