Durchgelesen: Thomas Klie – „Wen kümmern die Alten?“


Thomas Klie entwirft in seinem Buch die Vision für eine bessere Pflege.

Thomas Klie entwirft in seinem Buch die Vision für eine bessere Pflege.

Autor Thomas Klie
Titel Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft
Verlag Pattloch
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Who cares? Die englische Floskel stellt Thomas Klie in den Mittelpunkt seines Buchs Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft. Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht typisch für den Ansatz des Sozialexperten.

Erstens weist Klie mit der etwas flapsigen Formulierung, die man auch mit „Wen juckt das schon?“ übersetzen kann, darauf hin, dass das Problem des Pflegenotstands nach wie vor nicht ausreichend im Fokus der politischen Debatten steht. Zweitens offenbart der Autor, der als Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig und Mitglied der 7. Altenberichtskommission der Bundesregierung ist, damit bereits sein besonderes Augenmerk für die Bedeutung von Sprache und Bildern für unser Verständnis vom Alter. Und drittens spricht er damit direkt den Leser an und deutet bereits an, dass eine bessere Pflege nur gelingen kann, wenn sich alle Generationen dafür einsetzen.

Sein Buch ist ein sehr fachkundiger Beitrag zur Pflegedebatte, der unter anderem davon profitiert, dass Klie sich unnötigen Dramatisierungen verweigert, etwa der Mär, Altersarmut sei derzeit in Deutschland ein weit verbreitetes Phänomen. Stattdessen leben wir in der „goldenen Zeit des Alters“, stellt der Autor klar. Auch der internationale Vergleich, auf den er vor allem am Ende von Wen kümmern die Alten? eingeht, ist sehr lohnend und unterstreicht, dass wir hierzulande in Sachen Pflege noch vergleichsweise gut dastehen.

Der Status Quo ist allerdings nicht das, was Thomas Klie am Herzen liegt. Ihn beunruhigt der Blick in die Zukunft. Angesichts der demografischen Entwicklung, die bis zum Jahr 2030 für vier Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, Österreich und der Schweiz sorgen wird, sieht er nur eine Möglichkeit: einen neuen, ganzheitlichen Ansatz beim Umgang mit der Pflege. „Es ist eine Innovationskultur gefragt, wenn wir eine Gesellschaft des langen Lebens menschenfreundlich gestalten wollen, jenseits von traditioneller Familienpflege und Heimen“, meint er.

Es gehört zu den Stärken von Wen kümmern die Alten?, dass er dabei sehr eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen demografischem Wandel, Debatten um Gender- und Generationengerechtigkeit und dem Trend zur Ökonomisierung der sozialen Sicherungssysteme aufzeigt. Sein Buch zieht daraus den Schluss, dass der Staat allein nicht für eine bessere Pflege sorgen wird, eine Versicherung erst recht nicht. Wir müssen selber etwas tun, für uns selbst und für andere, und das bedeutet zuerst: Wir müssen umdenken.

Klie ist oft radikal in der Grundsätzlichkeit seiner Denkanstöße, er fordert letztlich ein komplett neues Konzept von Alter, Persönlichkeit und Gesundheit. Gleich im ersten Absatz des Buchs entwickelt er eine originelle Parallele zur Entdeckung beziehungsweise Neudefinition der Kindheit während der Renaissance. So wie damals ein Lebensabschnitt mit völlig neuen Blickwinkeln und Erwartungen versehen worden sei, so müssten wir heute das Alter neu betrachten.

„Die Verarbeitung des Wechselspiels zwischen Integrität und Verzweifelung, zwischen Vertrauen und Verlassenheit gehört zu den Themen, die mit dem hohen Alter und der menschlichen Existenz untrennbar verbunden sind“, betont er, und das ist eine typische Passage. Immer wieder gibt es in Wen kümmern die Alten? Verweise auf die humanen Aspekte des Pflegebereichs und Appelle an die Menschlichkeit. Dem stehen aber auch ganz konkrete Vorschläge gegenüber, sowohl für politische Reformen als auch für die Ausgestaltung der Pflege im Alltag. Klie wird mitunter fast esoterisch wie bei seiner Definition des Begriffs „Sorge“, weist aber auch auf viele Vorzeigeprojekte und gute Beispiele hin, die als Modelle für die Zukunft gelten können.

Neben der Bedeutung, die den „kleinen Lebenskreisen“, also der Familie, den Nachbarn und den Kommunen dabei zukommen wird, legt er auch auf den sprachlichen und medialen Umgang mit den Themen Alter und Pflege großen Wert. Er fordert differenzierte Altersbilder, die längst existieren, aber noch nicht allgemein (an-)erkannt sind. Und er stellt die Bedeutung einer angemessenen Terminologie heraus, beispielsweise wenn er den Begriff „Pflegefall“ als Unwort kritisiert oder ausführt: „Der Begriff der Verletzlichkeit (…) zeigt, dass wir auf andere angewiesen sind, er kann aber auch das Gefühl in uns auslösen, sorgend und beschützend tätig werden zu wollen. Daher ist er für unsere Kultur so wichtig: Er pathologisiert nicht in dem Sinne, dass jemand behandelt und ruhiggestellt werden muss, sondern fordert uns heraus, uns in Beziehung zu dem Menschen zu setzen, der verletzlich ist und daher unsere Unterstützung braucht.“

Dieser Fokus auf „weiche“ Maßnahmen und sein ganzheitlicher Ansatz sorgen dafür, dass manches in diesem Buch nach Sonntagsreden klingt oder nach den warmen Worten der Kanzlerin, die Klie auch gerne zitiert. Ein Problem von Wen kümmern die Alten? sind auch mitunter zufällig wirkende Quellen; die Einteilung in Kapitel ist ebenfalls nicht trennscharf, sodass Klie insgesamt keine gute Form findet für seinen enormen Fundus an Wissen und Empfehlungen. Das ist schade, denn viele gute Ideen und zentrale Erkenntnisse gehen so neben Anekdoten und Redundanzen unter oder verlieren an Kontur.

Klie stellt die Aktivität der Alten ebenso heraus wie ihre Schutzbedürftigkeit, ihre soziale Präsenz und ihre Ausgrenzung in unserer Gesellschaft und er bringt an mehreren Stellen auch seine persönlichen Erfahrungen ein. Er brandmarkt die Ökonomisierung der Pflege insgesamt, die Gewinnmargen in den Heimen oder Private-Equity-Investitionen in Pflegeeinrichtungen. Private (und oft illegale) 24-Stunden-Pflege durch Osteuropäerinnen sieht er als „Renaissance der Dienstboten im 21. Jahrhundert“.

In solchen Passagen merkt man, wie viel Frust sich beim Blick auf die Pflegesituation angestaut hat, nicht nur bei ihm, sondern bei fast allen Beteiligten, also Pflegepersonal, Ärzten und Angehörigen. Sein Buch legt sehr eindrucksvoll den Finger in diese Wunde und ist eine höchst spannende Vision für die Zukunft einer Pflege, die menschenwürdig und bezahlbar ist. Und es macht deutlich: Eine nachhaltig ausgerichtete Pflege ist nicht in erster Linie ein medizinisches, politisches oder finanzielles Problem, sondern zunächst ein kulturelles.

Bestes Zitat: „Selbst bei optimistischer Annahme, dass die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege besser gelingt, dass eine entlastende Infrastruktur mit teilstationären Angeboten verfügbar ist, dass Arbeitgeber die Arbeit flexibilisieren, bleibt es eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, wie und welche Antworten auf die Frage ‚Who cares?’ gefunden werden. Es ist schon schwierig, genügend Fachkräfte zu finden, um die sach- und fachgerechte Pflege zu gewährleisten. Es wird noch schwieriger, die abnehmenden Familienpflegeressourcen zu ersetzen.“

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