Durchgelesen: Norbert Leithold – „Herrliche Zeiten“


Autor Norbert Leithold

Cover des Buchs Herrliche Zeiten von Norbert Leithold bei DVA

„Herrliche Zeiten“ erzählt eine Familiengeschichte über drei Generationen.

Titel Herrliche Zeiten
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Ein erstaunlicher Zufall ist das. Seit 1997 hatte Norbert Leithold an seinem vierten Roman gearbeitet. Und als Herrliche Zeiten dann im Frühjahr 2014 endlich erschien, war das Werk brandaktuell. Es geht in diesem Buch um Kunstraub und den Wert von Kunst für die nationale Identität – ausgerechnet in Zeiten, in denen die Entdeckung der Raubkunst-Meisterwerke bei Cornelius Gurlitt und die Zerstörung von antiken Denkmälern durch die Taliban die Schlagzeilen bestimmten und mit The Monuments Men auch noch ein Hollywood-Film in die Kinos kam, in dem George Clooney versteckter Nazi-Raubkunst nachspürt.

Das war sicherlich ein Glücksfall für den 1957 geborenen Autor. Und es ist in gewisser Weise bezeichnend. Denn Herrliche Zeiten erzählt die Geschichte der Berliner Unternehmerfamilie Kypscholl über drei Generationen von 1939 bis 1967 – und der Roman strotzt vor Zufällen. Genau das ist sein Problem.

Leithold hatte sich nach seinem letzten Roman Viertes Deutschland (1992) auf historische Recherchen und Sachbücher verlegt („Sachbücher bleiben Sachbücher. Der Wandel zwischen Fiktion und Realität, die Macht, einen Kosmos zu schaffen, ist im Sachbuch nicht möglich“, erklärt er nun seine Rückkehr zum Roman) und besticht mit einem Werk von enormer Recherchetiefe. Es gibt Witze, Stars und Sternchen sowie Produkte aus der jeweiligen Zeit, der Autor beweist ein gutes Gespür für die Sprache der NS- und DDR-Ideologien, ihre verführerische Kraft, ihre perfiden Argumentationsweisen. Er wählt zudem eine recht distanzierte Erzählweise („Da kommt der Historiker durch“, sagt er), die Herrliche Zeiten gut zu Gesicht steht.

Aber er schafft es nicht, dieses Buch echt wirken zu lassen. Die Handlung wirkt – vor allem wegen der vielen arg unglaubwürdigen Schicksalswendungen und Begegnungen – wenig plausibel, überfrachtet und reißbrettartig.

Da ist Otto, der Sohn der Kypscholls, der als mimosenhafter Kunststudent ausgerechnet bei der Waffen-SS landet. Er soll für Hermann Göring alte Kunstwerke sichern, aus Museen, Palästen und Privathäusern in Paris, Warschau und St. Petersburg. Da ist Anna, die Tochter, die als Ärztin zur treibenden Kraft im Euthanasie-Programm der Nazis wird. Und da ist Hermann, der Vater, als Paradebeispiel des Kriegsgewinnlers.

Sie alle werden von Skeptikern zu Überzeugungstätern oder schlagen den umgekehrten Weg ein, und Opportunismus ist dabei ihr wichtigstes Prinzip. Was sie alle treibt, ist die Sorge vor Repressalien, gewürzt mit einer Prise persönlichen Ehrgeizes. Was sie aufgeben, ist die Moral. Was sie lernen müssen, ist, wie wenig ein Menschenleben in einem totalitären System wert ist. Fest eingeimpft ist ihnen allen der Glaube, etwas Besonderes zu sein, sich zu großen Taten berufen zu fühlen. Dass jeder Mensch, Deutscher oder nicht, besonders ist – dieser Gedanke kommt ihnen nicht.

„Die gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1968 waren derart radikal, als kulminierten in den knapp vierzig Jahren Jahrhunderte Vergangenheit“, erklärt Norbert Leithold die Motivation für seinen Roman. Doch gerade dieses Aufladen mit Bedeutung, gerade dieser Brennpunkt-Charakter sorgt dafür, dass in Herrliche Zeiten manches viel zu explizit erzählt wird wie Ottos gebetsmühlenartig wiederholter Hass auf seinen Vater, dessen Rollenmodell er dann doch übernimmt. Manches ist zu schlicht wie die Frauenfiguren, etwa die schwärmerische Anna oder die Mutter als Inkarnation der Häuslichkeit. Und vieles wirkt wie gehetzt, um auch ja keine bedeutende Episode aus dem historischen Handbuch des 20. Jahrhunderts links liegen lassen zu müssen.

Es sind immer die ganz großen Dimensionen, die Leithold wählt: Wenn Otto für die NS-Granden auf die Suche nach Kunstwerken gehen soll, dann geht es natürlich um die Mona Lisa und das Bernsteinzimmer. Die Hauptfiguren landen vor Stalingrad und im Lebensbornheim, die Jagd nach Adolf Eichmann wird auch noch integriert und selbstverständlich kommt mit Lale Andersen eine der bekanntesten Sängerin der Ära zum Gartenfest der Familie Kypscholl. Das ist ein etwas zu prominentes Ensemble, auch wenn die Größen der Geschichte hier nur Nebenfiguren sind. Auch in anderen Kategorien wirkt Herrliche Zeiten oft bemüht, effektscheischend und konstruiert.

Bestes Zitat: „Karl würde dem Antreiber am liebsten einen Stoß von hinten verpassen, damit Asche zu Asche wird, damit endlich alles ein für alle Mal vorbei ist.“

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