Durchgelesen: Miranda July – „Der erste fiese Typ“


Autor Miranda July

Cover des Buchs Der erste fiese Typ von Miranda July

„Der erste fiese Typ“ ist ein meisterhaftes Romandebüt.

Titel Der erste fiese Typ
Originaltitel The first bad man
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

„Miranda July ist so etwas wie eine Gesamtkünstlerin jenseits aller Normen“, hat Die Rheinpfalz aus Anlass dieses Buches über die 41-jährige Amerikanerin geschrieben. Das stimmt ausnehmend. Mit ihrem wunderbaren Erzählungsband Zehn Wahrheiten, dem wunderbaren Film Ich und du und alle die wir kennen oder ihren wunderbaren Multimedia-Kunstwerken ist sie seit zehn Jahren quasi omnipräsent und zugleich unfehlbar.

Für junge amerikanische Autorinnen wie Lena Dunham („Noch nie hat mich ein Buch so sehr in meiner Sexualität, meiner Spiritualität, meinem geheimen Selbst berührt wie dieses“, sagt sie über Der erste fiese Typ) oder Sheila Heti ist sie zu einem Fixstern geworden. Dass Der erste fiese Typ der erste Roman von Miranda July ist, will man angesichts dieser Rahmenbedingungen kaum glauben. Ist aber so. Und es ist ein fantastisches Debüt. „Dieses Buch kann man unmöglich wieder aus der Hand legen“, sagt Dave Eggers – und bringt die Wirkung damit auf den Punkt.

Der erste fiese Typ ist witzig und weise. Es ist ein Buch über den Konflikt der Generationen, über die erstaunlich unterschiedlichen Erscheinungsformen, die ein eigentlich so klar definierter Begriff wie „Familie“ annehmen kann, und über die Frage, ob Erwachsensein vielleicht einfach bedeutet, dass man vergessen hat, wie sehr man sich hinsichtlich seiner Persönlichkeit, Ziele und Mitmenschen etwas vormacht.

Vor allem aber ist es ein Buch über Frauen. Über die Anforderungen, die (oft: nur) an sie gestellt werden. Über die Rollenbilder, die (oft: von Männern) für sie geprägt wurden. Nicht zuletzt über die Tatsache, dass es für sie kein Gegenstück zu dem Modell gibt, das man bei Männern einen „Kumpel“ nennt, eine im Zweifel eher oberflächliche, kernige und vom Physischen geprägte Beziehung, die eher dadurch getragen wird, dass man zur selben Zeit am selben Ort den selben Tätigkeiten nachgeht, als durch eine tiefe intellektuelle oder emotionale Verbundenheit.

Ein solches Beziehungsmodell fehlt Cheryl Glickman, der Ich-Erzählerin in Der erste fiese Typ. Cheryl ist Anfang 40 und Single. Sie arbeitet bei einer Firma, die Selbstverteidigungskurse als Fitnessprogramm anbietet, und schwärmt für den 20 Jahre älteren Philipp, der im Vorstand des Unternehmens sitzt. Als die Tochter ihrer Chefin eine vorübergehende Bleibe sucht, wird Cheryl als Gastgeberin quasi zwangsverpflichtet, weil sie erstens genug Platz zuhause hat und zweitens ihrer Chefin keinen Wunsch ausschlagen will. Schon am nächsten Tag macht sich die 20-jährige Clee in ihrem Wohnzimmer breit und torpediert die fein ausziselierte Ordnung in ihrem Haushalt. Cheryl weiß nicht, was sie dabei am meisten als Provokation empfindet: Die körperliche Präsenz der attraktiven Blondine, ihre hemmungslose Jugend oder ihre penetranten Schweißfüße.

Zunächst beäugen sich die beiden Frauen skeptisch, um schnell zu erkennen, wie wenig sie gemeinsam haben. Clee versteht nicht, wie man sich freiwillig so viele Fesseln anlegen kann, wie Cheryl es tut – sie scheint nicht nur in einem Korsett zu leben, sondern in einer Zwangsjacke. Cheryl erkennt durch den ungebetenen Hausgast erst, dass sie mit ihrem seit frühester Kindheit perfektionierten System der Selbsttäuschung bloß noch versucht, ihre Einsamkeit und ihren Frust zu überspielen.

Aus der Abneigung wird ein handfester Konflikt: Clee greift, und das ist die erste von etlichen großartigen Pointen in diesem Roman, Cheryl an. Körperlich. Mit Schubsern, Würgen, Schlägen. Als Cheryl sich bei einer der nächsten Attacken endlich wehrt, wird für sie daraus ein irritierendes, lustvolles, befreiendes Rollenspiel. Körperliche Gewalt anzuwenden, ist das erste Tabu, das sie in ihrem Leben bricht – und nach und nach wird ihr danach klar, von wie vielen Tabus sie umgeben ist.

Der erste fiese Typ wirkt an dieser Stelle kurz wie Fight Club für Frauen, findet dann aber schnell wieder seine Eigenständigkeit. Hier sind die Kontrahenten nicht Mitglied in einem gut organisierten Männerbund, sondern bloß zu zweit. Sie kämpfen nicht in geheimen Kellern, sondern im eigenen Wohnzimmer. Und das Zuschlagen ist nicht so sehr ein Ventil, sondern eher eine Therapie.

„Im Zorn bekämpfen kann man sich mit jedem beliebigen Gegner, aber das hier war etwas Seltenes. Ich musste an das Weihnachtsfußballspiel zwischen feindlichen Soldaten im Ersten oder Zweiten Weltkrieg denken. Sie widerte mich immer noch an, und ich würde in der Schlacht am nächsten Tag trotzdem noch auf sie schießen, aber bis zum Sonnenuntergang spielten wir dieses Spiel“, umschreibt Cheryl ihre Gefühle während der Prügeleien mit Clee, aus denen schließlich eine innige Verbindung erwächst.

Es ist ausgerechnet die Rohheit von Schlägen und Tritten, die Cheryl für einen neuen Blick auf die Welt sensibilisiert. Sie ahnt: Glück, Lust oder überhaupt irgendwelche Gefühle empfindet sie nur, wenn sie eine Rolle spielt. Der Leser ahnt: Sie macht schon ihr ganzes Leben lang nichts anderes, auch in ihrer Zweisamkeit mit Clee hat sich nichts daran geändert. Zwischen all den Rollen hat sie vergessen, ein Ich jenseits von Spleens und Folgsamkeit zu entwickeln.

Das macht Der erste fiese Typ zu einem wundervollen Roman über die Suche nach Glück und Identität und über die Frage, warum wir manchmal ausgerechnet den Menschen ganz nah sein wollen, die uns zuerst maximal seltsam erscheinen. Kein Mensch weiß, wie Liebe funktioniert, und kein Mensch weiß, wie Menschen funktionieren – es ist die Stärke von Miranda July, dass sie über diese Erkenntnis nicht lamentiert, sondern sinniert, schmunzelt und staunt.

Bestes Zitat: „Ich legte meinen Arm um das gewindelte kleine Etwas. Wenn man versuchte, ihn zu knuddeln, war es, als versuchte man, einen Muffin zu knuddeln, oder eine Tasse. Es war einfach nicht genug Fläche da. Ganz vorsichtig küsste ich ihm die fleckigen Wangen. Seite Verletzlichkeit brachte mich fast um den Verstand, aber war Liebe das richtige Wort dafür? Oder war es nur ein sehr fieberhaftes Mitleid?“

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