Durchgelesen: Philipp Krohn & Ole Löding – „Sound Of The Cities“


Autoren Philipp Krohn und Ole Löding

Cover des Buchs Sound Of The Cities bei Rogner & Bernhard Philipp Krohn Ole Löding

24 Städte haben die Autoren für „Sound Of The Cities“ bereist.

Titel Sound Of The Cities. Eine popmusikalische Entdeckungsreise
Verlag Rogner & Bernhard
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

„Der Mensch ist mit seinem Wohnorte so nah verwandt, dass die Betrachtung über diesen uns auch über den Bewohner aufklären muss“, hat Goethe kurz vor Ende des Jahres 1785 an Carl von Knebel geschrieben. Auch Philipp Krohn und Ole Löding sind Anhänger dieser These: Sie spüren in Sound Of The Cities der Frage nach, wie bestimmte Städte bestimmte Stars, Szenen, Genres und Hits hervorbringen.

Philipp Krohn, Jahrgang 1977, gebürtiger Hamburger und derzeit als Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig, und Ole Löding, geboren 1976 in Bremen, in Köln über die politische Popmusik in Deutschland promoviert und mittlerweile freier Journalist, haben dazu 24 Städte in acht Ländern bereist und 160 exklusive Interviews geführt, mit Musikern, Produzenten oder Pop-Forschern. Die Liste ihrer Gesprächspartner enthält prominente Namen wie Robert Been (Black Rebel Motorcycle Club), Billy Bragg, Peter Guralnick oder Judith Holofernes. Sie haben Tonstudios, Live-Venues und Plattenläden besucht; ihre ältesten Gesprächspartner sind in den 1930er Jahren geboren, die jüngsten sechzig Jahre später.

Das Ergebnis dieser erstaunlichen Rechercheleistung (bei deren Route man durchaus neidisch auf die Autoren werden kann) sind viele spannende Erlebnisse, erhellende Zitate und ein einzigartiger Ansatz. „Zu vielen unserer Musikstädte gibt es eigene lesenswerte Abhandlungen, doch diese wurden meist aus der Perspektive des Szenekenners verfasst, der sich einem kleinen lokalen Ausschnitt der Musikwelt widmete“, schreiben die beiden Autoren in ihren Vorbemerkungen. „Wir allerdings meinen, dass erst im Vergleich mit anderen Orten die Einzigartigkeit einzelner Popmetropolen wirklich greifbar wird.“

Freilich gelingt es selten, diese Unverwechselbarkeit wirklich herauszuarbeiten, was wohl schlicht an der Tatsache liegt, dass man die Goethe-These „Sag mir, wo du wohnst, und ich sag dir, wer du bist“ eben auch höchst zweifelhaft finden kann. Sind es wirklich die Städte (also letztlich: Steine, Mörtel, im besten Falle ein paar Bäume und ein bisschen Wasser), die einen bestimmten Sound hervorbringen? Oder sind es nicht vielmehr die Menschen, die sich inmitten dieser Steine und Bäume bewegen? Und, wenn ja: Sind es die Menschen, die schon immer in dieser Stadt gelebt haben? Oder nicht doch eher die Leute, die hier zwar als Zugezogene ihr Glück suchen (und im besten Falle finden), aber deren künstlerische Identität ganz woanders geprägt wurde?

Es gibt noch ein paar weitere Absonderlichkeiten an Sound Of The Cities, über die man meckern muss. Das seltsame Vorwort von Tobias Levin gehört dazu, in dem es schlaue Gedanken ebenso oft gibt wie schreckliche Formulierungen, die wirken, als seien sie schlecht aus dem Englischen übersetzt. Auch ein paar Key-Facts hätten nicht geschadet: Am Ende jedes Kapitels gibt es zwar eine Liste mit repräsentativen Songs aus der jeweiligen Stadt und eine Übersicht popkulturell wichtiger Sehenswürdigkeiten, auch das Register ist sehr hilfreich. Aber eine Box zu jeder Stadt, mit Infos zu Einwohnerzahl, demografischen Daten oder wichtigen Branchen wäre ein weiterer wichtiger Service gewesen.

Nicht zuletzt können sich Krohn und Löding oft nicht entscheiden, wer ihre Zielgruppe ist. Es gibt in Sound Of The Cities ein paar Allgemeinplätze (Die Rolling Stones haben viele gute Alben gemacht! New York ist eine pulsierende Metropole!), bei denen man merkt, dass die Autoren möglichst wenig voraussetzen und auch für Popkultur-Novizen zugänglich sein wollen. Dem stehen Passagen gegenüber, die beinahe wie eine Parodie von elitärem Musikkenner-Geschwafel wirken („Er ist der Kopf der sechsköpfigen Band Flying Horseman, deren letztes Album City, Same City auf eine unnachahmliche Weise die frühen Fleetwood Mac mit den späten Talk Talk, den Ambientsound Brian Enos mit malaiischem Wüstenblues vermengt.“)

Auch die Subjektivität dieses Buchs wird mancher Leser als anstößig empfinden. Da wird schon mal eine Band, die (fast) nur den Autoren am Herzen liegt, zu „einer der aufregendsten Formationen der letzten Jahre“ hochstilisiert oder eine obskure Platte zu einem „Meisterwerk des Genres“. Auf die Idee, Antwerpen in die Liste der 24 wichtigsten Pop-Metropolen aufzunehmen (aber nicht Montreal, Sydney oder Dublin), kann man wohl nur als dEUS-Fan kommen, und im Kapitel über London seeeehr ausführlich die Entstehung des Prog-Rock nachzuzeichnen, aber dann nur kursorisch auf Punk oder Britpop einzugehen, erscheint auch nicht allzu plausibel.

Letztlich führt diese Vorherrschaft des eigenen Geschmacks aber zur entscheidenden Stärke von Sound Of The Cities: Krohn und Löding sind begeisterte Anhänger, nicht nur von Popmusik, sondern von der Stadt als Konzept. Ihr Buch durchzieht ein sehr wohltuender Glaube an die Kraft der Stadt, als Schmelztiegel, als Inspiration, als Freiheitsraum. So mag das Buch als Kompendium der Popgeschichte seine Schwächen haben, als Erlebnisbericht zweier Musikfans und vor allem als Reiseführer für Gesinnungsgenossen ist Sound Of The Cities aber enorm empfehlenswert.

Schließlich sind die beiden Journalisten auch klug genug, einigen der Tücken zu entgehen, die mit ihrem Ansatz verbunden sind. Die Auswahl der Gesprächspartner wirkt manchmal etwas zufällig, aber Krohn und Löding machen stets erkennbar, woran das liegt (und wen sie persönlich gesprochen haben, am Telefon, per Skype oder an anderen Orten) – in Summe entstehen dadurch Porträts, die trotzdem repräsentativ für die jeweilige Stadt erscheinen. Der Frage des Einflusses der Zugezogenen gehen sie in einem eigenen Kapitel über Stadt und Land und deren Zusammenspiel sehr reflektiert nach, nicht zuletzt machen sie ihre Perspektive als Fans stets transparent.

Statt, wie angestrebt, die unverwechselbaren Charakteristika von Glasgow, Stockholm oder Nashville herauszuarbeiten, bieten sie in Sound Of The Cities, vielleicht ungewollt, viel eher einen Überblick all der Faktoren, die hilfreich sind, um eine lebendige Musikszene entstehen zu lassen: Die nötige Infrastruktur von Proberäumen über Liveclubs und Tonstudios bis zu Büros von Plattenfirmen und Musikpresse gehört dazu. Leitfiguren sind wichtig, die beweisen, dass man es als Einwohner von X, Y oder Z ganz nach oben schaffen kann. Die Nähe zum (Kunst-)Hochschulbetrieb ist ein Pluspunkt, auch ein gewisses Maß an Heterogenität bei Wohlstand, Zusammensetzung der Bevölkerung und nicht der zuletzt der Musikszene selbst wirkt offensichtlich an vielen Orten inspirierend. Also, liebe Stadtplaner: Stoppt die Gentrifizierung, nehmt Sound Of The Cities und baut ein Paradies für Pop!

Bestes Zitat: „Immer wieder während unserer Reise haben wir uns (…) die Frage gestellt, wie sich die Bedeutung der Stadt als Ort des Austausches und  der gegenseitigen Inspiration in Zukunft verändern wird. Wird es in Zukunft noch innovative subkulturelle Szenen und Bewegungen geben, ausgelöst durch den persönlichen, kreativen Austausch von Menschen unterschiedlicher Herkunft, wenn das Musikschaffen digital geworden ist? Kann spannende Popmusik noch entstehen, wenn der direkte, affirmative oder negierende Kontakt mit Vorgängern, Gründungsmythen, Schauplätzen, Identitäten in den Weiten des Internets verschwimmt? Oder positiv formuliert: Wenn sich die gegenseitige »künstlerische Ansteckung« (Inga Humpe) in das Internet mit all seinen Verästelungen verlagert, entwickelt sich daraus vielleicht eine bislang ungekannte innovative Vielfalt von Subkulturen, Undergroundbewegungen und globalen Popmusik-Ideen, die den »Sound of the Cities« als Anachronismus erscheinen lassen? Es gibt hierauf keine eindeutige Antwort.“

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