Durchgelesen: Nathan Filer – „Nachruf auf den Mond“


Autor Nathan Filer

Etliche Literaturpreise erhielt Nathan Filer für seinen Debütroman.

Etliche Literaturpreise erhielt Nathan Filer für seinen Debütroman.

Titel Nachruf auf den Mond
Otiginaltitel The Shock Of The Fall
Verlag Droemer
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ein Überraschungserfolg war Nachruf auf den Mond in Großbritannien. Nathan Filer erhielt für seinen ersten Roman den Costa Book Award, den Betty Trask Prize für das beste Debüt und weitere Auszeichnungen. Nicht schlecht.

Die Sache mit der Überraschung erledigt sich aber schnell, wenn man mit der Lektüre des Buchs beginnt. Filer bedient einige Trends, auf die das Publikum derzeit ebenso abfährt wie die Kritiker. Nachruf auf den Mond ist ein Roman über das Erzählen selbst (wie man es in Deutschland zuletzt etwa bei Ulrike Almut Sandig gelesen hat), das Buch spielt mit den Möglichkeiten von Typographie und Drucksatz (wie es beispielsweise Jonathan Safran Foer etabliert hat) und es hat einen Erzähler, der in punkto Unzuverlässigkeit selbst Vorbilder wie Ian McEwan oder Bret Easton Ellis in den Schatten stellt.

„Vertrauen Sie mir“, schreibt dieser Erzähler an einer Stelle – und da ist das längst keine Aufforderung oder Garantie mehr, sondern eine flehentliche Bitte an den Leser. Kein Wunder: Hier bringt Matthew Homes seine Lebensgeschichte zu Papier, und zwar in einer psychiatrischen Tagesklinik in Bristol. Zu Beginn dieser Erinnerungen – es ist der Tag, an dem sein älterer Bruder während eines Campingurlaubs in Cornwall stirbt – ist er erst 9 Jahre alt. Am Ende ist er 19 und hat ein halbes Leben hinter sich, das geprägt ist von Trauma, Schuld und unzureichenden Behandlungsversuchen.

Genau diese Unzuverlässigkeit ist die erste große Stärke von Nachruf auf den Mond. Der Roman kommt im naiven Tonfall eines Kindes daher, und trotzdem merkt man, mit was für einem gewieften Erzähler man es hier zu tun hat. „Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, denn bei der Gelegenheit kann ich Ihnen meinen Bruder vorstellen. Er heißt Simon. Ich glaube, Sie werden ihn mögen. Wirklich. Doch in ein paar Seiten wird er tot sein. Danach war er nie mehr derselbe“, ist gleich auf der fünften Seite die erste Stelle, die in dieser Hinsicht aufhorchen lässt.

Es folgen etliche weitere. „Ich schreibe mich in meine Geschichte hinein, damit ich sie aus der Innenperspektive erzählen kann“, lässt uns Matthew Homes wissen. Später kommt eine explizite Warnung an den Leser: „Sie glauben doch auch nicht, ich hieße Matthew Homes, oder? Meinen Sie wirklich, ich würde meine Lebensgeschichte vor einem Fremden ausbreiten?“ Dieses ständige Umdeuten der Ausprägungen von Authentizität wird umso meisterhafter, weil man nach und nach erfährt: Die Krankheit, wegen der Matthew behandelt wird, ist Schizophrenie.

„Dreh- und Angelpunkt des Romans ist, dass Matt seine Geschichte quasi in Echtzeit zu Papier bringt“, erklärt Nathan Filer, der früher übrigens selbst als Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik in Bristol gearbeitet hat, seinen Ansatz. Wie er die Handlung dabei hinauszögert, ist virtuos: Schnell ahnt man als Leser, dass es da einen sehr präzisen, sehr entscheidenden Moment im Leben von Matthew gibt, der seine Situation erklärt. Aber man kennt nicht dessen Ablauf oder Hintergründe. Man kennt nur die Folgen; seine Wirkung, seine Macht, um die alles in diesem Roman kreist.

Das ist die zweite große Stärke von Nachruf auf den Mond: Es ist ein Buch, das mit so viel poetischer Kraft, so viel Sensibilität und so wenig Sentimentalität auf die dunklen Seiten der menschlichen Psyche blickt, dass es einem das Herz zerreißen kann. „Über die Vergangenheit nachzudenken ist wie Gräber aufzubuddeln“, hat Matthew gelernt – und doch weiß er, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, wenn er seine Dämonen besiegen will. Er sucht objektive Symptome und biologische Ursachen für seine Krankheit – und doch weiß er: „Ich bin derjenige, vor dem es kein Entrinnen gibt.“

Es ist diese Dynamik, die das Buch von Nathan Filer so spannend macht. Seine Krankheit ist für Matthew manchmal Marter, manchmal Rausch, in einigen Phasen kann er sie akzeptieren, in anderen droht sie ihn zu zerschmettern. Genauso verhält es sich für ihn mit dem Erzählen: Es kann Therapie, Beichte und Karthasis sein, aber auch Selbstgeißelung oder Möglichkeit zur Flucht vor dem, was er sich nicht eingestehen möchte. Das macht Nachruf auf den Mond so packend. Oder, wie es die Sunday Times genannt hat: „Authentisch, lustig und unendlich traurig.“

Bestes Zitat: „Das Schlimmste an meiner Krankheit ist nicht, dass sie mich verrückte Sachen denken oder tun lässt. Dass sie mich kontrolliert oder anderen Menschen die Kontrolle über mich gegeben hat. Am schlimmsten ist, wie egoistisch sie mich macht.“

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