Durchgelesen: Kevin Maher – „Nichts für Anfänger“


Der Debütroman von Kevin Maher ist vulgar, witzig und vor allem weise.

Der Debütroman von Kevin Maher ist vulgar, witzig und vor allem weise.

Autor Kevin Maher
Titel Nichts für Anfänger
Originaltitel The Fields
Verlag Blessing
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Man sollte meinen, dass sich Jim Finnegan mit Frauen auskennt. Er ist zwar erst 13, aber er hat fünf ältere Schwestern, mit einer davon teilt er das Zimmer und mit den anderen ficht er die Kämpfe aus, die ein Heranwachsender im streng katholischen Dublin der 1980er Jahre eben durchzustehen hat.

Als besonders vorteilhaft erlebt er seine Position als einziger Sohn allerdings nicht. „Wenn die Eltern in meiner Schule hören, dass ich fünf Schwestern habe, die alle älter sind als ich, dann sagen sie, dass ich als einziger Sohn sicher sehr verwöhnt bin. Immer im Mittelpunkt. Ihr Augapfel. Herr im Haus. Der kleine Lord. Ich werfe einen Blick in die Runde am Tisch, all die wütenden Mädchengesichter, die nach mir schnappen wie die hungrigen Krokodile in Leben und sterben lassen und denke: Vergiss es“, meint er. Und als er sich bei einer Begegnung im Park in die 18-jährige Saidhbh verliebt, wird das andere Geschlecht für ihn ohnehin vollends zum Rätsel.

Jim, ein schüchterner Junge, der Spielzeugautos mag und Fahrradrennen und Tanzen im Kinderzimmer, kommt tatsächlich mit Saidhbh zusammen, einer fast schon erwachsenen Frau und angehenden Kunststudentin. Diese Beziehung steht im Zentrum von Nichts für Anfänger, dem Debütroman von Kevin Maher. Der Journalist (er schrieb für den Observer und den Guardian und hat seit acht Jahren eine Kolumne in der Times) ist selbst in Dublin aufgewachsen. Sein Buch erzählt von einer Stadt, in der die IRA allgegenwärtig ist, in der der Katholizismus Gesetz ist und in der alle gefangen sind in ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihren Vorurteilen, von denen sie glauben, sie seien stärker als ihr eigener Wunsch nach Freiheit und Individualität.

Der heranwachsende Jim eckt schnell an in dieser Welt, spätestens als er eine Beziehung mit einem fünf Jahre älteren Mädchen eingeht. Er ist ein extrem liebenswerter Charakter, einerseits klug, andererseits mit einem famos naiven Teenagerblick auf den Frust des Alltags, die Notlügen der Kids und die Verlogenheit der Erwachsenen. Seine einzig wirklich sorglosen Momente hat er, wenn er in seine Lieblingsmusik eintaucht. Popsongs werden für ihn zu kleinen Ozeanen des Glücks inmitten einer Welt voller Scheiße, die Lieder von Soft Cell, Bronski Beat, Madonna oder Culture Club gleichen in diesem Roman einem 3-Minuten-Paradies.

Das Schicksal meint es ansonsten nicht allzu gut mit Jim. Kevin Maher zeichnet das Bild einer Welt, in der überall die Lust auf Grausamkeit ausgelebt wird, sobald niemand hinschaut: Es gibt in Nichts für Anfänger zermatschte Haustiere, entstellte Gesichter, Fehlgeburten, prügelnde Mitschüler und sadistische Lehrer. Jims Vater bekommt Krebs, der allseits verehrte Pfarrer Luke O’Culigeen entpuppt sich als Kinderschänder und Saidhbh wird schwanger, als Jim gerade erst 14 ist. Trotz dieser Tragödien hat Nichts für Anfänger eine enorme Leichtigkeit, viel Humor, Charme und Wärme. Maher arbeitet sehr gekonnt mit Slang und Kindersprache, der Roman ist witzig, vulgär und bitterböse wie es nur die Engländer hinbekommen.

Die größte Stärke von Nichts für Anfänger ist allerdings die Erzählperspektive. Jim tritt als Ich-Erzähler auf, er berichtet im Rückblick von seiner Teenagerzeit, und so liest sich der Roman wie ein Tagebuch, das erst mit 30 Jahren Abstand geschrieben wird und doch taufrisch wirkt. Wenn er beispielsweise von den Streitigkeiten im Hause Finnegan erzählt, hat das eine bestürzende Echtheit in seiner Grausamkeit; wenn es ausnahmsweise Momente der Harmonie in der Familie gibt, ist das ebenso rührend authentisch und zugleich schmerzhaft, weil es die Fallhöhe steigert bis zum nächsten Krach voller Beleidigungen, die man niemals vergessen kann oder ewig bereuen wird.

Die Kombination aus Retrospektive und Detailgenauigkeit zeigt, wie prägend, mitunter sogar traumatisch, jeder einzelne Dialog, jede Begegnung, jedes Gefühl in diesem Lebensabschnitt ist. Jim agiert meist verwirrt, vor allem ob all der Scheinheiligkeit der Erwachsenen – die ein älterer Erzähler einfach hingenommen, nicht registriert und schon gar nicht hinterfragt hätte. Gerade aus dieser Unschuld erwächst ein großer Teil der Weisheit dieses Romans – und eine beträchtliche emotionale Tiefe.

Bestes Zitat: „Was ist Liebe? Ist es das, was man mit jemandem macht, mit dem man schon seit Urzeiten ausgeht, wenn sich der ganze aufgeregte Magenkribbelkram und das Händchenhalten und das In-die-Augen-Starren in etwas Sicheres und Felsenfestes verwandelt hat, sodass man jederzeit eine Kugel kassieren würde, um den anderen zu schützen (…)? Oder ist Liebe einfach dieses magische Etwas, das einfach da ist, und du weißt es, wenn du sie fühlst, wenn sie durch dich hindurchfließt wie ein Fluss oder ein Glücksgift? Und wenn Liebe genau das ist, einfach dieser Tropfen kosmischer Honig, was ist dann so schlimm daran, sie zu fühlen und etwas davon zu naschen?“

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