Durchgelesen: Paul Theroux – „Hotel Honolulu“


Autor Paul Theroux

Hotel Honolulu Paul Theroux Buchkritik Rezension Roman

Vom Überleben unter Hawaiianern erzählt „Hotel Honolulu“.

Titel Hotel Honolulu
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung

„Das Wort ‚Festland’ klang hier auf Hawaii in meinen Ohren wie ‚Planet Erde.’“ Das muss der Ich-Erzähler feststellen, als er sich in einer Szene mal wieder unter Aliens wähnt, obwohl er sich eigentlich längst auf dieser Insel zuhause fühlen sollte. Er lebt seit Jahren dort, hat eine Frau gefunden und eine Familie gegründet. Und nicht zuletzt hat er hier in der Südsee einen neuen Job angenommen: Er ist Geschäftsführer des Hotel Honolulu.

In seinem früheren Leben, auf dem jetzt so fern erscheinenden Festland, war er ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller gewesen, bis ihn eine hartnäckige Schreibblockade heimsuchte und ihn dazu brachte, einen Neuanfang zu wagen. „Ich hatte viel verdient und viel verloren: Häuser, Grundstücke, Familie, Freunde. Ich hatte mich von meinen Autos und meiner Bibliothek getrennt. Andere Leute saßen jetzt in bequemen Sesseln, die ich gekauft hatte, blickten auf Gemälde, die einst mir gehört hatten“, lautet seine Zwischenbilanz, als er ohne jegliche Ausbildung den Job als Geschäftsführer des Hotels annimmt, das – genau wie er – schon bessere Tage gesehen hat. „Ich habe schon in vielen Hotels gewohnt“, lautet seine einzige Qualifikation.

Das Hotel hat 80 Zimmer, und genauso viele Kapitel hat das Buch. Paul Theroux erschafft ein Haus, das schnell wie eine eigene Welt wirkt, für seine Gäste, seine Mitarbeiter und auch für den Leser. „Man verstand das Hotel Honolulu nur, wenn man drinnen war“, heißt es dazu an einer Stelle. Wiederholt schildert Theroux ausführlich die Banalitäten des Hotelalltags, den Tratsch des Personals und die Schrullen der Gäste, bis dann plötzlich in einem Halbsatz eine spektakuläre, dramatische Nachricht erwähnt wird: ein Mord, eine Amputation, eine Affäre.

Damit wird Hotel Honolulu, das schon 2001 in der Originalausgabe erschien und jetzt in der Übersetzung von Theda Krohm-Linke vorliegt, zu einer sehr launigen Lektüre. Es gibt viel Humor in diesem Buch („Hier auf Hawaii, dem Land der langen Pausen, wissen die Menschen vielleicht die Antwort auf eine Frage, auf zwei jedoch auf keinen Fall.“) und reichlich schillernde Figuren wie den Hotelbesitzer Buddy Hamstra oder die Journalistin Madame Ma, die als Dauergast im Hotel lebt. Es gibt aber selbstverständlich auch einen sehr ernsten Kern: die Suche nach Heimat, im doppelten Sinne.

Zunächst ist das geografisch gemeint. Man kann Hotel Honolulu wohl als den Versuch Paul Therouxs verstehen, diese Insel zu begreifen und seine bisherigen Erkenntnisse zum Überleben unter Hawaiianern zu Papier zu bringen. Der 1941 geborene Autor lebt einen Teil des Jahres selbst auf der Insel, die hier wie ein verlorenes Paradies geschildert wird, mit Einwohnern, „die mir fast wie Wilde erschienen waren, undurchschaubar, grausam und naiv“, wie es an einer Stelle seines Romans heißt.

In dieser denkbar unkultivierten Welt, auf einer Insel, die als das ultimative Symbol der Sorglosigkeit gelten kann, muss sich sein Ich-Erzähler als Außenseiter fühlen, so sehr er Hawaii und seine Menschen auch ins Herz schließt. Der Hotelchef ist an diesem Ort des Transits zwar in der perfekten Position, um sehr schnell sehr viel über die Menschen zu lernen, ohne wirklich persönliche Beziehungen zu ihnen eingehen zu müssen – das Beobachten in der Lobby ist fast so, als würde er anthropologische Handbücher lesen. Aber er weiß, dass er sich etwas vormacht, wenn er meint, er sei einer von ihnen.

Auf der anderen Seite ist der Erzähler auf der Suche nach einer beruflichen Heimat. Seine Vergangenheit als Schriftsteller verschweigt und leugnet er sogar, er zweifelt, ob dies seine wahre Berufung ist. Zugleich merkt er, wie wenig kompetent er als Chef eines Hotels ist: Die Angestellten schmeißen den Laden weitgehend im Alleingang, er wird eher geduldet als gebraucht.

So wird dieser Roman auch ein Buch über die Literatur, über den Eskapismus, den sie ermöglicht, und über die Lehren, die sie zugleich über die Welt bereit hält. Noch vielmehr ist Hotel Honolulu ein Buch über das Schreiben, die Angst davor und die Sehnsucht danach, „alles zu ignorieren, was jemals geschrieben worden war, sich alle Zeit der Welt zu nehmen und vor allem: die Wahrheit zu erfinden“, wie es an einer Stelle heißt. Der Schriftsteller/Hotelmanager erkennt auf Hawaii: In Büchern stecken viel mehr Geschichten als in einem noch so großen Hotel passieren können. Und das Schreiben ist vielleicht die einzige Möglichkeit, sich wirklich ein eigenes Paradies zu erschaffen.

Bestes Zitat: „Die traurigste Aufgabe für einen Ironiker ist es, dem Zuhörer sagen zu müssen, dass es ein Witz war, denn es ist natürlich nie ein Witz.“

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