Durchgelesen: Roger Boyes – „My Dear Krauts“


Roger Boyes entpuppt sich in "My Dear Krauts" als heimlicher Liebhaber der Deutschen.

Roger Boyes entpuppt sich in "My Dear Krauts" als heimlicher Liebhaber der Deutschen.

Autor Roger Boyes
Titel My Dear Krauts
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

Man muss gar nicht den Fußball ins Spiel bringen, und kann trotzdem eine ewig lange Liste deutsch-britischer Missverständnisse erstellen. Bedenkt man, dass die beiden Länder nicht einmal Nachbarn sind, ist es umso erstaunlicher, wie eifrig sie ihre Ressentiments pflegen.

Roger Boyes, Deutschland-Korrespondent der ehrwürdigen Londoner Times, bestellt in My Dear Krauts also ein Feld, das schon Generationen vor ihm gepflügt, zerbombt und mit ihren Stollenschuhen ruiniert haben. Trotzdem gelingt dem fast 60-Jährigen ein sehr lohnender, höchst amüsanter Blick auf die nationalen Befindlichkeiten beiderseits des Ärmelkanals.

Kein Wunder: Boyes ist ein echter Kenner (und heimlicher Liebhaber) der Deutschen: Schon in den 1970er Jahren berichtete er aus Bonn an die Themse; nach Einsätzen in anderen Ländern schreibt er seit 1993 aus Berlin wieder für die Times. „Die Versetzung nach Deutschland war vermutlich meine letzte Chance, wieder Spaß am Job zu finden: die ständige Herausforderung, das Interesse an einer Gesellschaft zu wecken, die beschlossen hatte, langweilig zu sein! Deutschland war ein faszinierend neurotisches Land, das sich für normal hielt.“

Natürlich setzt Boyes auf Klischees, ob es die schreckliche Küche, die Hitler-Besessenheit oder die Unerbittlichkeit der Finanzbehörden ist (jeweils in Deutschland und England). Natürlich hat er den unnachahmlich ironischen Tonfall, den noch immer niemand so elegant und treffsicher beherrscht wie die Briten.

Trotzdem ist My Dear Krauts mehr als bloß eine Anleitung zum gegenseitigen Missverstehen. Im Gegenteil: Boyes zeigt sich in seinen Anekdoten, die stets lose miteinander verbunden sind, erstaunlich privat, beispielsweise wenn er aus den entlarvend verbitterten Briefen seines Vaters zitiert. Und vor allem macht er deutlich, warum er sich so oft über die Deutschen wundern muss: weil er um die Selbstgerechtheit und Verschrobenheit der eigenen Nation und die Unrettbarkeit der Beziehung zwischen den beiden Völkern weiß.

My Dear Krauts führt so vor Augen, wie viel beide Länder in Wirklichkeit verbindet und wie einfach es für Deutsche und Briten eigentlich wäre, sich einander anzunähern – wenn sie es denn wollten. Doch die Stagnation in der Beziehung, die hier immer wieder unter dem Schlagwort „don’t mention the war“ geführt wird, ist selbst gewählt. Im nationalen Selbstbild ist die Abneigung gegen den jeweils anderen ein ähnlich kauziger, gepflegter und überflüssiger Wesenszug wie die Freude an Bier oder Fußball. Sie hat nichts mehr mit der einstigen, echten Feindschaft zu tun, sondern wird als kulturelles Relikt am Leben erhalten, als harmloser Spaß.

Deutsche und Engländer pöbeln, streiten und konkurrieren eben nicht mehr um Kolonien, in der Wirtschaft oder auf den Schlachtfeldern, sondern bloß noch auf dem Fußballplatz oder durch kleine Sticheleien im Feuilleton wie die von Roger Boyes. Auch My Dear Krauts sollte somit nicht als Provokation empfunden werden. Sondern als Baustein für die Völkerverständigung.

Beste Stelle: “An Frau Beckenbenders Arm befand sich eine unbekannte Gestalt, die sich bei ihr untergehakt hatte: ein rundlicher Mann mit Doppelkinn und Monokel, der um einiges kürzer war als Frau Beckenbender. Er sah aus, wie Bankmanager aussahen, bevor sie anfingen, Men’s Health zu lesen und sich mit Wachs die Brusthaare zu entfernen. Wohlhabend und wohlgenährt.”

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