Durchgelesen: Philip Norman – „Paul McCartney“


Autor Philip Norman

Paul McCartney Philip Norman Kritik Rezension

Nach den Beatles und John Lennon widmet sich Philip Norman jetzt in Buchform Paul McCartney.

Titel Paul McCartney
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Will man diese Biographie, die im vergangenen Jahr im Original erschienen ist und vor ein paar Tagen in der deutschen Übersetzung von Conny Lösch veröffentlich wurde, in einem Satz zusammenfassen, dann könnte man sagen: Philip Norman hat ein fast 1000 Seiten langes Entschuldigungsschreiben an Paul McCartney verfasst.

Der Musikjournalist, Jahrgang 1943 und lange für die Sunday Times tätig, und Sir Paul kennen sich persönlich. Im Vorwort erzählt Philip Norman, unverkennbar auch im Bestreben, sich selbst als Verfasser einer solchen Biographie zu legitimieren und zu nobilitieren, von ihrer ersten Begegnung im Dezember 1965 vor einem Konzert der Band. Er geht aber auch ausführlich darauf ein, wie sein Verhältnis zu Paul McCartney nach diesem durchaus verheißungsvollen Auftakt merklich abkühlte. Grund dafür ist die Beatles-Biographie Shout, die Philip Norman 1981 herausbrachte. Das Buch war eines der ersten, das sich seriös und gut lesbar mit den Fab Four beschäftigte, zudem erhielt es Rückenwind durch die Beatles-Nostalgie nach der Ermordung John Lennons. Das Werk verkaufte sich mehr als eine Million Mal und prägte ein Bild der Beatles, in dem John Lennon die dominierende kreative Kraft war (er machte „drei Viertel der Beatles aus“, behauptet Norman in Shout), während Paul McCartney vor allem für Grinsen, Gefälligkeit und Anbiederung an den Mainstream zuständig war.

Natürlich war McCartney wenig begeistert von dieser Rollenzuschreibung. Wie falsch sie war, schwante Philip Norman nach eigenem Bekunden, als er später an einer umfangreichen John-Lennon-Biographie arbeitet (John Lennon – A Life erschien 2008) und sich dabei intensiver mit der Arbeitsweise der Beatles und dem Verhältnis ihrer beiden führenden Songwriter beschäftigte. Das Ergebnis ist nun beinahe eine Überkompensation: So sehr er McCartney früher als seichten „Thumbs-Up-Paul“ kleingeredet hat, so sehr stellt er nun dessen Vielschichtigkeit und Wagemut heraus. Schon zu Beginn seiner Biographie nennt er ihn den „größten lebenden Repräsentanten und gleichzeitig größten Nonkonformisten der Popmusik“. Am Ende des Buches legt er noch einmal dar, er wolle einen Paul McCartney zeigen, „der sich durchaus von dem unterscheidet, den die Welt zu kennen glaubt; einen Workaholic und Perfektionisten, der trotz seines Ruhmes immer wieder unterschätzt wurde und trotz seines unbestreitbaren Genies auf seine Art ebenso unsicher und verletzbar ist wie der ihm scheinbar so gegensätzliche John Lennon“.

Philip Norman findet viele Belege für die These, dass Paul McCartney ein viel komplexerer Charakter und vor allem musikalisch weitaus ambitionierter ist, als ihm gemeinhin zugestanden wird. Zu den besten Passagen des Buchs, das ähnlich wie die Biographie aus der Feder von Howard Sounes den Fokus auf die Nicht-Beatles-Zeit legt, gehören der Blick auf die Schulzeit und Familiengeschichte McCartneys, die sehr lebendige Schilderung der Jahre vor seiner Heirat, in denen er sich mit unstillbarem Hunger und sehr vielfältigen Interessen ins Londoner Kulturleben stürzte, und die Einblicke in das Familienleben mit Linda und den Kindern, das offensichtlich nicht nur erstaunlich liebevoll war, sondern auch von einem großen Bemühen um Normalität geprägt. Das ist überhaupt der Charakterzug, der in dieser Biographie am deutlichsten hervortritt: Exzentrik und Überheblichkeit, die bei Popstars scheinbar dazugehören und sich auch bei Paul McCartney gelegentlich beobachten lassen, werden bei ihm durch ein ausgeprägtes Maß an Bodenständigkeit und vor allem Höflichkeit gemildert; gerade daraus erwächst ein beträchtlicher Teil seines Charmes.

Neben oft zutreffenden Analysen und einem großen Horizont (Beispiel: „1965 hatten die Beatles die Popmusik für immer verändert – ihren Sound, ihren Look, ihren sozialen Status, ihre wirtschaftliche Bedeutung und die in der dazugehörigen Branche herrschenden Praktiken. Mit dem Ergebnis, dass sie sich nicht weniger verunsichert fühlten, sondern mehr.“) bietet das Buch auch für Fans etliche überraschende Fakten. So galt Paul McCartney bei seiner Geburt als tot, erst nach tatkräftiger Hilfe der Hebamme begann er zu atmen. Er bekam ein rundes Bett von Alice Cooper geschenkt und hat Mick Jagger überredet, mit dem Kiffen anzufangen. Er ließ sich einmal aus seiner Lieblinsgpizzeria in New York eine Pizza mit der Concorde nach London liefern, gewann manchmal die Maturbationswettbewerbe bei der Beatles-Vorgängerband Quarrymen und hatte in japanischer Haft (er musste dort eine Woche im Gefängnis verbringen, weil man ihn am Flughafen mit Marihuana erwischt hatte) größte Sorge, unter der Dusche von den Mithäftlingen vergewaltigt zu werden.

Dieser Detailreichtum ist allerdings auch eine Schwäche der Biographie, die mit „stillschweigender Zustimmung“ Paul McCartneys entstanden ist, was bedeutet, dass der Beatle ein paar Kontakte vermittelte und Fragen des Autors per Mail beantwortete. So konnte Norman mit zahlreichen Interviewpartnern aus dem engsten Umfeld des Musikers sprechen. Gerade vor diesem Hintergrund ist es bedauerlich, wie wenige Zitate es im Buch gibt. Beim Blick auf Paul McCartneys Autobiographie Many Years From Now schreibt Norman selbst an einer Stelle, eine Lebensgeschichte aus der Feder eines anderen Autors müsste normalerweise aus Dokumenten wie Briefen und Tagebüchern bestehen, aber solches Material sei für Paul McCartney eben nicht verfügbar. Umso mehr hätte man sich gewünscht, dass er hier seine Quellen klarer benennt. Weil dies praktisch nicht geschieht, hat die Biographie in manchen Abschnitten den Charakter eines Lexikon-Artikels. Das mindert nicht nur den Lesespaß, weil es distanziert wirkt, sondern lässt auch die eigentliche Rechercheleistung des Autors im Unklaren.

Ärgerlich ist auch eine Vorliebe für Boulevard-Aspekte dieser Lebensgeschichte, so werden der Beziehung mit Heather Mills und ihrem unrühmlichen Ende fast 100 Seiten eingeräumt, mithin also knapp 10 Prozent des gesamten Buchumfangs. Zu kurz kommt dafür die Musik: Norman, der gerade an einem Buch über Eric Clapton arbeitet, hält sich mit Bewertungen (vor allem mit Kritik) einzelner Songs spürbar zurück, auch eine detaillierte Analyse des Songwritings oder aber der meisterhaften Fähigkeiten Paul McCartneys am Bass fehlen völlig. Womöglich ist es gerade die Sorge, dem beatligsten Beatle von allen erneut Unrecht zu tun, die Philip Norman davon abgehalten hat, eine wirklich überzeugende Biographie zu verfassen. Was er bietet, ist immerhin eine faktenreiche Lebensgeschichte und eine gut begründete Neubewertung der Bedeutung Paul McCartneys für die Beatles und darüber hinaus.

Bestes Zitat: „Es war schwer, diese kalten, gleichgültigen Männer [zum Abschluss der Arbeiten an Abbey Road] mit den Jungs in Verbindung zu bringen, die den Liverpooler Cavern, die Hamburger Reeperbahn, die Beatlemania und die darauffolgenden immer verrückteren Ereignisse lachend, leidenschaftlich und vor allem in einer Freundschaft überstanden hatten, die lange Zeit unverwüstlich schien. Auf jeden Fall hatten sie mehr Liebe gegeben, als sie entgegennehmen konnten – und vermutlich war das der größte Preis, den sie zu zahlen hatten.“

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