Durchgelesen: Olaf Fritsche – „Die neue Schöpfung“


"Die neue Schöpfung" zeigt die wichtigsten Trends der synthetischen Biologie.

„Die neue Schöpfung“ zeigt die wichtigsten Trends der synthetischen Biologie.

Autor Olaf Fritsche
Titel Die neue Schöpfung. Wie Gen-Ingenieure unser Leben revolutionieren
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Physik war gestern! Sie hat das 20. Jahrhundert geprägt, mit Relativitätstheorie und Röntgenstrahlen, Atombombe und Raketenantrieb. Das neue Jahrhundert wird, wenn man den Experten glaubt, von einer neuen Disziplin beherrscht: den Lebenswissenschaften.

Unter dieser Rubrik werden unter anderem Biologie und Medizin zusammengefasst, und als ihre zukunftsträchtigste Sparte gilt die synthetische Biologie. Vorhandene Gene von Tieren, Pflanzen und Bakterien werden dabei verändert oder neu arrangiert, um neue Organismen zu schaffen. Die Gestalt der DNA, und damit das Leben, lässt sich am Computer planen. Der Mensch kann nun systematisch das tun, was bisher – je nach Betrachtungsweise – Gott beziehungsweise der Evolution vorbehalten war.

Diese Technologie wird womöglich unser Leben ebenso verändern, wie es Quantentheorie und Atomforschung getan haben – und der Weg dahin ist längst eingeschlagen. Aber kaum jemand bekommt es mit, und kaum jemand weiß, wohin er führen wird. Dieses Manko will Olaf Fritsche, Biophysiker, promovierter Biologe und Wissenschaftsjournalist, mit seinem neuen Buch beseitigen. Er verspricht dem Leser, mit Die neue Schöpfung. Wie Gen-Ingenieure unser Leben revolutionieren „einen Blick in die Zukunft des Lebens und des Menschen zu erhaschen. Dafür spüren wir die wichtigsten, spannendsten und meistversprechenden Trends der Biologie auf und versuchen zu erahnen, wie sie die Welt verändern werden.“

Das ist ein ebenso ehrenhaftes wie großspuriges Vorhaben. Mit guten Gründen weist Fritsche darauf hin, dass wir uns lieber heute als morgen mit den Entwicklungen beschäftigen sollten, die bereits in vollem Gange sind. „Die biologische Revolution, an deren Anfang wir im Moment gerade stehen, wird nicht in den Laboren und Fabriken bleiben. Sie wird in unsere Küchen gelangen, unsere Wohnzimmer erobern, die Kinderzimmer erreichen und vielleicht… wahrscheinlich … vermutlich sogar uns selbst erfassen“, lautet seine Prognose. Zugleich betont der Autor aber, wie schwierig es ist, genaue Vorhersagen zu treffen.

Dieses Dilemma wird zu einem Leitmotiv für Die neue Schöpfung. Fritsche versucht immer wieder, mit seinen Beispielen so nah wie möglich an den Alltag zu kommen. Am Ende jedes Kapitels liefert er ganz konkrete Antworten auf ganz konkrete Fragen. Er schafft es, die biologischen Grundlagen verständlich zu erklären, einen Überblick über die relevantesten Entwicklungen zu geben und auch die wichtigsten Forscher der Disziplin vorzustellen.

Allerdings muss er notgedrungen immer wieder zu Spekulationen greifen, wenn er aufzeigen will, wohin die Reise vielleicht gehen wird. Er führt aus, wie der Mensch eines Tages die Venus besiedeln könnte, warum wir vielleicht alle irgendwann Schnurrkissen auf dem Sofa haben (das sind mittels synthetischer Biologie hergestellte Katzen ohne Kopf und ohne Beine) und wie man Organismen dazu bringen könnte, CO2 in Biosprit zu verwandeln. Er fantasiert einen Krieg herbei, in dem mutierte Killerbakterien, die ursprünglich als nicht-tödliche Biowaffen gedacht waren, die ganze Bevölkerung der koreanischen Halbinsel ausrotten. Und er schildert hypothetische Killerviren, die so gestaltet sind, dass sie nur auf das Genom einer einzelnen Person passen, also beispielsweise den US-Präsidenten töten könnten, aber für alle anderen Menschen ungefährlich sind.

Manch renommierter Wissenschaftler wird bei so viel Spekulation die Nase rümpfen, und in der Tat schießt Fritsche mitunter beim Versuch, verständlich, visionär und anschaulich zu sein, übers Ziel hinaus. Dafür kann man aber auch attestieren: Das Buch macht Spaß, und es ist manchmal atemberaubend spannend.

Ein größeres Problem ist die Leichtfertigkeit, mit der in Die neue Schöpfung über sehr grundlegende Probleme hinweggegangen wird. Fritsche beweist einen guten Blick für die brisantesten ethischen Fragen der synthetischen Biologie. Aber seine Antwort, gespeist aus jahrelanger Erfahrung im Umgang mit Forschern, lautet in der Regel bloß: Was möglich ist, wird sowieso irgendwann gemacht. Damit macht es sich der Autor ein bisschen arg einfach und läuft gelegentlich Gefahr, aus seinem Buch eine Werbebroschüre für die Verheißungen der synthetischen Biologie zu machen.

Immerhin leistet Fritsche mit Die neue Schöpfung aber einen hilfreichen Beitrag, um die überfällige Debatte über Biohacker, ausgestorbene Arten, die wieder zum Leben erweckt werden sollen, oder genetisch optimierte Menschen in Gang zu bringen. Die Gesellschaft muss wissen, was da passiert, um sich vorzubereiten und um entscheiden zu können: Wollen wir das? Die neue Schöpfung ist dabei eine gute erste Annäherung an das Themengebiet.

Bestes Zitat: „Die Biologie der Zukunft wird unser Leben zweifellos umkrempeln. Deshalb geht es uns alle an, was in den Laboren rund um den Globus geschieht. (…) Um einigermaßen sicher auf dem schmalen Grat zwischen blinder Forschungsgläubigkeit und prinzipieller Ablehnung zu wandeln, brauchen wir aber eine gemeinsame Grundlage. Dafür werden wir uns wohl oder übel alle ein bisschen anstrengen müssen. Die Wissenschaftler, indem sie ihre Experimente und deren Bedeutung immer wieder für jedermann verständlich erklären. Und die Öffentlichkeit, indem sie sich informiert und einmischt.“

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