Durchgelesen: Salman Rushdie – „Der Boden unter ihren Füßen“ 1


Rushdie verbindet in "Der Boden unter ihren Füßen" Popkultur und antike Mythologie.

Autor Salman Rushdie
Titel Der Boden unter ihren Füßen
Verlag Kindler
Erscheinungsjahr 1999
Bewertung ****

Rushdies Rock-Roman. Ormus und Vina, die sich vom ersten Blick an verzehrend lieben, schaffen den Aufstieg aus der dritten Welt in den Rock-Olymp.

Es ist eine Geschichte von Menschen, die besessen sind. Besessen von Frauen, besessen von Männern, besessen von Liedern, von Indien, von Amerika, von Mythologie. „Obsession ist das Ausleben eines geheimen Schmerzes“, schreibt Rushdie an einer Stelle, und wenn er diesen Gedanken verfolgt, ist „Der Boden unter ihren Füßen“ am stärksten und schlüssigsten. Dann hat der Autor das passende Ziel, um die Kraft seiner Sprache konzentrieren zu können, wie hier: „Ihr Wissen über mich war so tief, ihre Version so zwingend, dass sie meine verschiedenen Identitäten zusammenhielt. Um nicht den Verstand zu verlieren, wählten wir unter den diversen widerstreitenden Darstellungen unserer Ichs; ich wählte die ihren. Ich akzeptierte den Namen, den sie mir gab, und die Kritik, und die Liebe, und nannte diese Auslegung Ich.

Dass er selbst ebenfalls ein Besessener ist, zumindest ein Faszinierter und Bewunderer, wird ebenfalls deutlich. Seine Kostproben in diesem Werk zeigen: An Salman Rushdie ist offensichtlich ein famoser Rockkritiker und mehr als passabler Songtexter verlorengegangen.

Doch leider will Rushdie auch auf reichlich Nebenschauplätzen seine Stärke beweisen, und so steckt das Buch voll von Querverweisen. Das beginnt bei der ständig parallel laufenden Orpheus-und-Eurydike-Sage und reicht weiter über jede Menge Metaphern und Anspielungen, die wahlweise musikalisch (was man auf Grund der schwachen Übersetzung nicht immer gleich merkt), politisch oder mythologisch sind. Das mündet mitunter in einer Bildungsbeflissenheit, die zwar beeindruckend ist, aber auch penetrant. Besonders, wenn sich die Figuren in ihr Selbstmitleid, ihre Orientierungslosigkeit oder ihre Coolness (von allem gibt es reichlich) hineinsteigern, wirkt das schrecklich manieriert – und stört zudem die echte Geschichte, die faszinierend genug ist.

Unterm Strich hilft es auf jeden Fall, Musikliebhaber zu sein, um das Buch gut zu finden. Dann gibt es – jenseits all der Zitate und des etwas spinnerten Erdbeben-Motivs, das nach dem famosen Beginn schnell seine Kraft und Plausibilität verliert – eine Menge zu entdecken.

Beste Stelle: „Das waren die Faktoren, die Ormus Cama aus den normalen Familienbanden befreiten. Jenen Banden, die uns ersticken, die wir aber Liebe nennen. Weil es ihm gelang, diese Bande zu lösen, wurde er – mit all den dazugehörenden Schmerzen – frei.“


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