Durchgelesen: Rupprecht Podszun – „Die verkalkte Republik“


Rupprecht Podszun hat eine Abrechnung mit alten Säcken geschrieben.

Autor Rupprecht Podszun
Titel Die verkalkte Republik
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 2000
Bewertung ***

„Das Alter erklärt manches, doch entschuldigt nichts“, heißt einer der zentralen Sätze. Die These von Rupprecht Podszun lautet: Die Republik ist verkalkt. Alte Säcke, die mit der Gegenwart kaum mehr etwas zu tun haben und deshalb mit der Zukunftsgestaltung völlig überfordert sind, sitzen in den Zentren der Macht, in Politik und Wirtschaft, in Kultur und Medien.

Das ist zunächst starker Tobak, zumal Podszun geradezu mit einem Rundumschlag beginnt, und dabei vor lauter Schwung mitunter schonmal einem Zirkelschluss erliegt. Etwa schließt er aus der Tatsache, dass die Love Parade mit 1,5 Millionen Teilnehmern (die für ihn quasi der Ausbund an Jugend schlechthin zu sein scheint) nicht mehr von den großen Fernsehsendern gezeigt wird, darauf, dass die Medienmacher die Jugend ignorieren. Dass der Raver-Umzug aber gerade nur durch den jahrelangen Hype in den Medien (und stundenlange Live-Übertragungen) zu einem Massenereignis geworden ist, vergisst er.

Skeptisch macht zunächst auch seine Sprache, die unbedingt pfiffig sein weil und dabei nicht selten ins Selbstverliebte abrutscht. Da wird für einen schlechten Gag schon einmal eine halbe Seite geopfert. Ein Grenzfall zur Verdeutlichung: „Wenn ein Model in den Nachrichtensendungen die traurigen Bilder des Tages vorführt, kann man beim Wegschauen wenigsten hinschauen.“

Danach geht der Autor in die Details, und dann wird es schnell besser. Podszun analysiert sehr gut, woran das politische System krankt (nämlich vor allem an den Parteien), schildert faktenreich einige der Probleme der Wirtschaft, erkennt richtig, wie sehr das komplett marode Bildungssystem zum Aufrechterhalten des kränkelnden Staates beiträgt.

Obwohl Podszun, Jahrgang 1976, weiß: „Pop ist Jugend. 40 nicht“, bekommt die Popmusik im Kapitel „Kultur“ nur etwas mehr als eine Seite, ansonsten gibt es viel Theater, Literatur, Architektur und klassische Musik. Das ist dann doch eher altväterlich.

Paradoxerweise benennt Podszun auch in seinen Fußnoten fast immer gestandene Leute (von Aufklärung bis Antike) als Untermauerung für seine Thesen. Gerade das sollte ihm den Fehler seiner These zeigen. In dieser Rigorosität ist die Kritik an erfahrenen Führungskräften falsch. Als Kriterium, wer an den Schalthebeln sitzt, sollte nicht in erster Linie das Alter gelten, sondern die Kompetenz. Natürlich sind junge Leute beweglicher, frischer, experimentierfreudiger, wie der Autor stets betont. Aber auch das zeigt nur: In Wirklichkeit will Podszun nicht mehr Macht für die Jugend, sondern mehr Kreativität der Mächtigen.

Bester Satz: „Die deutschen Spitzenpolitiker sind seit Jahrzehnten im Parteienkorsett eingezwängt. Politik zu denken, heißt für sie, Parteien zu denken, heißt, dreißig, vierzig Jahre eigene Erfahrungen in Parlamenten und Regierungen mitzudenken, den ganzen Kampf um Posten und Positionen.“

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