Durchgelesen: Roberto Saviano – „Die Schönheit und die Hölle“


"Die Schönheit und die Hölle" ist geprägt vom Leben im Untergrund.

"Die Schönheit und die Hölle" ist geprägt vom Leben im Untergrund.

Autor Roberto Saviano
Titel Die Schönheit und die Hölle
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Ein Heimatloser war Roberto Saviano schon seit langem. Einer, der sein Land so sehr liebt wie er, und doch so frustriert ist von den Zuständen, der so empört ist über den Gleichmut seiner Landsleute und der so wenig Trost in der Geschichte findet, dem bleibt nur die innere Emigration. Oder das nimmermüde, allumfassende Anklagen.

Roberto Saviano hat sich für Letzteres entschieden. Er hat es gewagt, anzuschreiben gegen die Angst, die Ignoranz und gegen die Mächtigen. Die Mafia ist dabei vielleicht nicht so mächtig wie ein Ölmulti, eine Großbank oder eine Regierung (obwohl Saviano in diesem Punkt sicher widersprechen würde), aber sie ist definitiv skrupelloser – und seit Saviano sich ihr in den Weg gestellt hat, ist er erst recht ein Mann ohne Zuhause.

Seit Gomorrha, seine akribische Recherche über die Machenschaften der Mafia, als Buch und Film zum Welterfolg geworden ist, steht der Autor auf der Abschussliste des organisierten Verbrechens. Roberto Saviano musste untertauchen, kann immer nur ein paar Tage am selben Ort leben und sich nur noch unter Polizeischutz an die Öffentlichkeit wagen. Er selbst schildert am eindrucksvollsten, wie sich das anfühlt: „Je zivilisierter und ruhiger die Orte sind, je weiter Kriminalität und Mafien entfernt zu sein scheinen, und je sicherer ich mich selbst fühle, umso mehr werde ich von meinen Beschützern behandelt wie jemand oder wie etwas, das vor ihren Augen explodieren könnte. Sie sind äußerst zuvorkommend und hervorragend organisiert. Aber sie fassen mich mit Samthandschuhen an, und ich weiß nicht, ob sie mich eher als Geschenk oder als Paketbombe betrachten.“

Das Leben im Untergrund merkt man seinem neuen Buch deutlich an. Die Schönheit und die Hölle ist eine Sammlung verschiedener journalistischer Beiträge, die zum größten Teil in der Zeit nach Gomorrha entstanden sind. Zum einen zeigt sich der 31-Jährige ungeheuer belesen – die zahllosen Tage in anonymen Hotelzimmern hat er offensichtlich zur Lektüre genutzt. Zum anderen aber wirkt Saviano an vielen Stellen nicht nur eingesperrt, sondern auch eingeschnappt. Schon im Vorwort verarbeitet er die Kritik an Gomorrha, an seinem Stil, seinen Methoden, seiner Person. Fast wirkt es, als hätten die Literaturkritik und die Journaille in Italien das geschafft, was der Mafia nie gelungen ist: den Autor in die Defensive zu drängen.

Auch in Die Schönheit und die Hölle legt Saviano die ihm eigene, sehr bildreiche, für manchen Geschmack sicher zu blumige Sprache an den Tag. Auch die Schwäche, vor lauter Fakten gelegentlich den Kern eines Textes aus den Augen zu verlieren, wie in Die Pest und das Gold, einem Beitrag über den weltweiten Kokainhandel, hat er nicht abgelegt.

Doch er zeigt auch die alten Stärken. Schon der erste Text ist ein flammender Appell an die Zivilcourage, anderswo huldigt er seinen Helden, die er dank der mit Gomorrha gewonnenen Prominenz treffen durfte (Musiker, Regisseure, Sportler, Schauspieler). Er schildert seine Eindrücke von den Filmfestspielen in Cannes und seinem Besuch in L’Aquila kurz nach dem Erdebeben. Und natürlich klagt er immer wieder die Mafia an, einzelne Bosse und das gesamte System – manchmal so schockierend aufrüttelnd und voller Rechercheeifer, dass man glaubt, er übertreibe. Keine Frage: Die Aufmerksamkeit für Gomorrha hat in Italien wenig verändert. Aber sie hat Saviano die Freiheit geraubt.

Doch gerade durch die Reflexion über sein Schreiben und dessen Wirkung bekommen die Texte noch einmal eine ganz neue Dimension an Autorität und Authentizität: Durch die Isolation ist Saviano vollends versunken in sein Werk, verschmolzen mit ihm.

Beste Stelle: „Ein Schriftsteller muss nicht unbedingt ein guter Mensch sein, und oft beschließt er zu schreiben, gerade weil er unfähig ist, ein guter Mensch zu sein. Er erzählt aus dem Gefühl der Schuld, die Dinge nicht ändern zu können, und mit der Hoffnung, dass die Saat seines Schreibens im Denken und Bewusstsein seiner Leser aufgeht, damit sie an seiner Stelle oder an seiner Seite handeln, um den großen Traum von einer Menschenwirklichkeit zu verwirklichen, die begreift, fühlt, voranschreitet. Und lebt.“

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