Durchgelesen: Sascha Reh – „Gibraltar“


"Gibraltar" ist zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman.

„Gibraltar“ ist zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman.

Autor Sascha Reh
Titel Gibraltar
Verlag Schöffling
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Wenn man es ein bisschen genauer betrachtet, bemerkt man schnell: Ein Botenbericht ist eine ziemlich plumpe Methode, um eine (zeitlich oder räumlich) weit entfernte Handlung in eine andere Handlung zu integrieren. Shakespeare hat das gerne gemacht und irgendeinen Postillon vom Ausgang einer Schlacht berichten lassen, deren Verlauf er nun einmal schlecht auf der Bühne nachspielen lassen konnte. Aber subtiler wird dieser Trick dadurch trotzdem nicht.

Sascha Reh macht es sich noch einfacher. Sein zweiter Roman Gibraltar beginnt mit einem Zeitungsartikel aus dem April 2010. Auf sieben Seiten fasst der Beitrag die Vorgeschichte zusammen und stellt die wichtigsten Protagonisten des Romans vor, der 450 Seiten später auch wieder mit einer Zeitungsmeldung enden wird. Wer nun glaubt, der preisgekrönte Autor hätte angesichts dieses zunächst einfallslos wirkenden Einstiegs jegliches Geschick für Konstruktion und Erzählen verloren, könnte nicht falscher liegen.

Sprachlich bietet der Roman ein außergewöhnliches Niveau: Einige Metaphern und sprachliche Bilder sind so gut, dass es sich gelohnt hätte, rund um sie herum einen ganzen Absatz zu erfinden, damit sie Teil der Handlung werden können (manchmal scheint der Autor tatsächlich so zu verfahren). Doch selbst ohne solche Finessen wäre Gibraltar ein spannender, vielschichtiger, schlauer Roman, der auch noch den Mut hat, das dominierende Thema dieses Jahrzehnts zu behandeln: die Bankrottisierung der Welt durch das Finanzwesen.

Dass Sascha Reh, geboren 1974 und hoch gelobt für sein Debüt Falscher Frühling (2010), seinen Text mit einem journalistischen Beitrag beginnen lässt, erweist sich schnell als kluger Schachzug: Die Methode sorgt nicht nur für eine sehr kompakte Einführung in die Handlung, nach der man dann umso schneller ins Geschehen eintauchen kann. Der Einsatz seiner intermedialen Technik verweist auch gleich auf eines der Probleme der Finanzkrise: Sie kann sich, wenn überhaupt, nur medial vermittelt begreifen lassen. Und selbst Fachleute wie Wirtschaftsjournalisten haben Probleme, die Zusammenhänge zu durchdringen und in irgendeiner Form konsistent wiederzugeben.

Wie komplex die Finanzwelt ist, zeigt Gibraltar immer wieder und Sascha Reh, bisher nicht als Wirtschaftsfachmann aufgefallen, bedankt sich am Ende seines Buchs ausführlich bei allen, die ihm das nötige Hintergrundwissen vermittelt haben für einen Roman, der in der Welt des großen Geldes spielt. Man muss aber als Leser kein Finanzexperte sein, um der Handlung folgen zu können. Denn der Autor setzt auf eine konsequente Personalisierung, die der Materie nicht nur viele Facetten verleiht, sondern auch eine emotionale Dimension.

Der Ausgangspunkt ist das Sterbebett von Johann Alberts. Der Bankier hat ein Vermögen erwirtschaftet und zählt zur haute volée von Berlin. Dann hat er einen Schlaganfall – ausgerechnet in dem Moment, als sein Lebenswerk einzustürzen droht: Bernhard Milbrandt, sein engster Mitarbeiter, hat bei gewagten Spekulationen das Kernkapital des traditionsreichen Bankhauses aufs Spiel gesetzt und ist seitdem spurlos verschwunden.

Thomas, der Sohn des Bankiers, macht sich auf die Suche nach Milbrandt. Er war einst selbst auf dem Weg zum Finanzjongleur, war dann aber angeekelt von der Bankenbranche und stieg aus. Er versuchte sich als Psychotherapeut und verdient nun sein Geld mit telefonischer Lebensberatung, bei der seine Kunden ausgerechnet meist aus der Finanzbranche kommen.

Mit der Welt hat er ebenso gebrochen wie mit dem Vater. Dennoch setzt er sich nun für die Familie und ihr Unternehmen ein. Sein Antrieb ist eine Mischung aus Pflichtgefühl und der Ahnung, dass dies womöglich die letzte Chance sein könnte, eine Dankbarkeit zu beweisen, von der er selbst nicht weiß, ob sie angebracht ist angesichts der zerrütteten Verhältnisse im Hause Alberts. „Er trauerte noch nicht, und es erschreckte ihn, nicht zu wissen, ob er dazu fähig sein würde, wenn es so weit war“, umschreibt Reh seinen Gemütszustand am Sterbebett des Vaters. „Auch seine Mutter würde es wohl nicht tun. Sie würde so allein sein, wie sie schon immer gewesen war. Sie würde wie ein Astronaut, dessen Verbindungsleine zum Shuttle gekappt worden war, durch den Rest ihrer Jahre schweben.“

Um den Mann zu finden, der die Bank um riesige Beträge geprellt hat, macht sich Thomas auf den Weg nach Spanien, wo Milbrandt wahrscheinlich untergetaucht ist. Begleitet wird er von Valerie, einer jungen Frau, die einst bei ihm in psychotherapeutischer Behandlung war. Bald erfährt Thomas, dass sie die Stieftochter von Milbrandt ist. Von solchen Überraschungen hat Gibraltar gleich einige zu bieten. Die Verwicklungen und Beziehungen wirken am Anfang noch arg plötzlich und unglaubwürdig wie in einem Groschenroman, nach und nach aber überzeugend und letztlich sogar filigran.

Reh erzählt abwechselnd die Geschichte der einzelnen Akteure, den Weg zum Ruin der Bank ebenso wie zur Krise in den zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Figuren. Gibraltar wird so zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman, und es ist mehr als beeindruckend, wie sich der Autor ebenso in eine schizoide 23-Jährige hineinversetzen kann wie in einen Patriarchen an der Schwelle des Todes.

Auch aus der Sicht von Bernhard Milbrandt wird das Geschehen betrachtet. Sascha Reh erliegt dabei erfreulicherweise nicht der Versuchung, aus dem Investmentbanker den Bösewicht zu machen. Es gibt in Gibraltar keine Antworten auf die Frage, welche Gründe die Finanzkrise hat, und es gibt erst recht keine Schuldigen. Der Hasardeur Milbrandt weiß, dass seine Geschäfte verwerflich sind. Bei einer Party erlaubt er sich die winzige Andeutung eines Schuldeingeständnisses. „Ich kaufe billig Handgranaten ein und ziehe die Sicherungssplinte. Dann verkaufe ich sie möglichst teuer weiter. Wer die Granaten noch hat, wenn sie explodieren, hat verloren.“ Als er schließlich so etwas wie Paranoia entwickelt, ergreift er die Flucht – nicht aus Gier oder Egoismus, sondern aus Angst vor sich selbst und der (Finanz-)Welt, von der er umgeben ist.

Das Beste an Gibraltar ist die Verflechtung dieser Figuren, ihrer Lebenswege und ihrer jeweiligen Rolle im Millionendebakel. Reh setzt dabei beispielsweise auf Rückblenden, die in keiner Weise typografisch als solche gekennzeichnet sind und die sich völlig unvermittelt mit dem Jetzt der erzählten Zeit abwechseln. Vergangenheit und Gegenwart rasen förmlich aufeinander zu, die Fehler der einen bringen die Gewissheiten der anderen zum Einsturz.

»Es ist eine feinschmeckerische Freude, mit der Sascha Reh den Panzer der Figuren aufknackt. Er fegt die Lügen weg, macht das Hässliche, Gemeine sichtbar, entlarvt verrottete moralische Werte und verlogene Beziehungen«, hat Susanne Plecher in der Sächsischen Zeitung ganz richtig erkannt. Wenn das Ensemble am Ende der Handlung wieder in Berlin versammelt und Johann Alberts gestorben ist, dann kann man keinen der Protagonisten bemitleiden, aber auch keinen verachten. Sie alle blicken auf ihr Leben zurück und stellen fest, dass sie nichts haben. Was sie nicht bemerken: Sie könnten einander haben – aber das lassen sie nicht zu.

Bestes Zitat: „Was hier gehandelt wurde, dachte er plötzlich konsterniert, waren Zahlen; es repräsentierte nichts. Die Substanz der Bank besaß nicht einmal den Gehalt eines Gedankens oder einer Idee, sondern bestand in nichts als Zahlenfolgen, die ihren Wert nur prahlerisch behaupteten, anstatt ihn durch irgendeine Referenz belegen zu können. Was hier unter Werten verstanden wurde, war geschichtslos und letztlich läppisch. Und nun standen jene erwachsenen Männer, die dieses absurde Spiel ernstlich zu ihrem Beruf gemacht und zu denen er einst gehört hatte, um einen Monitor herum und bestaunten, ratlos wie Kinder, Zahlen.“

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