Durchgelesen: Michael Kumpfmüller – „Nachricht an alle“


Das System am Rande der Revolution: Michael Kumpfmüller beweist perfektes Timing.

Autor Michael Kumpfmüller
Titel Nachricht an alle
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***1/2

Besser hätte das Timing für die Veröffentlichung von Michael Kumpfmüllers drittem Roman nicht sein können. Als aus der Finanzkrise gerade eine Wirtschaftskrise wurde, kam „Nachricht an alle“ auf den Markt. Und das Buch stellt die Frage, wohin die Reise geht, in einer Welt geprägt von Terror, Entwurzelung und Sinnsuche.

Die Antworten sehen nicht besonders erfreulich aus. Die Hauptfigur, der Innenminister Selden, steht inmitten einer politischen Krise, die sich zur Revolution ausweiten könnte. Die Menschen sind wütend, auf das System, auf die Politiker. „Manchmal beschlich ihn der Verdacht, dass sie zu spät kamen. Was immer sie taten, jetzt oder in naher Zukunft, es kam zu spät. Sie waren müde. Der ganze Westen war müde, er hatte gewonnen, wollte aber nicht verteidigen, was er gewonnen hatte, sodass es am Ende fast egal war, ob er von innen oder außen den Todesstoß bekam“, heißt die Analyse an einer Stelle.

Enorm eindrucksvoll wird hier die Moderne seziert: Eine Regierung, die sich von den diffusen Launen des Volks gefesselt fühlt. Und ein Volk, das genau diese Zögerlichkeit kritisiert und den Eindruck hat, keinen Einfluss mehr auf die Regierung ausüben zu können.

Gerade die Unbestimmtheit der Unzufriedenheit auf beiden Seiten macht das Aufbegehren so gefährlich und unkontrollierbar. Sehr gekonnt zeigt Kumpfmüller das bröckelnde Fundament einer Gesellschaft durch Passagen zwischen den Kapiteln, in denen ein Chor aus namenlosen Stimmen seinem Unmut freien Lauf lässt. Verdammt lebensnah und aktuell sind diese Aussagen, niemals radikal und doch in ihrer Summe höchst beunruhigend, wenn einem die Stabilität des Systems am Herzen liegt.

Kumpfmüller führt die Unfähigkeit des Volks vor Augen, sich zu artikulieren. Noch mehr aber zeigt er die Ohnmacht der Politik, etwa in seinem fein überzeichneten Krisenstab. Dass auch bei den Verantwortlichen niemand weiß, was passiert, was man tun kann und wer die Schuldigen sind, und dass es ihnen vor allem um den Erhalt der eigenen Macht geht, macht Kumpfmüller hier mit großer Sachkenntnis klar. Hier wird ein Kampf gefochten, zwischen Verantwortung und Egoismus.

Dazu kommen Seldens persönliche Probleme, die nach und nach die politische Situation in den Hintergrund drängen. Der Tod seiner Tochter, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Die kriselnde Ehe mit seiner Frau Britta. Die Affäre mit der Journalistin Hannah. Den zwischenmenschlichen Bereich seziert der Autor noch gekonnter als den politischen. Wer Sätze schreiben kann wie „Sie sagte, dass sie ihn liebe, womit sie meinte, dass sie ihn nicht richtig kannte, aber auf dem besten Weg dahin war.“, der hat viel verstanden, aber nicht nur viel Verstand. So wird „Nachricht an alle“ zu einer politischen Warnung, vor allem aber zu einer Analyse des menschlichen Scheiterns.

Beste Stelle: „Das Problem waren die Leute, die es auch schon vorher immer besser wussten. Das war Demokratie. Es war auch ein Spiel, dachte Selden, ein Jonglieren nicht nur mit Formeln und Prognosen, apokalyptischen Szenarien, die mal eintrafen oder ausblieben, sondern eine Art Handel, eine Spekulation zweiter Ordnung, bei der es um den Verlauf der erweiterten Gegenwart ging. Wer ihn bestimmte, war eigentlich egal, dacht er, der Selbstmordattentäter, das Kapital, die Politik oder die Demographie. Sie alle waren mehr oder weniger blind. Sie blinzelten nur, sie bekamen nicht alles mit, und trotzdem mussten sie versuchen, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.“

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