Durchgelesen: Thomas Meinecke – „Musik“ 1


Autor Thomas Meinecke

In „Musik“ hat Thomas Meinecke viel zu erzählen. Er verfehlt aber die Form.

Titel Musik
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung

Karol ist Flubegleiter. Wenn er nicht gerade durch die Welt jettet, sitzt er zu Hause in Wolfratshausen und denkt nach. Über Musik. Genauer gesagt: Wo sie herkommt, wie sie sich verändert und, vor allem, welche Rolle Sex in ihr spielt und wie Swing, Disco oder House die Gesellschaft und die Sexualität verändert haben.

Seine Schwester Kandis recherchiert derweil zu Claudia Schiffer, Ludwig II. und D.H. Lawrence – und landet ebenso bei grundsätzlichen Fragen der Ästhetik.

Das klingt nach einer nicht ganz unspannenden Ausgangssituation. Trotzdem hat das Buch eine Menge Probleme. Das größte davon steht gleich auf dem Cover, und zwar links unten. Hier von einem „Roman“ zu sprechen, ist nicht mehr nur eine großzügig-postmoderne Auslegung des Genres, sondern Leserverarsche.

Denn es gibt keine Handlung und keine Charaktere. Stattdessen benutzt Thomas Meinecke seine Figuren bloß, um ihnen seine eigenen Betrachtungen in den Mund zu legen. Seine Figuren reden kaum und handeln nicht – sie reflektieren immer bloß, sogar wenn sie tanzen, träumen oder Sex haben. Wie schon im Plattenspieler macht der Autor damit den Eindruck von einem, der ganz viel gesammelt hat und es jetzt endlich einmal loswerden will.

Die Detailfülle und Faktenkenntnis Meineckes ist beeindruckend, seine Gedanken sind teilweise originell, dürften aber nur für beinharte Discofans zu einem echten Quell der Freude werden. Und sie werden in einen Text gegossen, der durchaus gekonnt ausgearbeitet und verschachtelt ist.

Ohne Frage ist die Form das Beste an Musik: Meinecke arbeitet wie ein Hit-Produzent oder ein DJ, spinnt Zitate ein, poliert die entscheidenden Stellen, sorgt für einen schicken Sound und baut ein paar Anspielungen für Insider ein. Aber gerade diese Herangehensweise steht einem echten Erkenntnisgewinn und Lesevergnügen erst recht im Weg.

Die bessere Form wäre hier eine kulturwissenschaftliche Betrachtung, ein Essay zu Pop aus Gender-Perspektive oder meinetwegen ein Sachbuch zum Thema „Tanzmusik und was sie aus uns gemacht hat“ gewesen. Als Roman versagt Musik komplett. Denn, anders als im Pop, gilt hier: Eine tolle Oberfläche allein macht noch keine Literatur.


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