Durchgelesen: Ralf Bönt – „Das kurze Leben des Ray Müller“


Autor Ralf Bönt

Eine Geburt und ein Tod stehen diesmal am Beginn der Handlung bei Ralf Bönt.

Eine Geburt und ein Tod stehen diesmal am Beginn der Handlung bei Ralf Bönt.

Titel Das kurze Leben des Ray Müller
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Ein paar Preise hat Ralf Bönt, 1963 in Lich geboren, in Bielefeld aufgewachsen und mittlerweile in Berlin zuhause, für seine bisherigen drei Romane eingeheimst. Und reichlich Lob geerntet insbesondere für seine genauen Beobachtungen und den Blick für das Existenzielle. Natürlich ist es verlockend, diese Qualitäten mit seiner früheren Tätigkeit als Physiker (unter anderem am CERN) in Verbindung zu bringen. In seinem heute erscheinenden neuen Roman Das kurze Leben des Ray Müller gerät allerdings alles ins Wanken, was die Naturwissenschaften ausmacht. Untrügliches Wahrnehmen? Falsifizierbarkeit? Die Idee, aus vielen einzelnen Ereignissen auf ein alles verbindendes Gesetz zu schließen? Nichts davon funktioniert hier für den Held der Geschichte.

Für Marko Kindler ist alles außer Kontrolle geraten. Der Ich-Erzähler war früher Jurist, wurde dann Übersetzer und schließlich Krimiautor, weil er „unbedingt den ganzen Tag zuhause sein wollte und sich nicht auf die Straße traute“, wie es heißt. Nach einem erfolgreichen Debütroman hat er sich zuletzt allerdings zwei Jahre lang in erster Linie mit seiner Krankheit beschäftigt, von der man nicht weiß, ob sie bloß eingebildet ist. Er ist entweder ein bemitleidenswert ignorierter Patient oder ein grandios übertreibender Hypochonder, der von Allergien über Schilddrüsenprobleme bis hin zu Paranoia alles in sich vereint, wofür die moderne Medizin kein rechtes Gegenmittel hat. Außerdem ist er süchtig nach Internet-Pornos, was er aber eher als Teil seiner Therapie betrachtet denn als Teil seiner Krankheit.

Die Handlung beginnt an dem Tag im Jahr 2007, als sein Sohn Ray geboren wird. Kindler und seine Freundin Lycile sind seit sieben Jahren zusammen, die Sache mit der Fortpflanzung hatten sie schon eine ganze Weile vergeblich versucht. Nun machen sich Stolz und Nervosität im frischgebackenen Vater breit, Aufregung und der kaum zu bändigende Wunsch, das Kind, das nicht einmal seinen Namen trägt, ganz für sich allein zu haben.

Aber immer wieder wird die Freude über den Nachwuchs auch unterbrochen von Zweifeln: Bin ich bereit für diese Verantwortung? Wird die Beziehung halten? Die zur Mutter und die zum Sohn? Ist der Sohn eine unschuldige Ausgabe meines Selbst, der ich all die Fehler und schlechten Erfahrungen ersparen kann, die ich selbst gemacht habe? Das sind die zentralen Fragen in diesem Roman, mit dem Ralf Bönt das Thema seines 2012 erschienenen Essays Das entehrte Geschlecht wieder aufgreift: Wie zur Hölle soll man heutzutage noch ein Mann sein können?

Es sind die verschiedenen Ebenen der Verantwortung, die Erwartungen, die an unterschiedliche Facetten seines Selbst gestellt werden, die Marko Kindler schließlich zu einer Kurzschlusshandlung führen. Nach einer Weile wird dem Leser klar, dass der Ich-Erzähler in Untersuchungshaft sitzt und auf das Gespräch mit einem Kriminalpsychologen wartet, während er uns das Geschehen der vergangenen Tage berichtet. Ziemlich genau nach der Hälfte des Buches weiß man auch, welches Verbrechen ihm vorgeworfen wird.

Besonders eindrucksvoll wirkt seine Verunsicherung, weil die Vaterschaft für ihn keine Neuigkeit ist, als Ray geboren wird – Kindler hat schon zwei Kinder mit seiner Jugendliebe, die ihn dann aber für einen anderen Man sitzen ließ. Ray erscheint ihm wie eine Verheißung („Wenn ich mit ihm zusammen war, würde ich alles andere vergessen“, lautet die Hoffnung, die er in seinen Sohn setzt) und zugleich wie der Sargnagel für alle Optionen, die sich ihm vielleicht noch hätten bieten können. Ist das jetzt mein Leben?, muss er sich fragen. Ist alles darin gut vorbereitet für diese Situation? Wird es diesmal klappen? Und auch: Gibt es noch eine Ausweg?

Die Frage, ob nicht alles auch ganz anders sein könnte, wird verstärkt vom Tod der befreundeten New Yorker Künstlerin Nelly, die genau an dem Tag stirbt, an dem Ray geboren wird. Kindler hatte sie bei einem USA-Besuch kennen gelernt, sie hätte für ihn die Tür in ein Leben als Bohemien sein können. Doch dann versandete die Beziehung, Kindler landete in Berlin, dann bei Lycile, dann mit Ray in seinem Arm.

Der Erzählstrang mit den Erlebnissen in New York erscheint zunächst wie ein Fremdkörper in Das kurze Leben des Ray Müller, auch Gedanken zum Terroranschlag des 11. September, zu schlechtem Fernsehprogramm oder dem undankbaren Schicksal der Literatur-Übersetzer wirken mitunter wie unnötigerweise hineingestopft in diese Geschichte, die neben diesen Abschweifungen gelegentlich auch daran krankt, dass hervorstechendste Merkmal der Hauptfigur die Unentschlossenheit in der Konfrontation mit den großen Fragen des Lebens ist. Letztlich unterstreicht Ralf Bönt aber auch damit das zentrale Motiv seines Romans, das zentrale Problem seiner Hauptfigur: Er verfügt über eine Sensibilität, die nicht nur dem gängigen Männerbild zuwiderläuft, sondern in eine beinahe krankhaft übersteigerte Wahrnehmung führt.

Wie Bönt die Bewegung einer Bluse über Haut schildert oder das Schreiben eines Kugelschreibers auf einer Serviette, hat große Klasse. Wenn Kindler sich erinnert, wie er mit Frau und Baby aus dem Krankenhaus kam und feststellt „Wir umarmten uns, und es fühlte sich täuschend echt an“, dann verdeutlicht das, wie sehr er nicht nur die Umwelt seziert, sondern auch sein Innenleben.

Das kurze Leben des Ray Müller zeigt, wie viel Freude und Genuss eine solche Intensität unserer Wahrnehmung bringen kann, wenn wir sie auf Kunst oder geliebte Menschen richten können – und wie sie zur Waffe und zum Folterwerkzeug werden kann, wenn aus Kunst Kitsch und aus geliebten Menschen bedrohliche Gegner werden. Mit dieser Erkenntnis steuert Ralf Bönt auf ein unfassbares Finale zu – das erschütternd wird gerade durch den lakonischen, beinahe bürokratischen Ton, in dem es erzählt wird.

Bestes Zitat: „Es braucht wirklich wenig, um einen Verstand zu rauben.“

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