Durchgelesen: Tillmann Bendikowski – „Der deutsche Glaubenskrieg“


Autor Tillmann Bendikowski

Der deutsche Glaubenskrieg von Tillmann Bendikowski Kritik Rezension

Vom Dauerkonflikt der Konfessionen berichtet „Der deutsche Glaubenskrieg“.

Titel Der deutsche Glaubenskrieg. Martin Luther, der Papst und die Folgen
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Die Reformation wirkt bis heute nach und hat die deutsche Geschichte tief geprägt. Das ist die Kernthese in Der deutsche Glaubenskrieg. Martin Luther, der Papst und die Folgen. Der Historiker und Journalist Tillmann Bendikowski liefert mit seinem heute erscheinenden Buch einen sehr verständlichen und wenig voraussetzungsreichen Überblick über das Mit- und Gegeneinander der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland. Er zeigt sehr anschaulich die Komplexität der Entwicklung und das Zusammenspiel von Selbst- und Fremdzuschreibung bei der Herausbildung und Bewahrung einer katholischen und protestantischen Identität.

Immer wieder gelingen ihm prägnante Begriffe wie die Neuartigkeit des „konfessionellen Schreckens“, der den Menschen während der Bauernkriege in die Glieder fuhr: Sie mussten plötzlich Angst haben, wegen ihrer Religionszugehörigkeit tätlich angegriffen zu werden, und zwar von anderen Christen. Auch die „Parallelgesellschaften“ gehören dazu, in denen die Katholiken im Alten Reich und teilweise noch im Kaisserreich nach seiner Analyse lebten, inmitten von Zuständen, Zwängen und einer Schärfe der Konfliktlinien, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Nicht zuletzt die „Paranoia“, die er den Konfessionen gleich mehrfach beim Blick auf den heilsgeschichtlichen Rivalen attestiert.

Der deutsche Glaubenskrieg zeigt darüber hinaus die enge, sogar unauflösliche Verbindung von Religion und Politik auf. „Die Reformation eröffnete (…) nicht nur neue Möglichkeiten des Glaubens, sondern lieferte zugleich auch neue Anlässe und Formen der Konfrontation. (…) Die Frage nach dem richtigen Glauben wurde zur sozialen Frage, deren Beantwortung im Kampf auf Leben und Tod ausgefochten werden sollte“, heißt es zu Beginn des Buches. Jahrhunderte später sind die Mechanismen der konfessionellen Dauerkonfrontation laut Bendikowski so gut eingeübt, dass sie auch auf die Sphäre jenseits der Religion abfärben. Weltanschauliche Bewegungen gerieren sich demnach ab dem 19. Jahrundert wie Religionen, laden ihre Ideen heilsgeschichtlich auf und übernehmen auch die Art und Weise, wie Konkurrenten und Abweichler behandelt werden, zeigt der Autor plausibel auf, etwa am Beispiel des Nationalismus: „Aufgrund der Sakralisierung des eigentlich weltlichen Ziels erschien auch die Anwendung von Gewalt als plausibel, zuweilen sogar als notwendig. In dem Maße, in dem die Nation zu einem neuen Gott wurde, mussten dafür Opfer gebracht und Feinde gerichtet werden. Wer diesen Gott nicht anerkannte, war deshalb nicht mehr nur politischer Gegner, sondern wurde auch zum Widersacher und Feind einer Idee, die dem ganzen Leben, dem Volk und der Geschichte überhaupt Sinn verlieh.“ Natürlich gilt das später auch für die totalitären Systeme des Nationalsozialismus und Stalinismus.

Ein interessanter Denkanstoß ist auch der Blick auf das Fortwirken dieser Mentalität bis in die politische Kultur der Bundesrepublik hinein. Dass weltanschauliche Konflikte, wie Bendikowski meint, „religiös oder eben quasireligiös (mit den ursprünglichen Symbolen, Ritualen oder der Sprache des Religiösen) aufgeladen und ausgetragen“ wurden, habe beispielsweise eine starke Prägung der Parteien durch Ideen und Theorien sowie einen Hang zum Rigorismus, zum Dogmatismus, zur Idealisierung, zur Zuspitzung und einer Überbetonung der Bekenntnistreue zur Folge gehabt – und somit, so möchte man ergänzen, eine offene und lebendige Debatte vielfach erschwert.

Trotz solcher zumindest interessanter Thesen und des Verdiensts einer gut lesbaren Gesamtdarstellung gibt es drei Dinge, die man diesem Buch vorwerfen muss.

Erstens: Etikettenschwindel. Der deutsche Glaubenskrieg. Martin Luther, der Papst und die Folgen heißt das Buch, Luther prangt zudem auf dem Einband. Damit hängt sich Bendikowski erneut an ein großes Jubiläum. Seine früheren Werke erschienen mehr oder weniger pünktlich zu 2000 Jahren Varusschlacht (Der Tag, an dem Deutschland entstand), zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen (seine Biographie im Jahr 2011) oder 100 Jahren Erster Weltkrieg (Sommer 1914 vor zwei Jahren). Die Gelegenheit, vom halben Jahrtausend Protestantismus ein bisschen zu profitieren, wollte sich der Historiker und Journalist wohl nicht entgehen lassen. Doch die Reformation ist zwar Ausgangspunkt dieses Buches, aber keineswegs ihr Zentrum. Vielmehr berichtet Bendikowski, wie oben gezeigt, vom Mit- und Gegeneinander der Konfessionen in Deutschland, von Luther bis zur Gegenwart.

Doch auch bei diesem Thema legt das Buch (genauer: Klappentext und Vorwort) falsche Fährten. Ganz explizit wird dort die Frage gestellt, ob wir für die Gegenwart etwas lernen können aus den 500 Jahren, in denen in Deutschland um den wahren Glauben, um Toleranz und Akzeptanz gerungen wurde. Doch aktuelle Probleme werden von Bendikowski allenfalls angerissen, weder das Schwinden der Religiosität in Deutschland spielt eine Rolle noch die Frage, wie sich die Gesellschaft mit nicht-christlichen Religionen arrangieren kann. Das Wort „Islam“, nicht nur in der öffentlichen Debatte zentral in dieser Hinsicht, taucht in Der deutsche Glaubenskrieg nur einmal auf, und zwar auf der vorletzten Seite.

Zweitens: eine zu enge Perspektive. Das gilt sowohl geografisch als auch zeitlich: In vielen Phasen der Geschichte und an vielen Orten der Welt gab es schon vor der Reformation reichlich Beispiele dafür, wie verschiedene Religionen ihr Miteinander organisieren mussten. Oft gelang das sogar friedlich. Auch dass es selbst in Deutschland schon vor Luther andere Religionen, namentlich das Judentum, und immer wieder auch Abweichler von der „einzig wahren“ katholischen Kirche gab, ignoriert Bendikowski in seinem Buch. Nicht zuletzt wird in Der deutsche Glaubenskrieg die Singularität der Entwicklung in Deutschland überbetont. „Dass Menschen die eigene Religion als wertvoller und ‚wahrer‘ empfinden als den Glauben der anderen, dass Angehörige unterschiedlicher Religionen kulturell weitgehend getrennt voneinander leben, dass sie sich wegen der Verletzung ihrer religiösen Gefühle auf der Straße prügeln und dass sie für den vermeintlich rechten Glauben gegeneinander in den Krieg ziehen – all das kennen wir Deutschen nur allzu gut. Denn in religiöser Hinsicht nahm Deutschland über Jahrhunderte hinweg eine Sonderstellung unter den europäischen Nationen ein: Nirgendwo sonst lebten Katholiken und Protestanten in einem religiös so tief gespaltenen Land“, schreibt er zu Beginn. Man hätte nur über die Grenze nach Frankreich schauen müssen, um zu erkennen, dass auch dort heftige Konflikte und gar Religionskriege ausgefochten wurden.

Drittens: ein blinder Fleck. Das ist der entscheidende Kritikpunkt. Bendikowski verpasst es, eine Fundamentalkritik an Religion zumindest anzudenken, die sich anhand der von ihm ausgebreiteten Faktenlage geradezu aufdrängt. Eine Religion beansprucht per se Wahrheit, Unfehlbarkeit und Ewigkeit, und zwar für sich allein. Ein Gott des „Vielleicht“ ist nicht denkbar. „Die Anhänger von alten und neuen Glaubensangeboten standen einander unversöhnlich gegenüber. Sie hatten die Welt in Richtig und Falsch unterteilt, die Menschen in Gläubige und Ungläubige, in Wissende und Verirrte“, umreißt Bendikowski diesen Dualismus für das späte 19. Jahrhundert.

Deshalb zeigen die Religionen und Konfessionen – das ist heute kaum anders als vor 500 Jahren – kaum Wille zur Toleranz und keine Fähigkeit zum Kompromiss, weil – wie es an einer Stelle heißt – „die Frage nach dem rechten Bekenntnis keine verhandelbare Position darstellt“. Die Folge ist der Zwang zur Uniformität nach innen und zur Abgrenzung nach außen, beides wird im Zweifel mit Gewalt durchgesetzt. Bendikowski analysiert das sehr gründlich, nimmt es aber hin, statt es zu hinterfragen, zu verdammen oder, was wünschenswert gewesen wäre, ein Primat von Ratio und Politik als Schlussfolgerung zu fordern. Denn auch das zeigt sein Buch: Wann immer der religiöse Streit gewaltsam eskalierte, konnte nur die Politik diesen beenden. Der Augsburger Religionsfrieden 1555 und der Westfälische Frieden 1648 sind dafür nur die prominentesten Beispiele. Die Religionsgemeinschaften selbst waren nie in der Lage, einen Konflikt versöhnlich zu lösen.

Bestes Zitat: „Alle Kirchen vertraten unterschiedslos die ehrlich auch so empfundene Überzeugung, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Und jede von der eigenen Überzeugung abweichende Glaubensaussage einer anderen Kirche hielt man deshalb für einen gefährlichen Irrtum, der bekämpft werden musste, weil er die vermeintliche, nämlich die eigene Wahrheit gefährdete. Es existierte nur die Wahrheit, dazwischen gab es keinen Mittelweg.“

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