Durchgelesen: Lothar Matthäus – „Ganz oder gar nicht“


Autor Lothar Matthäus

Lothar Matthäus will sein Image aufbessern, ist aber bloß unfreiwillig komisch.

Lothar Matthäus will sein Image aufbessern, ist aber bloß unfreiwillig komisch.

Titel Ganz oder gar nicht
Verlag Lübbe
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Er mag ein Leitwolf auf dem Platz gewesen sein, aber in seiner Autobiografie erweist sich Lothar Matthäus als ein Sensibelchen. Schon auf der ersten Seite beklagt er die Geringschätzung in Deutschland, die sich in seiner Wahrnehmung so signifikant mit der Wertschätzung im Rest der Welt beißt. „Egal, wo ich in Italien hinkomme, ob auf Sizilien, in Rom, in Verona oder selbst beim Italiener in München – ich habe dort einen Spitznamen: Il Grande. Der Große. Wer in Italien ‚Grande‘ sagt, meint ‚Grande Lothar‘. Nur hier, in Deutschland, bin ich ‚der Loddar‘ Das ist schon kurios, denn ich finde eigentlich nicht, dass ich fußballerisch für Italien mehr geleistet habe als für Deutschland“, schreibt er. Eine Seite weiter spricht er erstmals von sich in der dritten Person und macht sein Anliegen für Ganz oder gar nicht deutlich: klarstellen, aufräumen, widerlegen. Das richtige Bild vom echten Lothar Matthäus zeichnen.

Das Buch enthält durchaus überraschende und lohnende Einblicke. Matthäus berichtet, wie er Johannes B. Kerner zu seiner Ehefrau verhalf. Ohne seinen Rat wäre Mehmet Scholl vielleicht vom Karlsruher SC zu Eintracht Frankfurt gewechselt statt zum FC Bayern München. Ausgiebig schildert er, wie oft er Franz Beckenbauer bei Aufstellung und Spielformation beraten hat, als Beckenbauer noch DFB-Teamchef war – auch an einigen anderen Stellen stellt Matthäus gerne seine taktische Expertise in den Vordergrund, so dass die Autobiografie mitunter wie ein schlecht getarntes Bewerbungsschreiben als Bundesligatrainer wirkt.

Es gibt in Ganz oder gar nicht auch ein paar Passagen mit Skandal-Potenzial. Matthäus schreibt selbstkritisch vom Schlendrian nach seinen ersten Erfolgen, inklusive ausgiebigen Ausflügen ins Nachtleben von Mönchengladbach. Er erzählt von Orgien bei der WM-Vorbereitung 1982 und dubiosen Angeboten aus Italien, bevor er zu Inter Mailand wechselte. Und er erinnert sich an bierselige Grill-Abende während der WM 1990 (eine Zwischenüberschrift dazu lautet, aus heutiger Sicht kaum noch zu glauben, „Wer trinkt, kann auch trainieren“).

Man kann ihm zugute halten, dass er dabei keine schmutzige Wäsche wäscht. Niemals nennt er Namen, schwärzt jemanden an oder wird zu pikant. Matthäus, zweimal Weltfußballer, viermal geschiedener Ehemann, 150 Mal Nationalspieler, hat in diesem Buch auch kein Problem damit, zu loben und andere glänzen zu lassen. Und er zeigt sich erfreulich offenherzig – so sehr, dass man den Eindruck gewinnen kann, Matthäus sei seit dem Ende seiner aktiven Laufbahn kein besonders zufriedener Mensch und wisse, immerhin, dass das auch an seinen eigenen Fehlentscheidungen liegt.

„Spieler von heute haben nicht nur an Persönlichkeit verloren. Sie wissen auch mit den alten Tugenden kaum mehr etwas anzufangen. Auch wenn sich die Welt um mich herum noch so zum Schlechten verändert, meine Werte – Ehrlichkeit, Respekt, Verantwortung – werde ich doch niemals aufgeben. Ich habe meinen Weg, ich habe meine Prinzipien“, schreibt er an einer Stelle, und man kann ihm diesen Anspruch durchaus glauben. Das Buch zeigt, wie er im Verlauf seiner Karriere versucht hat, diesem Credo treu zu bleiben. Und es belegt auch, wo seine Prinzipien herkommen. Seine Kindheit und Jugend kann man mit einem Satz, beinahe sogar mit einem Wort zusammenfassen. Matthäus kommt aus einfachen Verhältnissen, in denen vor allem eins wichtig war: Arbeit. Er erlebte in den anderswo so wilden 1960er und 1970er Jahren ein Aufwachsen, wie es eigentlich eher in die 1950er gepasst hätte.

Es ist vor diesem Hintergrund für ihn als Autor nur folgerichtig, aus Ganz oder gar nicht keine Abrechnung und keine Schlammschlacht zu machen. Das muss auch gar nicht sein, schließlich bietet die mehr als 20-jährige Profikarriere dieses Fußballers auch so genug spannenden Stoff. Das Problem dieser Autobiografie ist allerdings: Die Bereiche, in die man gerne Einblicke gehabt hätte, gewährt Lothar Matthäus aus Anstand oder Selbstschutz nicht; die Einblicke, die er gewährt (in sein Weltbild, in seine Moral) sind oft unfreiwillig komisch.

In etlichen Passagen kann man diese Autobiografie als einen guten Kandidaten für den deutschen Comedy-Preis erkennen, beispielsweise wenn Matthäus den in der Weltliteratur wohl einmaligen Satz „Die Israelis waren generell sehr deutschfreundlich.“ zu Papier bringt. Menschen aus anderen Ländern werden von ihm ohnehin gerne über einen Kamm geschoren. „Der Serbe ist bekanntlich…“ oder „Der bulgarische Spieler hat auf gar nichts Lust gehabt“, lauten die Erfahrungen seiner internationalen Trainerstationen. In den betreffenden Ländern wird man sich bestimmt freuen, derart in Sippenhaft genommen zu werden. Sicher ist diese Verallgemeinerung nicht als Weichspül-Rassismus gemeint, aber sie bestätigt letztlich Matthäus’ holzschnittartiges Weltbild, sein Schwarz-Weiß-Denken.

Er gesteht sich in diesem Buch seine eigene Naivität ein, aber sie wird immer wieder verklärt. „Zu oft habe ich vergessen, wie interessant ich für die Öffentlichkeit bin. Vielleicht habe ich zu sehr in mein Privatleben blicken lassen, zu viele Interviews gegeben. Nicht unbedingt, weil ich sie geben wollte, sondern – es mag komisch klingen – weil ich ein höflicher Mensch bin und dazu erzogen wurde, auf Fragen zu antworten. (…) Ich habe daraus gelernt, und trotzdem wird mir dieser Fehler vielleicht auch zukünftig passieren. Ich will mich nicht verbiegen. (…) Ich bin Ehrlichkeitsfanatiker. Ich bin Gerechtigkeitsfanatiker. Und ich bin ein Herzmensch. Das heißt, ich handele aus dem Herzen – so sehr, dass ich mir manchmal wünschte, mehr das Hirn benutzt zu haben“, schreibt er, eine Zwischenüberschrift heißt tatsächlich „Herz vor Hirn“ – und man merkt in Ganz oder gar nicht schnell, dass auch das ein guter Titel für dieses Buch gewesen wäre.

Man erwartet von einem Fußballprofi nicht, erst recht nicht von einem Spieler aus seiner Generation – in der es noch keine Mediencoachings, manchmal kaum eine brauchbare Schulbildung gab – dass sie wie Weltmänner oder Intellektuelle erscheinen. Aber bei Matthäus ist der Kontrast besonders groß: Auf dem Platz bewies er Übersicht und Spielintelligenz, verfügte über alle Mittel, um das Geschehen zu beherrschen. Abseits des Platzes ist er verloren, oft deplatziert, eine Witzfigur.

Besonders peinlich wird es, wenn Matthäus philosophisch sein will („Ist man in einer mitunter verlogenen und sinnentleerten Welt auf der Suche und trifft dabei seine Entscheidungen meist aus dem Herzen, läuft man nun mal Gefahr, häufiger zu scheitern als andere“, sagt er über seine Ehen). Er ist sich nicht zu schade, die größten Banalitäten als außergewöhnliche Qualitäten herauszustellen („Ich brauche keinen Taschenrechner oder Kugelschreiber, um Zahlen zu multiplizieren und zu subtrahieren.“) und schwankt auch sonst gerne zwischen kaum kaschierten Minderwertigkeitskomplex und unerträglicher Selbstgerechtigkeit. So schreibt er beispielsweise über seinen Heimatort, Herzogenaurach sei „mit seinen 15000 Einwohnern immerhin eine Stadt, die man auf der ganzen Welt kennt durch nicht weniger als vier Weltmarken: Adidas, Puma, Schaeffler und Lothar Matthäus. Punkt. Aus. Ja, ich sage mit Stolz: Auch Lothar Matthäus ist eine Weltmarke.“

Natürlich hat Mathäus einige Erfolge vorzuweisen, die solche Einschätzungen rechtfertigen könnten, und natürlich ist Arroganz nicht verboten. Richtig ärgerlich werden solche Sätze aber, wenn sich Matthäus immer wieder als gradlinig, bescheiden und aufrecht darstellen möchte, sich dann aber die Entwicklungen seiner Karriere und ihre nachträglichen Einschätzungen nach Lust und Laune zurecht biegt. „Grundanständig“ ist für ihn ein zentraler Wert, den er an vielen Stellen des Buchs hoch hält, und er bemerkt dabei offensichtlich nicht, dass all seine Eskapaden und sein veritables Ego im Widerspruch dazu stehen.

Triumphe sind in Ganz oder gar nicht stets seinem Talent, Ehrgeiz und Geschick zu verdanken, bei Fehlern und Misserfolgen sind natürlich die anderen schuld. Wenn nicht alle in einer Mannschaft seiner Meinung sind oder gar jemand eine eigene/abweichende Position vertritt, dann bedeutet das, „die Hierarchie fehlte“. Und wenn es in dieser Autobiografie wirklich persönlich wird und ans Eingemachte geht, wechselt Matthäus ins Passiv: „Natürlich vergoss man die eine oder andere Träne“, ist noch so ein Satz, den man in dieser Form (es geht um eine weitere Scheidung) wohl niemals mehr zwischen Buchdeckeln finden wird.

Mit Vorurteilen aufzuräumen und sein Image gerade zu rücken, ist ein Ziel, das Lothar Matthäus schon mit der unglückseligen Doku-Soap erreichen wollte, zu der er sich 2012 von Vox verpflichten ließ. Und es ist ein Ziel, das er auch mit Ganz oder gar nicht (entstanden gemeinsam mit Journalist Martin Häusler) kaum erreichen wird. Im Gegenteil: Statt sich ins (aus seiner Sicht) rechte Licht zu rücken, entlarvt sich Matthäus eher.

Das liegt schlicht daran, dass seine Selbstwahrnehmung nicht zu dem passt, wie die Öffentlichkeit ihn wahrnimmt. Dass zwischen beiden eine Kluft ist, hat Matthäus sehr wohl erkannt – aber er setzt an der falschen Seite an. Statt seinen Fans und seinen Gegnern das Bild eines durch und durch tadellosen Lothar Matthäus aufzwängen zu wollen, wäre es klüger, sich selbst ein paar Widersprüche, Defizite und dunkle Seiten einzugestehen.

Bestes Zitat: „Es sind nicht die Menschen, nicht die Fußballfans, es sind einige Reporter und Kommentatoren, die mich über Jahre in ein Licht gestellt haben, in das ich nicht gehöre. Ich habe weder von einem Amerikaner noch einem Engländer gehört, dass er mein Englisch nicht verstehen könne. Nein, die machen mir sogar Komplimente. Ich hatte auf der ganzen Welt mit Englisch keine Probleme, nur in Deutschland. Ich hatte fast das Gefühl, im Englischen nachrüsten zu müssen, damit mich der Deutsche endlich besser versteht. Weil die Deutschen ja alle so gut Englisch sprechen. Ich kann mit der Häme leben. Denn ich weiß, wie ich mit meinem inzwischen flüssigen Englisch zurechtkomme, wie ich mit meinem Italienisch zurechtkomme. Und in Frankreich lacht man mich sogar an, wenn ich mich ein bisschen im Französischen probiere.“

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