Durchgelesen: Mark Henshaw – „Der Schneekimono“


Autor Mark Henshaw

Der Schneekimono Mark Henshaw Roman Buchkritik Rezension

In Paris und Japan siedelt Mark Henshaw die Handlung von „Der Schneekimono“ an.

Titel Der Schneekimono
Verlag Insel
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Ein Treppenhaus in Paris, Rue Saint-Antoine. Ein älterer Herr aus Japan begegnet seinem Nachbarn, sie kommen ins Gespräch und treffen sich dann über Wochen hinweg immer wieder, um sich zu unterhalten. Das ist, auf den Kern reduziert, die Geschichte von Der Schneekimono.

So banal das klingt, so eindrucksvoll ist der heute in der deutschen Übersetzung von Ursula Gräfe erscheinende Roman, den der Australier Mark Henshaw daraus macht. Die Times hat Der Schneekimono als ein Buch „von erlesener Schönheit“ gefeiert, in der Tat weiß man kaum, was man mehr loben soll: die unnachahmliche Atmosphäre, den schillernden Detailreichtum oder die große Poesie, mit der Henshaw reflektiert über die Erinnerung als Konstruktion, die das eigene Selbstbild festigen soll, und über die Erkenntnis, wie leicht doch die scheinbar undenkbarsten Zusammenhänge zur Realität werden – und die Gemeinsamkeiten dieser Prinzipien mit der Literatur und dem Erzählen als solches.

Der besagte Nachbar ist Auguste Jovert, ein gerade pensionierter Kriminalkommissar. Seine Karriere ist nicht halb so ehrenwert, wie diese Bezeichnung klingt. Zuerst mit Andeutungen, dann immer klarer erfährt der Leser von seiner dunklen Vergangenheit in Algerien, mit Folter, Verrat und einer Tochter, von der er nichts wusste. Der Japaner erzählt ihm die Geschichte seines Freundes, des berühmten Schriftstellers Katsuo Ikeda, von dessen Liebe zur geheimnisvollen Mariko, die Jahre später in der Liebe zur jungen Sachiko ein Echo findet.

Dass er in Jovert einen interessierten Zuhörer findet, liegt nicht nur an seiner Erzählkunst und der geheimnisvollen Aura, die den Beginn dieses Aufeinandertreffens umgibt. Der Kommissar ahnt auch, dass die Episoden aus Ikedas Biographie etwas mit seinem eigenen Leben zu tun haben. Zwischendurch wird Der Schneekimono fast märchenhaft, am Ende gelingt es Mark Henshaw trotzdem, die Zusammenhänge seines vortrefflich konstruierten Plots wiederherzustellen und mitten im Leben zu verankern.

Bestes Zitat: „Das Gedächtnis ist ein brutaler Schnitter. Es schneidet der Zeit die Kehle durch. Schiebt ein ganzes Leben, das sich doch so langsam entfaltet hat, zu einem zeitlosen Ereignis zusammen, trennt herzlos und hastig Bedeutendes von Unbedeutendem. Löst die Glieder der Kette. Aber woher wusste man, was zählte, ohne dass man Zeit vergehen ließ?“

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