Durchgelesen: Tina Hüttl und Alexander Meschnig – „Uns kriegt ihr nicht“


Autoren Tina Hüttl und Alexander Meschnig

Cover des Buches Uns kriegt ihr nicht von Tina Hüttl und Alexander Meschnig bei Piper

Jüdische Kinder, die das NS-Regime überlebt haben, erzählen in „Uns kriegt ihr nicht“.

Titel Uns kriegt ihr nicht. Als Kinder versteckt – jüdische Überlebende erzählen
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Warum sie dieses Buch geschrieben haben, machen die Autoren Tina Hüttl (geboren 1976) und Alexander Meschnig (geboren 1965) unmissverständlich und wenig pietätvoll klar: Sie wollten mit Zeitzeugen der Judenverfolgung sprechen, solange es noch welche gibt.

15 Männer und Frauen haben sie aufgespürt, die als jüdische Kinder in Deutschland den Naziterror überlebt haben. Alle haben ihre Geschichte erzählt. Manche hatten sie schon zuvor in Buchform zu Papier gebracht, manche äußern sich zum ersten Mal öffentlich darüber. Es sind aufrüttelnde, schockierende, schmerzhafte Einzelschicksale – und gerade das zeigt, wie wichtig es ist, diese Männer und Frauen der Jahrgänge 1920 bis 1942 zu Wort kommen zu lassen. Denn bald werden ihre Stimmen für immer verstummen.

So verdienstvoll und bewegend Uns kriegt ihr nicht auch sein mag – das Buch hat auch ein paar Schwächen. Eine davon haben Hüttl und Meschnig selbst erkannt. „Für alle Schicksale, die hier erzählt werden, gilt, dass sie, wie jede persönliche Geschichte, Konstrukte sind. Jeder Mensch legt sich im Laufe seines Lebens seine Biografie zurecht, sucht nach Kohärenz”, schreiben sie in ihrer Einleitung. Trozdem haben sie nicht einmal den Versuch unternommen, den Wahrheitsgehalt des Erzählten durch Recherche zu überprüfen. Das wäre sowohl wissenschaftlich als auch journalistisch wünschenswert gewesen und hätte die Authentizität und Würde der Zeitzeugen keinesfalls in Abrede gestellt, sondern lediglich der Tatsache Rechnung getragen, dass Erinnerung keine Dokumentation ist – erst recht nicht, wenn sie so sehr mit Leid und Trauma verknüpft ist.

Was Uns kriegt ihr nicht ebenfalls fehlt, obwohl es ein Vorwort und (!) eine Einleitung gibt, ist eine historische Einordnung. Ein paar Hintergründe zur Dimension des Holocaust, ein paar Eckdaten zu den verschiedenen Eskalationsstufen der Judenverfolgung, als Chronologie vorangestellt oder in Fußnoten platziert, hätten den Erkenntnisgewinn deutlich vergrößert, erst recht für Leser, die sich dem Thema – was man beim Ansatz des Buches vermuten darf – auf einer eher emotionalen Ebene nähern wollen. So bleiben die Erzählungen rein episodisch.

Das gilt umso mehr, weil in den hier zusammengetragenen Erinnerungen kein Muster erkennbar wird. Die perfekte Strategie zum Überleben als Verfolgter in einer feindlichen, perversen, enthemmten Gesellschaft kann man diesem Buch nicht entnehmen. Jeder Fall ist anders, jeder Fall hat in ganz spezifischem Maße mit Mut, Glück, Improvisationstalent, unverhoffter Hilfe und unbändigem Stolz zu tun.

Unter den Erzählenden sind viele, bei denen nur ein Elternteil jüdisch war, was sie eine zeitlang schützte, und etliche, die in Großstädten aufwuchsen, in deren Anonymität man etwas leichter untertauchen konnte. In mehreren Fällen findet sich auch der Gedanke ans Auswandern zu einer Zeit, als das noch möglich gewesen wäre. Doch die allermeisten konnten sich nicht durchringen, ihre Heimat zu verlassen – viele fühlten sich als deutsche Patrioten, oft hatten die Väter im Ersten Weltkrieg für das Reich an der Front gestanden. Und praktisch niemand konnte sich vorstellen, welches Ausmaß an Abscheu und Gefahr das neue Regime für Juden in Deutschland mit sich bringen würde.

Selbst, als die Allumfänglichkeit des Terrors erkannt war, blieb es den meisten unmöglich, sich vorzustellen, was ihnen bevorstand. „Wenn wir geahnt hätten, wie lange dieser Zustand [das Leben im Untergrund] dauert, hätten wir es getan?“, fragt einer der Zeitzeugen. „Zweieinhalb Jahre werden wir leben, weil andere uns helfen, werden leben, weil wir manchmal Mut, manchmal Glück haben. Ich bin froh, dass wir es nicht ahnten.“

Es sind solch erschütternde Aussagen zwischen Fatalismus, Dankbarkeit und der ewigen Verwunderung darüber, als einer von ganz wenigen Juden in Deutschland davongekommen zu sein, die das Buch so eindrucksvoll machen. Hüttl und Meschnig erlauben ihren Zeitzeugen dabei einen persönlichen Erzählstil und tragen auch so dazu bei, dass dem Leser aus dem Buch nicht sprechende Denkmäler entgegentreten, sondern echte Menschen.

Was sie erlebt haben, macht – erst recht in Zeiten, in denen wieder darüber diskutiert wird, welches Ausmaß an Hilfe wir Flüchtlingen und Verfolgten zugestehen sollten – oft genug Gänsehaut. Die Überlebenden waren versteckt, im Widerstand oder als arische Kinder getarnt. Ein fünfjähriges Mädchen lebte monatelang alleine in einem Keller, nur mit gelegentlichen Essensrationen von einer Nachbarin versorgt. Ein Junge schlug sich mit seinem kleinen Bruder tagelang im Berliner Stadtwald durch, bis ein besseres Versteck gefunden war. Ein anderer wollte zur Hitlerjugend, bevor er alt genug war, um zu erkennen, dass er einen Führer bewunderte, der seine ganze Familie ausrotten wollte. Das alles geschieht wohlgemerkt im Krieg, inmitten von Bomben, Hunger und Tod. Und es geschieht Kindern, die meist wehrlos sind.

Der vielleicht wichtigste Effekt von Uns kriegt ihr nicht: Die 15 Einzelschicksale zeigen nicht nur das Überleben, sondern sind gewissermaßen ein Vergrößerungsglas, durch das der Normalfall des Nicht-Überlebens sichtbar wird, in all seiner grausamen Systematik: Entrechtung, Vertreibung, Vernichtung. Auch die Alltäglichkeit des Wegsehens gehört dazu. Dass sich ein solches Ausmaß an Unmenschlichkeit in einem Land abspielen konnte, das wenige Jahrzehnte zuvor noch als zivilisiert galt, mag man manchmal kaum glauben. Es sollte Mahnung für die Gegenwart sein.

Bestes Zitat: „Auch wenn sich die Schicksale, das Erlebte und der Umgang damit sehr unterscheiden, eine Frage stellen sich alle Zeugen, die wir trafen: Warum habe gerade ich überlebt? Es ist die eine Frage, die sich über ihr Leben legt. Ohne Zweifel brauchte jeder Einzelne Glück. Natürlich bedurfte es auch eines starken Überlebenswillens und einer gewissen Furchtlosigkeit. Aber das waren keine Garantien. Viele mutige Leute, die sich den Anordnungen des Regimes nicht fügten, sind in der NS-Zeit umgekommen.“

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