Thomas Glavinic – „Das größere Wunder“ 1


Autor Thomas Glavinic

Am Mount Everest spielt die Handlung von "Das größere Wunder".

Am Mount Everest spielt die Handlung von „Das größere Wunder“.

Titel Das größere Wunder
Verlag Hanser
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Kann man zugleich ein Einsiedler sein und ein Globetrotter? Man kann. Auf Jonas, die Hauptfigur in Das größere Wunder, trifft das jedenfalls zu. Der neue Roman des Österreichers Thomas Glavinic, dessen Bücher wie Wie man leben soll (2004), Die Arbeit der Nacht (2006) oder Das Leben der Wünsche (2009) in 18 Sprachen übersetzt sind, steckt voller solcher Widersprüche.

Das Buch spielt auf der ganzen Welt und doch nur in Jonas’ Kopf. Es gibt etliche Grausamkeiten in Das größere Wunder und doch keine größere Marter als die banale Erkenntnis, dass man nicht weiß, wohin mit sich. Der Roman ist eine Liebesgeschichte, in der Frauen aber fast nur in der Erinnerung oder gar als Halluzination auftauchen.

Das Buch ist zweigeteilt: In der Gegenwart, die der Erzähler aus Jonas’ Perspektive berichtet, befindet sich der Held im Basislager des Mount Everest, fest entschlossen, den höchsten Berg der Welt zu erklimmen. „Er war an diesen Berg gekommen, um allein zu sein. (…) Er wollte der Stille und dem Rätsel in sich nachspüren, er wollte Schritt für Schritt diesen Berg hinaufsteigen, ohne nachdenken zu müssen“, heißt es. Die geplante Expedition wird aber immer wieder durch Missgeschicke und ungünstige Bedingungen verzögert.

Unterbrochen wird dieser Gipfelsturm, der sich eher als Kreuzweg erweist, durch Kapitel, in denen sich Jonas an die Zeit des Heranwachsens im Österreich der 1980er Jahre erinnert: An seine allein erziehende Mutter, die dem Alkohol und ihren Männergeschichten mehr Aufmerksamkeit widmet als Jonas und seinem behinderten Zwillingsbruder Mike. An Werner, den besten Freund von Jonas, der zu einem Bruder im Geiste wird. Und an Picco, Werners steinreichen Großvater, der Jonas schließlich adoptiert, großzieht und ein enormes Vermögen vererbt.

Die Kapitel wechseln sich ab und diese Form macht Das größere Wunder enorm spannend. Zum einen will man als Leser erfahren, ob es Jonas trotz aller Widrigkeiten auf das Dach der Welt schafft. Noch mehr fragt man sich, wie aus ihm dieser Mann werden konnte, der immer wieder die Abgründe sucht, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. „Jonas’ Gedanken und Gefühle kreisten selten um ein Warum, die waren besessen vom Warum nicht, von dieser lapidar wirkenden Frage, besessen von diesem Spiel. Einst hatte er es begonnen, ohne es zu verstehen, er hatte erst lernen müssen, dass das Warum nicht stärker war als das bloße Warum? Es war aber auch stärker als man selbst. Auch das hatte er lernen müssen“, schreibt Glavinic an einer Stelle über die unbändige Abenteuerlust seines Protagonisten.

Ganz überzeugend wirkt diese Motivation freilich nicht, und auch abseits davon hat dieser Roman viele Passagen, in denen er mit Kunstfertigkeit, tiefgründigen Dialogen und tollen Landschaftsbeschreibungen glänzt, aber nicht allzu viel Wert darauf legt, ob seine Figuren und Konflikte glaubwürdig sind. Wenn sich beispielsweise Jonas und Werner als Knaben unterhalten, dann geschieht das in einer Sprache, die oft eher an Greise denken lässt, die förmlich ist, reflektiert, respektvoll, altklug. „Ich glaube, man ist schon jemand. Jeder ist jemand, und besser als das kann er nicht werden. Er kann nichts anderes werden, und wenn er es doch wird, ist er nicht glücklich“, sagt der ganz junge Jonas beispielsweise.

Als er heranwächst, seinen behinderten Bruder auf barbarische Weise und seinen besten Freund durch eine Mutprobe verloren hat, wird aus diesem Jonas ein rastloser Geist, ohne Orientierung, ohne Heimat, aber mit maximaler Sehnsucht danach. „Er fuhr mit Zug und Bus von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, auf der Suche nach etwas, das er weder benennen noch fassen konnte, von dem er jedoch wusste, dass es existierte. Irgendwo hinter einer dünnen Membran wartete es auf ihn, auf seine Bereitschaft, es zu erkennen. Es war da, und er war da“ – in diesen paar Sätzen ist der Kern seines Wesens konzentriert. Jonas schwankt zwischen Existenzialismus und Glaube, zwischen dem Rauschhaften und der maximalen Reflexion. „Unglücklich war er selten, glücklich nie“, fasst Glavinic das Erwachsenenleben seiner Hauptfigur zusammen.

Spätestens seit vor neun Monaten die Beziehung zur Sängerin Marie in die Brüche gegangen ist (der aufmerksame Glavinic-Leser wird bemerken, dass es die Paarung Jonas-Marie schon in früheren Büchern des Autors gab, doch die Figuren haben offensichtlich nichts miteinander zu tun), fühlt sich Jonas vollends verloren. „Man wird älter und älter, und man wartet. Etwas wird passieren, etwas Großes. Das Leben, das man führt, steuert zweifellos auf einen Höhepunkt zu, hinter dem die Versöhnung liegt, die Läuterung, das Glück – unausweichlich und unabänderlich. Eines Tages wird alles gut. Das Heute ist fehlerhaft, das Morgen wird vollkommen sein“, sagt er, doch er weiß nicht mehr, ob er daran glauben kann.

Wer in solchen Sätzen Anflüge von Esoterik entdeckt, wird in Das größere Wunder auch an weiteren Stellen eine Bestätigung für diese Vermutung finden. Eine Sonnenfinsternis spielt eine große Rolle, es gibt magische Fähigkeiten und düstere Prophezeiungen. Nicht zuletzt macht Glavinic auch das Erleben der Zeit zu einem wichtigen Motiv des Romans. Jonas sammelt belanglose Souvenirs, als ob er sich damit beim Wiederfinden seine Erfahrungen bestätigen könnte. Es gibt ein Haus mit lauter verschlossenen Zimmern, deren Schlüssel nach und nach wie aus dem Nichts auftauchen und jeweils einen neuen Lebensabschnitt einläuten. Dazu kommt das quälende Warten am Berggipfel und die akribische Zeitplanung, die für die Route des Aufstiegs nötig ist.

Auch Selbstmitleid ist ein Thema, das keineswegs klein ist in Das größere Wunder, und damit sind wir beim ersten von drei Problemen dieses Romans: Jonas ist einfach kein besonders sympathischer Charakter. Seine übersteigerte Demut, seine Komplexe und sein Schuldbewusstsein sind anstrengend und, wie bereits erwähnt, oft kaum nachvollziehbar. Er ist ein Mann von Welt mit großem geistigen und noch größerem materiellen Vermögen, der sich ständig klein machen will. Seine Privilegien, aber mehr noch seine Fähigkeiten und seine Intelligenz, machen ihn einsam, schließlich sogar lebensmüde. Er kann sich alles leisten und ist mit nichts zufrieden, er kann mit einer spartanischen Unterkunft auskommen, aber nicht mit einer anspruchslosen Seele. Man denkt ständig: Mein Gott, stell dich nicht so an! Mache es dir nicht so schwer! So extrem, so schwierig ist das Leben gar nicht!

Das zweite Problem ist die Liebesgeschichte zwischen Jonas und Marie. Sie ist sehr poetisch erzählt, aber letztlich zu schwach, und verstehen zu lassen, warum sie Jonas so sehr quält. Die Beziehung scheint für ihn (wie alles andere) eine philosophische Frage zu sein, keine emotionale. Schließlich bringt, und das ist das dritte Problem, seine exzessive Reflexion keine besonders erhellenden, überraschenden oder bewegenden Ergebnisse. Sie bleibt Nabelschau und lässt vieles im Ungefähren. Für solche Enttäuschungen entschädigt Glavinic allerdings mit dem Schluss seines Buchs. Als er in den letzten Kapiteln nicht mehr zwischen Jetztzeit und Erinnerung springt, sondern bloß noch vom Geschehen im Himalaja berichtet, wird daraus ein schier rauschhaftes Finale.

Bestes Zitat: „Woran merkte man, dass man jemanden nicht mehr liebt? Wie erfuhr man, ob es Sinn hatte, es weiter zu versuchen? Und wie gewöhnte man sich wieder daran, nicht umarmt zu werden, nicht geküsst, nicht begehrt? Allein zu sein und zuweilen einsam? Gewiss, es gehörte zum Leben. Doch wie gewöhnte man sich an das Leben, ohne aufzuhören, es ernst zu nehmen?“


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Ein Gedanke zu “Thomas Glavinic – „Das größere Wunder“

  • ToniKa

    Eine sehr genaue und kluge Analyse der Stärken und Schwächen dieses Roman, dessen Autor man trotzdem vorbehaltlos weiterempfehlen muss:-)