Durchgelesen: Robert B. Laughlin – „Der Letzte macht das Licht aus“ 1


Noch 200 Jahre bleiben für die Energiewende. In "Der Letzte macht das Licht aus" schreibt Robert B. Laughlin, wie die Welt dann aussehen könnte.

Noch 200 Jahre bleiben für die Energiewende. In „Der Letzte macht das Licht aus“ schreibt Robert B. Laughlin, wie die Welt dann aussehen könnte.

Autor Robert B. Laughlin
Titel Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie
Originaltitel Powering the future. How we will (eventually) solve the energy crisis and fuel the civilization of tomorrow.
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung **

Atomausstieg, Solarförderung, Netzausbau – wie dringend Fragen nach der Zukunft der Energie geklärt werden müssen, hat zuletzt erst wieder der Personalwechsel im Umweltministerium bewiesen und die Entscheidung der Kanzlerin, das Thema nun zur Chefsache zu machen.

Man sollte also froh sein, wenn sich eine echte Referenz dieser Problematik annimmt. Robert B. Laughlin ist so eine: der Professor an der Stanford University bekam 1998 den Physik-Nobelpreis. Unter anderem mit seinem Buch Abschied von der Weltformel (2007) hat er bewiesen, dass er die großen Themen der Wissenschaft auch für Laien verständlich und spannend aufbereiten kann.

Nun also: Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie. Einer der großen Vorteile des Buches: Laughlin nimmt kein Blatt vor den Mund. Wie dringend das Problem ist, und wie viel Zeit bisher vergeudet wurde, macht er immer wieder deutlich. „Auch wenn das Ergebnis des Übergangs von fossilen Energieträgern zu anderen letztlich positiv ausfallen dürfte, könnte der Übergang als solcher überaus schrecklich werden. Er wird als globales Ereignis verlaufen, etwa wie eine Eiszeit oder ein Asteroideneinschlag, nicht als ein bloßes Planungsdefizit oder eine überfüllte Autobahn – Dinge, die von der Politik durch ein Gesetz weggefegt werden können“, schreibt er und findet dann, wie so oft in diesem Buch, ein passendes Bild für seine Prognose: „Das Schwinden und die abschließende Erschöpfung fossiler Treibstoffe ist also vergleichbar mit dem Wintereinbruch bei einem Volk, das nur den Sommer gekannt hat.“

Eine weitere Stärke von Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie: Der Professor hat keine Scheu davor, unpopuläre Thesen zu formulieren. Immer wieder stellt er beispielsweise die Vorzüge der Atomenergie heraus. Wie sehr er damit im Widerspruch zum Zeitgeist steht, weiß er sehr genau, wie sein Vorwort zur deutschen Ausgabe beweist. An seinem Standpunkt ändert das freilich nichts. „Doch wie die Menschen auch mit diesem Problem [Atomenergie] umgehen mögen oder wie die Dinge sich in den kommenden zwei Jahrhunderten entwickeln werden – eine solche Nutzung der Kernenergie [nämlich als Brutreaktoren], wenn sie denn stattfindet, wird die langfristige Gesundheit der Erde nicht gefährden. Nuklearphänomene scheinen oft seltsam zu sein, sind aber eigentlich nicht unnatürlicher als blauer Himmel oder Vögel“, schreibt Laughlin. Im politischen Mainstream der Bundesrepublik ist diese „Atomkraft, ja bitte!“-Position ungefähr so salonfähig wie die Forderung nach der Rente mit 88.

Der Satz führt freilich auch schon viele der Probleme vor Augen, die in Laughlins Thesen stecken.

Erstens: Laughlin verharmlost. „Die Erde regelt das schon alles, die hat schon viel schlimmere Katastrophen überstanden“, lautet zwischen den Zeilen immer wieder seine Beschwichtigung. Wenn es um die heilende Kraft der Zeit geht, dann stellt der Autor immer wieder große geologische Zeiträume dar und erdgeschichtliche Phänomene, die mächtiger sind oder waren als der Klimawandel (und nicht in der Hand der Menschen liegen). Dieses Argument steckt im obigen Zitat in der hübschen Formulierung von der „langfristigen Gesundheit der Erde“. Dass es bei Klimawandel und Energiewende aber nicht nur um die Erde als Planeten geht, sondern auch um die Menschen und ihre Lebensqualität, blendet der Physiker dabei vollständig aus. Es mag sein, dass die Erde den Klimawandel übersteht und er in ein paar Jahrtausenden bloß noch wie eine amüsante Episode erscheint. Aber das befreit uns nicht von der Verantwortung für all die Menschen, die womöglich schon bald durch Fluten, Dürre oder Stürme ihr Land, die Grundlage ihrer Ernährung, ihre Gesundheit oder ihr Leben verlieren könnten.

Zweitens: Laughlin ist borniert. Ohne mit der Wimper zu zucken macht Laughlin durchaus konkrete Vorhersagen für die Zeit nach dem Ende der fossilen Energieträger, die er in 200 Jahren gekommen sieht. Viele seiner Schlussfolgerungen basieren allerdings darauf, dass er menschliches Streben (für ihn: den angeborenen Egoismus, die Unfähigkeit zur Rücksichtnahme auf folgende Generationen) und die Gesellschaft (für ihn: Kapitalismus und Wachstumsstreben) als Determinanten ansieht. „Die menschliche Natur ist von einer Generation zur nächsten sehr beständig“, schreibt er sogar explizit.

Dabei hätte schon ein ganz kurzer Blick in die Geisteswissenschaften, vor allem in die Geschichte, gezeigt, dass diese Annahme falsch ist. Es gab Zeiten, in denen die Menschen ihr ganzes Streben auf das Jenseits ausrichteten, es gab Allmende und Kommunismus. Die Gesellschaft verändert sich, ebenso wie sich die Mentalitäten und Prioritäten der Menschen verändern. Hätte Laughlin einmal 200 Jahre zurück geblickt, hätte er leicht erkennen können, wie flexibel diese Größen sind. Man muss das auch von einem Physiker verlangen können – vor allem, wenn er selbst für sein Thema einen so großen Horizont beansprucht, wie Laughlin das in geologischen Fragen in seinem Buch tut.

Sein Grundfehler in Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie ist, dass er die Problematik viel zu sehr als Physiker angeht, meist sogar mit Formeln, von denen viele in den umfangreichen Anmerkungen erklärt werden und von denen einige mehr offensichtlich die Grundlage für sein Denken und seine Prognosen waren. Das Streben der Menschen und die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft sind in diesen Formeln als konstante Größen gedacht, ähnlich unumstößlich wie die Erdanziehungskraft.

Sogar die Marktgesetze betrachtet Laughlin als Naturgesetze, inklusiver aller ihrer Mängel wie Monopolen, Tricks, Ausbeutung und Betrug. „Damit sind die definitionsgemäß kostspieligeren grünen Energietechnologien an sich problematisch. Im Dschungel [des Wettbewerbs] können wir zu keinem gegebenen Zeitpunkt Energie zu zwei verschiedenen Preisen haben, weil clevere Arbitrage-Händler stets jede Differenz ausnutzen und damit eliminieren werden“, schlussfolgert er beispielsweise. Er tut dabei so, als könnten Märkte nicht reguliert, Verbrechen nicht bekämpft, Gier nicht gebrandmarkt werden.

Drittens: Laughlin hat ein schockierendes Menschenbild. Wenn man sieht, wie oft er seinen Denkfehler in Der Letzte macht das Licht aus wiederholt und auf wie viele Bereiche er ihn anwendet, kann man nur schockiert sein. Denn die Quintessenz aus dieser Position ist ein Menschenbild, das im Prinzip bestreitet, wir könnten verantwortlich und vernünftig handeln (auch im Hinblick auf künftige Generationen). Der Nobelpreisträger gibt sich in seiner Sprache zwar betont volksnah, sogar jovial, aber seine Leser stellt er sich offensichtlich als dumm und asozial vor, und ebenso sieht er die treibenden Kräfte bei der Gestaltung der Energiewende.

Das betrifft bezeichnenderweise auch die eigene Zunft: Wenn es nicht gerade um die Möglichkeit geht, Atomenergie durch Weiterentwicklung angeblich sicher und unverzichtbar zu machen, dann zeigt Laughlin kaum Vertrauen in Erfindergeist, Ingenieure und Wissenschaft. Auch hier hätte es sich gelohnt, mal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um zu erkennen, was die Menschheit in 200 Jahren alles zu leisten vermag.

Alles in allem ist es erschütternd zu lesen, wie engstirnig solch ein großer Geist auch sein kann, wenn er sich an ein gesamtgesellschaftliches Thema wagt, sich dabei aber zu sehr auf die Methoden seines Faches beschränkt. Immerhin wird es in Der Letzte macht das Licht aus manchmal ganz fantasievoll. Deshalb zum Schluss: Zehn Thesen zur Zukunft der Energie von Robert B. Laughlin:

  1. Kohlenstoffverbindungen wie Benzin werden auch in Zukunft als Speichermedium für Energie genutzt werden. Ihre chemischen Eigenschaften machen sie dafür unübertrefflich. „Das Ende der fossilen Brennstoffe, das ungefähr 200 Jahre in der Zukunft liegt, wird also keine Energierevolution sein, sondern eine Kohlenstoffrevolution. Die Menschen werden immer noch die gleichen Arten der Transport- und Heiztechnik nutzen wie heute, doch wegen der Änderungen in der Preisbildung wird sich deren Mischung verändert haben“, sagt Laughlin voraus.
  2. Im Zweifel wird man aus genau diesem Grund für Autos eher auf synthetisches Benzin (z.B. aus Kohle gewonnen) setzen als auf andere Antriebe wie die Brennstoffzelle oder Batterien. Das hat für die Hersteller auch den Vorteil: Man muss nur den Treibstoff ändern, nicht den ganzen Rest.
  3. Wenn irgendwann auch keine Kohle mehr da ist, wird der Treibstoff für Autos aus Biomasse synthetisiert. Strom wird dann aus anderen Quellen (Solar-, Wind- und Atomenergie) gewonnen.
  4. Als Biomasse werden Salzwasserpflanzen dienen, denn sie stehen nicht in Konkurrenz zu Pflanzen, aus denen auch Nahrungsmittel gemacht werden können. Es könnte Algen-Plantagen in der Sahara geben, die künstlich mit Salzwasser bewässert werden.
  5. Der Strompreis wird nicht explodieren, weil zur Erzeugung (Solar-, Wind- und Atomenergie) und Speicherung (Pumpspeicherkraftwerke) bereits günstige Technologien vorhanden sind, die auch in Zukunft weiter funktionieren werden.
  6. Die Uranvorkommen der Erde reichen nur noch für 100 bis 200 Jahre, wenn Atomkraftwerke weiter die bisher übliche Technologie nutzen. Der Zeitraum könnte auf 20.000 Jahre verlängert werden, wenn man auf schnelle Brüter setzt. Die Uran-Knappheit könnte auch dazu führen, dass Uran in der Zukunft aus dem Meerwasser gewonnen wird, wo es in geringer Konzentration enthalten ist.
  7. Es wird keine Mülldeponien mehr geben. Denn Müll enthält viel Kohlenstoff und ist damit viel zu wertvoll, um einfach bloß gelagert zu werden. Aus Müll wird in der Zukunft synthetischer Kraftstoff gewonnen.
  8. Elektroautos werden sich nicht durchsetzen. Sie haben das Problem, dass sie Batterien brauchen. Batterien haben das Problem, dass sie seltene Rohstoffe wie Zink, Lithium, Quecksilber oder Lanthan brauchen, die bei der Entsorgung zu einem großen Problem für den Boden und/oder das Grundwasser werden. Batterien könnten deshalb womöglich als giftig verboten werden – das wäre der Todesstoß für alle Elektroautos.
  9. Los Angeles wird die erste Großstadt der Welt sein, die komplett mit Solarenergie versorgt wird. Sie bietet den idealen Standort dafür: Die Wüste in der Nähe liefert viel Sonne, die Stromleitungen sind bereits da.
  10. Es wird einen ganz neuen Wirtschaftszweig der Unterwasserökonomie geben mit Armeen von Robotern, die am Meeresboden arbeiten und dort Müll entsorgen, Mineralien abbauen oder Leitungen bauen.

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Ein Gedanke zu “Durchgelesen: Robert B. Laughlin – „Der Letzte macht das Licht aus“

  • Kurt STANGL

    I refer to the German eddition especially with the introduction for Germany and make this answer in German language:

    Für mich stellt dieses Buch einen wunderbaren und sehr gescheiten Beitrag zur derzeit geführten Diskussion über Klimawandel und Energieproblematik (besonders Atomenergie) dar. Die hier angeschlossene Rezension passt wie die Faust auf das Auge. Man kann zwar die naturwissenschaftliche Kompetenz des Nobelpreisträgers Robert B. Laughlin nicht gut abstreiten, stellt aber wiederholt fest, dass ein gescheiter Mensch so ein Trottel sein kann ist überraschend (nicht gerade ein Zeichen für große Toleranz anderen Meinungen gegenüber). Besonders den Denkanstoß wonach ein ernstes Energieproblem noch vor einem ernsten Umweltproblem kommen wird negiert der Kommentar komplett. Auch die Behauptung dass eine Änderung der Umweltbedingungen, die es offensichtlich gibt und schon immer gegeben hat durch das menschlich erzeugte Kohlendioxyd nicht relevant beschleunigt wird findet keine Erwähnung.
    Laughlins Ansicht wonach durch Subventionen und staatliche Unterstützungen vernünftige Entscheidungen und vernünftige Entwicklungen stark behindert werden ist typisch amerikanisch, aber nicht unbedingt falsch. Wir sehen das sehr deutlich bei den Umweltkonferenzen, diese Konferenzen haben immer mehr Teinehmer, finden immer mehr an den entferntesten Plätzen statt, keine 10 % der Teilnehmer könnten mit dem eigenen Geld dorthin fahren, wenn das aber vom Staat bezahlt wird bekommt der Klimaschutz für die Delegierten sehr viel Sinn.
    Das Buch sollten möglichst viele Leute die an der Umweltproblematik interessiert sind lesen.
    Kurt Stangl