Durchgelesen: Tschingis Aitmatow – „Dshamilja“


Autor Tschingis Aitmatow

Tschingis Aitmatow Dshamilja Kritik Rezension

Als Abschlussarbeit verfasste Tschingis Aitmatow diese Novelle.

Titel Dshamilja
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1962
Bewertung

„Ich schwöre es, die schönste Liebesgeschichte der Welt“, schwärmt Louis Aragon auf dem Einband über diese Novelle, die Tschingis Aitmatow als Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau verfasst hatte. Das Zitat ist seinem sehr erhellenden Vorwort entnommen. Allerdings wären seine Betrachtungen als Nachwort noch besser gewesen. Dann könnten sie dem Leser nicht, wie es in dieser Ausgabe leider geschieht, die Möglichkeit rauben, so unverhofft von dieser Geschichte erwischt zu werden, wie es den beiden Liebenden Danijar und Dshamilja einst widerfahren ist. Seine Vorbemerkungen nehmen das Lektüreerlebnis teilweise vorweg – und, schlimmer noch: Sie versuchen, es in eine Richtung zu lenken.

Der Erzähler ist der 15-jährige Said. Dshamilja ist seine Schwägerin. Ihr Mann, Saids älterer Bruder, kämpft im Zweiten Weltkrieg, irgendwo weit entfernt von zuhause. Danijar kommt seinerseits mit einer Kriegsverletzung ins Dorf, wo er ein Fremder ist. Er versucht, niemandem im Weg zu sein und sich bei der Ernte halbwegs nützlich zu machen. Bei der Arbeit dort kommen er und Dshamilja sich näher. Als Danijar eines Tages plötzlich singt, ist das Eis vollends gebrochen: Dhamilja ist hin und weg. Auch Said hat nie etwas Vergleichbares gehört: „Am meisten überraschte mich die Leidenschaft und Glut seiner Melodie. Es war etwas ganz Besonderes daran, aber was, das wusste ich nicht zu sagen, und ich weiß auch heute noch nicht, ob es nur Danijas Stimme war oder etwas Größeres, das unmittelbar aus der Seele des Menschen kommt, etwas, das bei anderen die gleiche Erregung und die verborgensten Gedanken zu wecken vermag.“

Die besondere Magie der Geschichte erwächst nicht nur aus solch poetischen Gedanken, sondern auch aus ihrer Ursprünglichkeit. Das gilt für die Landschaft (Kirgisien), die Lebensbedingungen (mit ein paar Sätzen zu Beginn des Buches zeigt Aitmatow den engen Zusammenhalt der Familien, von denen einige wenig zuvor noch Nomaden waren) und vor allem für die politischen Umstände: Im Kriegsjahr 1943 sollten die Menschen im Dorf andere Sorgen haben als romantische Flausen.

Zudem wird diese Novelle so faszinierend, weil Said als Erzähler in einer Sandwich-Position ist. Eigentlich hat er den Auftrag, ein Auge auf die Frau seines Bruders zu haben und aufzupassen, dass sie nicht in Versuchung oder in Gefahr gerät, während ihr Mann an der Front ist. Zugleich ist er selbst ein wenig in die scheue Dshamilja verliebt. Der ältere, aber vordergründig doch so wenig männliche Danijar könnte also ein Stellvertreter sein, um das verbotene Begehren auszudrücken und zu erfüllen, das in ihm schlummert.

Gerade, weil Said ein Beobachter ist, kein Handelnder, wird Aitmatows Geschichte so unschuldig. Die Liebe ist in diesem Buch keine Sache der Tat, sondern ausschließlich eine Sache des Empfindens. Danijar und Dshamilja finden nicht durch Vorsatz, Plan oder Intrige zusammen. Vielmehr scheint es fast gegen ihren Willen zu geschehen, allein durch die Kraft der Zuneigung, die sie füreinander empfinden. Selbst für Verführung, Betrug und Flucht scheint das hier zu gelten. Auch dieser Effekt wird verstärkt durch den Kniff, einen Pubertierenden als Erzähler zu wählen. Alles im Buch zeige „den Kampf des Alten mit dem Neuen. Allerdings, und darin liegt die Größe dieser Erzählung, wird uns dieser Kampf hier hauptsächlich als innerer, als seelischer Kampf gezeigt“, schreibt Louis Aragon im Vorwort, und natürlich trifft das auch auf Saids Seelenleben zu.

Als Zeuge dieser Liebe bekommt er, selbst noch zu jung, um mehr zu sein als Zeuge, eine Ahnung von der Macht dieses Gefühls. Es ist allerdings eine Ahnung, die sich fast nur auf die Verheißung der Liebe bezieht und kaum auf den Schmerz, der ebenfalls in ihr stecken kann. Die Zuneigung zwischen Danijar und Dshamilja ist so stark, dass sie beinahe sichtbar zu sein scheint, und dieses Leuchten strahlt (auf ihrerseits Fast-Liebende wie Said und auf den Leser) eine unwiderstehliche Anziehung aus. Gerade dadurch wirkt die Liebe in Dshamilja so unbezwingbar, und gerade dadurch hinterlässt diese Geschichte einen solch nachhaltigen Eindruck: Die Liebe entfaltet hier eine Kraft, die stärker ist als alle Traditionen und Gelübde.

Bestes Zitat: „Ich war glücklich. Ich hatte ein Gefühl, als sei ich nach langer Krankheit zum ersten Mal wieder ins Freie gegangen, um die Sonne zu sehen. Der Regen und der Widerschein der Blitze drangen durchs Stroh, aber das störte mich nicht, ich schlief lächelnd ein und konnte nicht unterscheiden, ob Dschamilja und Danijar miteinander flüsterten oder ob der nachlassende Regen im Stroh raschelte.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.