Durchgelesen: Nelson Mandela – „Bekenntnisse“ 1


Autor Nelson Mandela

Die Dokumente in "Bekenntnisse" zeigen Mandela persönlich - und versöhnlich.

Die Dokumente in „Bekenntnisse“ zeigen Mandela persönlich – und versöhnlich.

Titel Bekenntnisse
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung

Man kann es Nelson Mandela nicht vorwerfen. Der ehemals berühmteste Gefangene der Welt, der einstige Staatspräsident Südafrikas, der Friedensnobelpreisträger ist ein Muster an Integrität, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Trotzdem ist die Titelseite von Bekenntnisse gleich in mehrfacher Hinsicht eine Lüge.

Nicht etwa, dass das Titelfoto retuschiert wäre. Nelson Mandela erscheint darauf, wie ihn die Welt kennt: Gezeichnet von einem Leben, das mehr als 90 Jahre umfasst und eine der eindrucksvollsten Biographien des vergangenen Jahrhunderts hervorgebracht hat. Mit etwas Trauer im Blick und ganz viel Güte in seinem Lächeln.

Auch der nicht gerade dezente Hinweis rechts unten stimmt voll und ganz: „Mit einem Vorwort von Barack Obama.“ Der US-Präsident erzählt darin unter anderem, wie er selbst von Mandelas Kampf für Gleichberechtigung motiviert wurde, in die Politik zu gehen.

Aber der Titel passt in keiner Weise zum Inhalt des Buches. Bekenntnisse? Das klingt nach Beichtstuhl und impliziert zwangsläufig, dass Mandela hier auspackt und revidiert, Fehler eingesteht und Positionen widerruft. Doch so etwas gibt es nicht bei einem Mann, dessen Leben von unfassbarer Konstanz geprägt ist – nicht im Weltbild und in den Methoden, aber in seinen Werten und seinem Mut. Jede der 411 folgenden Seiten (plus knapp 50 Seiten Anhang) macht deutlich: Nelson Mandela hat nichts zu bekennen. Der englische Originaltitel Conversations With Myself passt da schon deutlich besser.

Schließlich stimmt auch der Autor nicht. Nelson Mandela hat an diesem Buch nicht mitgearbeitet. Stattdessen versammelt Bekenntnisse zahlreiche Dokumente des südafrikanischen Nationalhelden, herausgegeben von einem Team um Verne Harris, Projektleiter am Nelson Mandela Centre Of Memory And Dialogue. Briefe, Notizen, Interviews werden zitiert, zudem gibt es exklusive Passagen aus einer einst geplanten Fortsetzung von Mandelas Autobiographie Der lange Weg zur Freiheit, die mittlerweile auf Eis liegt.

Entsprechend persönlich sind die Ergebnisse. Wenn Mandela um Hafturlaub bittet, um zur Beerdigung seines Sohnes zu können, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, und sein Schreiben nicht einmal beantwortet wird, dann macht das all die Willkür des Apartheid-Systems deutlich. Wenn er sich um die Gesundheit seiner Frau sorgt, die von den Behörden ebenfalls schikaniert wird, dann spürt man die Einsamkeit und Ohnmacht der Gefangenschaft. Wenn er in einem Notizbuch vermerkt, dass es diesmal Milch zum Tee gab, oder in seinem Tischkalender die Freude über ein neues Paar Hausschuhe dokumentiert, dann wird die lähmende Eintönigkeit von 27 Jahren im Gefängnis mehr als anschaulich. Und wenn er sich als rüstiger Staatsmann auf einem Zettel notiert, dass er noch Kofi Annan und Oprah Winfrey anrufen muss – und elastische Socken einkaufen – dann macht das die Lichtgestalt herrlich menschlich.

Das Ziel der Herausgeber, den „Nelson Mandela hinter der öffentlichen Figur“ zu zeigen, gelingt trotzdem nur zum Teil. Das liegt nicht daran, dass sie nicht intensiv genug nach Privatem und Intimem gesucht hätten. Es liegt zum einen an der Zensur der Gefängnispost, wegen der Mandela schon von sich aus auf allzu viel Offenherzigkeit in seiner Korrespondenz verzichtet hat. Und es liegt in der Zeit nach seiner Freilassung an Mandelas unbedingtem Willen zur Versöhnung. Viele der Interviews wurden zu Beginn der 1990er Jahre geführt – in einer Phase, als das neue Südafrika noch ein sehr fragiles Gebilde voller blutiger Kämpfe war. Auch deshalb wird hier nirgends schmutzige Wäsche gewaschen. Immer reicht Mandela dem Gegner die Hand, und er sorgt dafür, dass sogar seine einstigen Peiniger in gutem Licht erscheinen.

Weil bis auf ein paar Stichwortgeber niemand anderes als Mandela selbst zu Wort kommt, vermag das Buch auch nicht, die wenigen dunklen Stellen in Mandelas Biographie zu beleuchten, etwa seine Rolle im bewaffneten Widerstand oder die späte Scheidung von seiner Frau Winnie.

Eindrucksvolle Einblicke gewährt Bekenntnisse trotzdem. Das Buch ist geprägt von viel Reflexion, es ist eine neuere Geschichte Südafrikas ebenso wie eine Biographie Mandelas. Das Buch zeigt einen Mann, der über sich selbst lachen kann („Welch herrlichen Euphemismus für das Eigenlob die englische Sprache entwickelt hat: Autobiographie!“), der trotz seines Ruhms so unerhört bescheiden geblieben ist, dass er sich an einer Stelle tatsächlich als „ein mittelmäßiger Mensch im wahrsten Wortsinn“ bezeichnet, und der sogar an manchen Stellen mit so etwas wie Wehmut und Nostalgie an die Zeit hinter Gittern zurückdenkt, wo er fast ein Drittel seines Lebens verbracht hat.

Vor allem aber zeigt es, warum es Mandela gelingen konnte, zum Inbegriff von Moral zu werden: Alles, vor allem auch die Politik, behandelt er wie eine persönliche Beziehung. Er begegnet den Menschen mit Anstand, Respekt und Mitgefühl. „Ich bin kein Heiliger“, lautet der letzte Satz des Buches. Das klingt dann doch fast wie ein Bekenntnis – und nach der Lektüre muss man diese Behauptung ebenfalls für eine Lüge halten.

Beste Stelle: „Wer in der Politik Erfolg haben will, muss seine Leute ins Vertrauen ziehen und ihnen die eigene Sicht sehr klar, sehr höflich, sehr ruhig darlegen. Aber er muss sie offen darlegen.“


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