Durchgelesen: Nathan Wolfe – „Virus“


Die Bedrohung durch Pandemien wächst, lautet das Fazit von "Virus".

Die Bedrohung durch Pandemien wächst, lautet das Fazit von „Virus“.

Autor Nathan Wolfe
Titel Virus. Die Wiederkehr der Seuchen
Originaltitel The Viral Storm. The Dawn Of A New Pandemic Age.
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Es ist wieder soweit. H7N9 heißt der Code, der weltweit Ärzte, Patienten und Wissenschaftler in Aufregung versetzt. Im Osten Chinas sind offiziell 45 Menschen mit diesem neuartigen Vogelgrippe-Erreger infiziert, 10 von ihnen starben bereits. Virus-Alarm.

Warum Mikroorganismen immer wieder zur tödlichen Gefahr werden können, erklärt Nathan Wolfe in seinem aktuellen Buch Virus – Die Wiederkehr der Seuchen. Er liefert darin nicht nur spannende Einblicke in die Biologie. Der Virologe, der an der US-Eliteuniversität Stanford forscht und vom Time-Magazine in die Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde, macht auch deutlich, wie groß die Bedrohung ist. Die moderne Welt liefert „perfekte Bedingungen für einen Virensturm“, schreibt er. An anderer Stelle wird er noch deutlicher: „Mikroorganismen werden immer stärker in der Lage sein, uns krank zu machen, Menschen zu töten, die Wirtschaft ganzer Regionen zu zerstören. Sie werden für die Menschheit gefährlicher sein als die heftigsten Vulkanausbrüche, Wirbelstürme oder Erdbeben, die wir uns vorstellen können.“

Wolfe blickt auf die menschliche Evolution und die Entwicklung des Immunsystems. Er verweist auf die verheerende Wirkung, die gefährliche Viren in der Geschichte bereits gehabt haben (wie die Influenza-Pandemie von 1918, die wahrscheinlich mehr Todesopfer forderte als sämtliche Kriege des 20. Jahrhunderts zusammen) und arbeitet auch heraus, was im Kampf gegen Pandemien falsch läuft, beispielsweise bei den Gesundheitsbehörden.

Sehr anschaulich erklärt Wolfe, wie Pandemien entstehen. Entscheidend sind dabei zwei Faktoren: Wie tödlich ist das Virus? Und wie schnell kann es sich ausbreiten? Die Vogelgrippe war bisher (nur) sehr tödlich, die Schweinegrippe breitete sich (nur) sehr schnell aus. Ein Erreger, der beide Eigenschaften in sich vereint, könnte ein globaler Killer werden. Die Viren verändern sich ständig, passen sich dem Menschen an oder übernehmen Erbgut von anderen Virentypen. Eine Mutation in einem der bekannten Viren könnte ausreichen, um zur einen Eigenschaft auch die andere hinzukommen zu lassen.

Wolfe macht in Virus – Die Wiederkehr der Seuchen aber auch deutlich, dass Viren keineswegs nur schädlich sind. Er zeigt auf, wie unvorstellbar groß die unvorstellbar kleine Welt der Mikroorganismen in Wirklichkeit ist. „Nehmen wir zum Beispiel den menschlichen Körper. Nur ungefähr eine von jeweils zehn Zellen zwischen Ihrem Scheitel und Ihrer Sohle ist menschlich – die anderen neun gehören zu den Bakterienmassen, die unsere Haut bedecken, sich in unserem Magen tummeln und in unserem Mund gedeihen. Wenn wir an die Vielfalt der genetischen Informationen ‚an Bord’ denken, kann man nur eine von jeweils 1000 genetischen Informationseinheiten auf und in uns als menschlich bezeichnen. Die Gesamtzahl der bakteriellen und viralen Gene übersteigt die Zahl der menschlichen Gene bei weitem“, führt er beispielsweise aus. Mikroorganismen spielen eine wichtige Rolle für das weltweite Ökosystem und den menschlichen Organismus – beides Aspekte, die gerade erst in Ansätzen erforscht sind. Nicht zuletzt werden Viren auch medizinisch genutzt: für Impfstoffe (längst nicht nur für Infektionskrankheiten, sondern auch für chronische Krankheiten) oder zur Virotherapie.

Immer wieder macht Wolfe deutlich, wie vielfältig diese Mikrowelt ist und wie schwierig das ständige Wechselspiel zwischen Virus, Wirt und Immunsystem zu durchschauen ist. „Reihte man sämtliche irdische Viren Kopf an Schwanz aneinander, so würde die resultierende Kette einer Schätzung zufolge 200 Millionen Lichtjahre weit reichen, also bis weit über den Rand der Milchstraße hinaus“, illustriert er die Dimensionen.

Solche Vergleiche zeigen, wie gut es ihm gelingt, die komplexe Materie anschaulich zu erklären. Virus ist eine durchaus amüsante, sogar spannende Lektüre. Einmal schildert Wolfe einen Ausbruch, ohne Ort und Zeit zu nennen, und unterstreicht damit gekonnt: Seuchen sind ein ewiges, zeitloses, globales Problem. Wenn Wolfe einige seiner Forscherkollegen vorstellt, liefert er oft kurze Charakterisierung mit und verrät auch ein paar der Spleens der jeweiligen Wissenschaftler, das macht die Materie angenehm menschlich. Und er berichtet, nicht ohne eine gewisse Eitelkeit, von seinen Forschungsreisen in entlegene, unberührte Regionen der Welt, die ihm den Spitznamen «Indiana Jones der Virologie» eingebracht haben.

Wolfe liegt das Lesevergnügen am Herzen, ohne dass es jedoch jemals seine Botschaft in den Schatten drängen könnte. Und die besteht in einer eindeutigen Warnung: Die Bedrohung nimmt zu. Die meisten Viren stammen aus Wildtieren und springen, meist bei unmittelbarem Kontakt mit deren Blut und Organen, auf den Menschen über. Früher passierte das, wenn der Mensch auf die Jagd ging. Heute sind vor allem Landwirte und Fleischer gefährdet (auch die meisten der H7N9-Erkrankten in China fallen in diese Kategorie).

Ist ein Virus dann von Mensch zu Mensch übertragbar, kann es sich durch die globalen Handels- und Reisewege heute rasant verbreiten. „Die Mobilitätsrevolution hat eine einzige, engvernetzte Welt hervorgebracht – einen gigantischen Mischkessel für Infektionserreger, die früher isoliert an Ort und Stelle geblieben wären“, betont Wolfe. „Fest steht, dass eine ständig zunehmende Vernetzung von Mensch und Tier ein perfektes Szenario für den Ausbruch neuer Pandemien geschaffen hat“, lautet sein Fazit.

In der Tat kann einem bei der Lektüre mitunter angst und bange werden. Die Frage ist offenbar nicht, ob ein globales Killervirus entsteht, sondern bloß wann. Wolfe ist aber keineswegs daran gelegen, Untergangsszenarien zu malen oder Panik zu schüren. Er setzt auf Prävention. Ziel müsse es sein, nicht nur auf Pandemien zu reagieren, sondern die Ausbreitung gar nicht erst zuzulassen, lautet seine Empfehlung. Mit der von ihm begründeten Global Viral Forecasting Initiative, die neben der Beobachtung von Patienten in Kliniken beispielsweise auch Abfragen in Suchmaschinen und Social Media auswertet, beschreitet er genau diesen Weg.

Das ist die letztlich beruhigende Erkenntnis von Virus: Die Technologien, die das Risiko einer schnellen Ausbreitung von gefährlichen Seuchen in der modernen Welt deutlicht erhöht haben, liefern zugleich auch die Mittel, um Pandemien rechtzeitig erkennen, bekämpfen und sogar vorhersagen zu können.

Bestes Zitat: „Wir leben in einer Welt, die voller Risiken für neue Pandemien steckt. Zum Glück leben wir auch in einem Zeitalter, das über die Werkzeuge verfügt, ein globales Immunsystem aufzubauen. Unsere große, aber simple Vorstellung ist, dass wir auf dem Gebiet der Pandemieprognose und –prävention viel mehr tun sollten und könnten. Aber wirklich kühn ist die Vorstellung, dass wir einen Punt erreichen können, an dem wir so erfolgreich sind, dass wir die ‚letzte Seuche’ melden – einen Zeitpunkt, an dem es uns so gut gelingt, Pandemien im Vorfeld zu entdecken und zu stoppen, dass dieser Begriff völlig aus unserem Sprachschatz verschwinden wird.“

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