Durchgelesen: Klaus Peter Dencker – „Deutsche Unsinnspoesie“


Herausgeber Klaus Peter Dencker

Deutsche Unsinnspoesie Klaus Peter Dencker Kritik Rezension

Auch sehr namhafte Dichter wollen manchmal albern sein, zeigt die Sammlung.

Titel Deutsche Unsinnspoesie
Verlag Reclam
Erscheinungsjahr 1978
Bewertung

Warum man sich für einen Sammelband voller Unsinnspoesie interessieren sollte, zumal für einen fast 40 Jahre alten und auch noch in einem Blog für Popkultur, ist eine gute Frage. Sie ist leicht zu beantworten: Quatsch hat eine Menge mit Pop zu tun.

Die von Klaus Peter Dencker zusammengestellte Anthologie vereint nicht nur sehr namhafte Autoren der deutschen Literaturgeschichte wie Hugo Ball, Joseph von Eichendorff, Theodor Fontane, Johann Wolfgang von Goethe, Günter Grass, Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin, Hugo von Hofmansthal, Jean Paul, Erich Kästner, Franz Kafka, Gotthold Ephraim Lessing, Thomas Mann, Erich Mühsam Rilke, Joachim Ringelnatz, Friedrich Schiller und Kurt Tucholsky, die sich in ihrem Oeuvre alle die eine oder andere Albernheit erlaubt haben. Immer wieder wird auch deutlich, wie ähnlich die hier genutzten Prinzipien zu denen gelungener Popmusik-Texte sind. Die Gedichte John Lennons sind ein (auch in dieser Zusammenstellung erwähntes) herausragendes Beispiel für diese Verwandtschaft.

Zu den Highlights des Bändchens, das naturgemäß auch einigen Qualitätsschwankungen unterliegt, gehören Das futuristische Couplet – ein Gegenstück zu der modernen Malerei (Karl Valentin), Geschütteltes (Eugen Roth) und das Interview mit Herrn Limerick (Andreas Okopenko). Mehr als einzelne Texte beeindrucken an der deutschen Unsinnspoesie aber die Methoden, die in der Wirkung und Konstruktion der Texte erkennbar werden. Gerne wird lautmalerisch formuliert, auch Dialekt spielt eine wichtige Rolle, nicht nur einmal werden halb verstandene Fremdsprachen imitiert, wie von kleinen Kindern, die ohne Englischkenntnisse die Lieder aus dem Radio nachsingen wollen. Dass der Klang des Gesagten wichtiger sein kann als seine Bedeutung, ist eine Erkenntnis, die im Rap prägend, aber auch für viele andere Genres im Pop zentral geworden ist.

Als wichtiges Prinzip benennt Literaturwissenschaftler Horst Kühnemann im Vorwort „die Lust an der Verblüffung, Belustigung und Verwirrung des Lesers durch absurde, sozusagen aleatorische und weder logisch noch psychologisch vorbereitete Situationen und Sprachspiele.“ Als Beispiel nennt er Alice im Wunderland; auch darin ein Grundprinzip beispielsweise des Hip Hop zu erkennen, fällt ebenfalls nicht schwer. „Im Nonsense steckt scheinbar keine Moral, kein Lehrgehalt; die Unsinns-Literatur ist eine einzige Abfolge von Regel- und Normverstößen, von ‚antiautoritärem’ und gesetzlosen Verhalten“, fügt er an – auch das passt. Gleiches gilt für weitere hier häufig eingesetzte Stilmittel, etwa das Nachahmen von Tiergeräuschen oder noch stärker das Zitieren weithin bekannter Verse und die Verballhornung von Klassikern. Diese Methode begegnet uns in der Popmusik als Sample oder Remix.

Statt eines Nachworts bietet dieser sehr amüsante und abwechslungsreiche Band den Aufsatz „Spiele jenseits der Grenze – Zur Phänomenologie und Typologie des Nonsense“ von Dieter Backe. Demnach ist Unsinnspoesie „nicht zuletzt deshalb verdächtig, weil hier eine mühsam errungene und immer wieder in Frage gestellte Aufklärung, die doch so nötig tut, und ihr rationales Engagement negiert wird.“ Es ist diese subversive Kraft, das Spiel mit Kontexten und die unbändige Lust auf Aufmüpfigkeit, die viele der hier versammelten Autoren mit den besten Popkünstlern teilen.

Bestes Zitat: „Nonsense, als eine besondere Spielart der Phantasie, (…) schafft einen Spielraum an der Grenze möglicher Vorstellungen und ihrer sprachlichen, künstlerischen oder realen Darstellung, der nicht nur von üblichen Vorstellungs- und Verhaltenszwängen entlastet, sondern eine distanzierende Heiterkeit und eine neue Optik für Menschen, Gegenstände und deren Konstellationen auf die Räume gestattet, in denen wir leben müssen.“

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