Durchgelesen: Rich Cohen – „Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones“


Autor Rich Cohen

Rich Cohen Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones Kritik Rezension

Einblicke aus dem innersten Kreis der Band gibt „Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones“.

Titel Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones
Verlag BTB
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

“Rich Cohen schreibt, wie Mick Jagger singt“, hat AJ Jacobs in Esquire über dieses Buch geschrieben. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Wie soll eine Schreibe aussehen, die auf Zehenspitzen stolziert, den Arsch rausstreckt, scheinbar unkontrolliert mit den Armen zuckt, dabei zu 80 Prozent aus Lippen besteht und zugleich Laute äußert, die nichts anderes sind als sexuelle Aggression? Ich bin nicht einmal sicher, ob Musikjournalist Rich Cohen stolz wäre auf diese Umschreibung. Mit Mick Jagger geht er in Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones nämlich hart ins Gericht. Der Sänger ist für ihn offensichtlich der Hauptgrund dafür, dass die einst wildeste Rockband der Welt mittlerweile vor allem eine routinierte Gelddruckmaschine ist. Seine Sympathien liegen eindeutig eher bei Keith Richards (und auf Platz 2 dürfte wohl Charlie Watts rangieren, der in diesem Buch, wie stets, unfassbar cool rüberkommt): Als Cohen einmal eine Reportage über die Stones veröffentlichte, rief das Management von Mick Jagger empört bei ihm an und wollte wissen, ob die Überschrift des Artikels nicht besser „Ich liebe Keith Richards und will seine Babies haben“ hätte lauten sollen.

Eine Parallele zwischen Mick Jagger und Rich Cohen gibt es allerdings zweifelsohne: So wie sich der Sänger die Musik der Schwarzen im Mississippi-Delta und in Chicago (übrigens die Heimatstadt von Rich Cohen) angeeignet hat, so okkupiert Cohen hier die Geschichte der Rolling Stones. Sein Buch ist „teils Rockgeschichte, teils Memoire, charmant und unglaublich ehrlich“, hat Paris Review treffend zusammengefasst, und es ist dieser sehr Mix, der aus Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones ein so faszinierendes Werk macht. Das Buch vereint die Geschichte der Band, eine Chronik des Rock’N’Roll insgesamt und die persönliche Biografie des Autors als Fan dieses unnachahmlichen Spektakels. Cohen schildert freimütig seine Drogenerlebnisse, seine missglückten Versuche als Gitarrengott oder die Witze, die innerhalb der Band auf seine Kosten gemacht werden.

Die Handlung beginnt 1994, als der damals 26-jährige Cohen den Auftrag bekommt, die Rolling Stones auf ihrer US-Tournee zu begleiten. Es ist diese besondere Perspektive durch die Ungnade der späten Geburt, von der sein Buch extrem profitiert: Die Band war, solange er lebte, immer schon da – so wie die Sonne und der Mond. Er erlebt die Stones nicht in ihrer Blütezeit, sondern betrachtet sie vor seinem ersten Konzertbesuch als Oldie-Act. „Sie waren die Letzten einer Generation großer Rockstars, (…) die kostbaren Relikte einer lang vergessenen Ära, in der Musik mehr zählte als alles andere – in der man tatsächlich noch glaubte, dass das nächste Album alle Probleme der Welt lösen könnte. Die Männer hier vor mir waren die menschlichen Manifestationen dieses Glaubens – Helden, die die Revolution auf den Weg gebracht hatten und ihr bis zum bitteren Ende folgten“, schreibt er.

Besonders an ihm als Erzähler ist auch die privilegierte Position im innersten Zirkel der Band – nach vielen Interviews, Reisen und gemeinsamen Erlebnissen hat sich zwar keine Augenhöhe zwischen Band und Berichterstatter eingestellt, aber ganz offensichtlich doch so etwas wie Nähe und Vertrauen. Immerhin ist der Autor mittlerweile ein Kollege von Mick Jagger, wenn auch nicht als Frontmann: gemeinsam mit dem Stones-Sänger und Martin Scorsese hat Rich Code das Drehbuch für die gefeierte HBO-Serie Vinyl geschrieben. Selbst hätte er diese Entwicklung nie erwartet. „Was als Magazinreportage begann, entwickelte sich schnell zu etwas Größerem – zu einer epischen Saga, in der ein paar Musiker die Sehnsüchte einer ganzen Generation repräsentieren“, bekennt er. Während seiner Recherchen besuchte er die Orte in Europa und den USA, die prägend für die Geschichte der Band waren, und sprach mit unzähligen Wegbegleitern der Rolling Stones.

Er will in diesem Buch, wie in jedem seiner journalistischen Texte, drei Fragen beantworten, betont Rich Cohen im Anhang: Was ist passiert? Was war es für ein Gefühl? Was hat es zu bedeuten? Auch dieses Credo zeigt die Einzigartigkeit von Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones. Die erste Frage ist schon in unzähligen Büchern beantwortet worden. Über die zweite Frage gibt es etliche, oft von persönlichen Rivalitäten geprägte Berichte, über die dritte längst schon wissenschaftliche Abhandlungen. Cohen gelingt es, alle drei Fragen zu einem einzigartigen Leseerlebnis zu kombinieren. Der Fokus liegt dabei auf der Bedeutung der Band als Symbol, Katalysator und Innovationsmotor.

So betrachtet Cohen sehr eindrucksvoll die Bedeutung des Blues als Sounderlebnis, Ausdruck eines Lebensgefühls und als Medium, um seinen Kummer, aber auch seinem Ehrgeiz und seinen Träumen Ausdruck zu verleihen. Vor allem gelingt es ihm immer wieder, Unterschiede herauszuarbeiten, die ihm Mahlstrom der mehr als 50-jährigen Bandgeschichte sonst untergehen. Das Wesen einzelner Generationen und ihre Erwartungen an die Musik gehört ebenso dazu wie der Einfluss des gesellschaftlichen Umfelds auf verschiedene Jugendkulturen.

Als Wendepunkt macht er dabei die Tragödie von Altamont aus, die endgültig zu einem bis heute bestehenden Bruch zwischen Künstlern und Fans geführt habe. „Waren die Musiker früher Teil des Publikums – und als solcher Teil eines kollektiven Rausches -, so wurden sie nun zu überdimensionalen, abgehobenen Popstars aufgeblasen, die einer anderen Spezies angehörten. Der Rockstar war nicht mehr der Junge, der sich in einem Kellerloch die Seele aus dem Leib schrie, sondern eine Gottheit, die über den Sterblichen thronte“, analysiert der Autor. Mick Jagger sieht er als Paradebeispiel dafür: Der Popstar ist nicht mehr Identifikationsfigur, also einer von uns und bewundernswert wegen des Gedankens „Das könnte auch ich sein!“ Er hat sich stattdessen in einen Alien verwandelt, der Welt der Normalsterblichen weit entrückt, er wird als Götze überhöht und verkörpert die Botschaft: „Du kannst niemals so sein wie ich!“

So gescheit (immer) und überraschend (oft) solche Schlussfolgerungen sind: Gelegentlich ist Rich Cohen zu rigoros in seinem Urteil, steigert er sich ein wenig zu sehr in die Plausibilität seiner Erkenntnisse hinein. So haben die Rolling Stones seiner Ansicht nach seit Some Girls im Jahr 1978 („der letzte Wegweiser vor der kreativen Wüste“) kein überzeugendes Album mehr gemacht. Damit wäre das gesamte folgende Oeuvre, immerhin gut 64 Prozent der Zeit, in denen sie Studioalben gemacht haben, irrelevant. Da spricht dann wohl nicht nur der unparteiische Kritiker, sondern auch die enttäuschte Liebe des Fans, der darum weiß, zu welch großen Taten diese Band fähig ist. Unterm Strich ist Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones dennoch eine sehr lohnende Annäherung an die Band, für Novizen ebenso wie für Hardcorefans. Denn Rich Cohen bietet sowohl einen sehr subjektiven Blick als auch einen sehr weit gefassten Horizont für sein Porträt der Rolling Stones als Mysterium, Inszenierung, Gang und Wirtschaftsunternehmen.

Bestes Zitat: „Die von (Leonard Chess) produzierten Platten sollten die Welt verändern. Wobei sie in den USA anfangs nur minimale Wirkung zeigten, in England indes – wo der Rassismus nicht virulent war – eine umso größere. Jagger, Richards und Jones waren für den weiteren Verlauf der Popgeschichte so unverzichtbar: Nur diese englischen Kids waren in der Lage, die Musik als das wahrzunehmen, was sie letztlich war: Musik.“

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