Durchgelesen: Uwe Johnson – „Mutmaßungen über Jakob“


Autor Uwe Johnson

Mußmaßungen über Jakob Uwe Johnson Kritik Rezension

„Mußmaßungen über Jakob“ durfte in der DDR nicht erscheinen.

Titel Mußmaßungen über Jakob
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1959
Bewertung

Dass die Titelfigur tot ist, erfährt man gleich auf den ersten Seiten dieses Romans. Jakob Abs, 28 Jahre alt, pflichtbewusster Angestellter bei der Reichsbahn der DDR in Jerichow, Mecklenburg, wurde in Dresden von einem Zug überfahren, als er die Gleise überqueren wollte.

Die Stärke von Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob ist es, den Weg dahin auf höchst kunstvolle Weise sowohl nachzuzeichnen als auch zu verschleiern und so vor allem die Frage nach dem Warum dieses Todesfalls offen zu lassen: Unfall? Suizid? Auftragsmord?

Mutmaßungen über Jakob erschien 1959, also im Jahr, als Uwe Johnson aus Mecklenburg nach Westberlin übersiedelte – auch, weil er zunehmend Schwierigkeiten hatte, seine Werke in der DDR veröffentlichen zu dürfen. Die angespannte Weltlage, kurz vor Mauerbau und Kubakrise, prägt das Buch. Mit Politik oder gar Ideologie hat Jakob zwar nicht viel am Hut, aber selbst ein Pragmatiker wie er hat in diesen Zeiten keine Chance, sich dem misstrauischen Wettstreit der Systeme zu entziehen, der darin mündet, dass Bürger wie er belauert, verführt und instrumentalisiert werden.

Johnson findet für diese nervöse Atmosphäre eine fast kongeniale Form: ein Mosaik von kaum verbundenen Szenen, aus dem sich die Handlung nur sehr langsam zusammensetzt. Die jeweiligen Erzähler der einzelnen Passagen bleiben dabei unklar, aber das Grundgefühl (Hier stimmt etwas nicht, und zwar auf gesellschaftlicher ebenso wie auf persönlicher Ebene) und die großen Themen (Loyalität, Heimat, Vertrauen, Familie, natürlich die Liebe) sind sofort erkennbar, schon auf den ersten Seiten des Buches.

Sprünge in Zeit und Ort, Kneipenjargon und sehr genaue Milieubeobachtungen gibt es reichlich: Man erkennt deutlich, wie sehr diese Stilmittel beispielsweise Clemens Meyer geprägt haben. Das Unausgesprochene spielt eine große Rolle, ebenso wie die stille Übereinkunft der Menschen im Nordosten zur Nonchalance, die uralte Traditionen und zeitgemäße politische Diskretion vereint.

Jakob selbst („Ich habe einen gesehen, dem man das Leben ansehen kann“ – so wird die Hauptfigur an einer Stelle beschrieben) versucht ebenfalls, von den tages- und weltpolitischen Wirrungen unbeeindruckt zu bleiben. Doch seine Mutter ist gerade in den Westen geflohen, seine Jugendfreundin Gesine lebt dort schon seit Jahren und arbeitet als Übersetzerin im NATO-Hauptquartier – das macht ihn für die Spionageabteilung der DDR interessant und lässt es für ihn unmöglich werden, in einer vermeintlichen Ruhe weiterzuleben, von der er genau weiß, dass er sie selbst mit reichlich Wegschauen, Schönreden und Ignorieren nur konstruiert hat.

Seine wichtigsten Lebensstationen (das Heranwachsen inmitten der Flüchtlingsschicksale der Nachkriegszeit, seine Jugendliebe, kurz vor seinem Tod eine Reise in den Westen und die enttäuschte Rückkehr) werden schemenhaft erkennbar und bestätigen diesen Verdacht. Gerade in dieser vagen Form besteht der Reiz von Mutmaßungen über Jakob: Uwe Johnsons Roman liest sich manchmal selbst wie eine Ermittlungsakte; als hätten alle, die irgendetwas Konkretes über Jakob sagen können, ihre winzigen Hinweise beigetragen, im verzweifelten Versuch, daraus die möglichst vollständige Rekonstruktion einer Biographie zu machen. Doch statt einem stimmigen Gesamtbild bleiben eben nur Mutmaßungen – weil die Zeiten kein stimmiges Gesamtbild eines Lebens erlauben, für niemanden.

Bestes Zitat: „Wie aber verträgt sich ein Ding wie Unbescholtenheit mit der bewundernswerten Vielzahl von Ereignissen in dem Raum der Zeit? Denn eines begibt sich nach dem anderen und bedeutet dies in Gegensatz zu jenem und ist unwiederbringlich dahin in die Zeit: ob einer das beachtet oder nicht, ob er es wünscht oder gutheißt oder es am Ende doch lieber zurücknehmen möchte.“

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