Durchgelesen: Wolfgang Koeppen – „Das Treibhaus“


Autor Wolfgang Koeppen

Das Treibhaus Wolfgang Koeppen Kritik Rezension

„Das Treibhaus“ gehört zu Wolfgang Koeppens „Trilogie des Scheiterns.“

Titel Das Treibhaus
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1953
Bewertung

Zwei Themen stehen im Mittelpunkt von Das Treibhaus: Zum einen die Debatte um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, in der der Bundestagsabgeordnete Keetenheuve, die Hauptfigur des Romans, eine entschieden pazifistische Position vertritt. Zum anderen der Tod seiner Frau Elke, den er noch nicht verwunden hat, auch wenn die Ehe schon längst nicht mehr glücklich war.

Wolfgang Koeppen, geboren 1906 in Greifswald, stellt im Vorwort klar, dass sein Roman nicht auf Tatsachen beruht, sondern „seine eigene poetische Wahrheit“ habe. Er benennt keine Parteien und keine Namen. Trotzdem sind historische Figuren wie Konrad Adenauer mühelos erkennbar, ebenso der Kontext der Restaurationspolitik der Bundesrepublik in der frühen Phase des Kalten Krieges. Das Buch ist deshalb ein Zeitdokument ersten Ranges, wie etwa der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer bemerkt hat: „Keetenheuves Begegnung mit der Bonner Politik enthüllt – treffend, wenngleich oft zugespitzt – so viele Facetten der Wirklichkeit des politischen Lebens im deutschen »Treibhaus«, dass der Roman zum Verständnis deutscher Politik in der Adenauer-Zeit fast unersetzlich ist“, schreibt er in Die Adenauer-Ära – Grundlegung der Bundesrepublik.

Zugleich ist Das Treibhaus natürlich keineswegs eine analytische Bestandsaufnahme, sondern hochgradig poetisch geformt. „Keetenheuve war ein Kenner und Liebhaber der zeitgenössischen Lyrik. (…) Das unterschied Kettenheuve von der Fraktion, bewahrte ihm Jugend und machte ihn unterlegen, wenn es hieß, rücksichtslos zu sein“, lautet an einer Stelle des Romans die Charakterisierung der Hauptfigur. Dass dieser Abgeordnete ein Mann der Bücher ist, findet seine Entsprechung in etlichen Anspielungen auf germanische Sagen, antike Mythen, Märchen und Volkslieder wider, auch Baudelaire und Kafka nehmen prominente Positionen im Strom seiner Gedanken (und in seiner Aktentasche) ein.

Nicht zuletzt sorgen Keetenheuves weh- und reumütige Erinnerungen an seine verstorbene Frau („Sie passten für die Liebe zusammen, doch nicht fürs Leben“, lautet die Bilanz dieser Ehe) dafür, dass hier keineswegs von einem nüchternen, zeitgeschichtlich dominierten Roman die Rede sein kann, sondern ein aufwühlendes, rührendes Werk entsteht. Das Paar hatte sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennengelernt. Sie war damals 16 und Tochter einer lokalen NSDAP-Größe. Keetenheuve war 39 und kam gerade aus dem Exil zurück in die Heimat, um ein neues Deutschland aufzubauen. „Das Kriegsende hatte ihn mit Hoffnungen erfüllt, die noch eine Weile anhielten, und er glaubte, sich nun einer Sache hingeben zu müssen, nachdem er so lange abseits gestanden hatte“, heißt es dazu.

Es ist dieser Idealismus, aus dem Das Treibhaus seine Tragik bezieht. Er führt nicht nur dazu, dass sich der Politiker voll und ganz in seine Arbeit stürzt und darüber seine Gattin vernachlässigt, die sich schließlich bloß noch in den Suff flüchten kann. Er sorgt auch für das Gefühl der Beklemmung, das im Buch allgegenwärtig ist. Das Treibhaus ist der zweite Roman in Wolfgang Koeppens „Trilogie des Scheiterns“, und das hier gemeinte Versagen könnte kaum bitterer sein.

Keetenheuve ist kein Pragmatiker, sondern Intellektueller, ein Außenseiter in seiner Fraktion und im politischen Geschäft. Er hat den Weg in die Politik einst tatsächlich eingeschlagen, weil er sich Sinn davon versprach, für seine Biographie, vor allem aber auch für sein Land und seine Mitbürger. Was nun bleibt, bereits während der ersten Legislaturperiode der Bonner Republik, ist Müdigkeit, Ernüchterung, schließlich die totale Entfremdung von seinem Beruf. Gerade weil dieser Beruf nun einmal der eines Politikers ist, der mit der Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beauftragt ist, bedeutet dies eben auch eine Entfremdung von der ganzen Welt – auch und gerade vom echten Leben, vom Volk, dessen Willen er doch vertreten soll.

„Die Arbeit genügte nicht. Die Politik genügte nicht. Sie schützten ihn nicht vor der ungeheuren Öde des Daseins. Die Öde war sanft. Die Öde tat ihm nichts. Sie griff nicht nach dem Abgeordneten mit langen Gespensterarmen. Sie würgte ihn nicht. Sie war nur da. Sie blieb nur. Die Öde hatte sich ihm gezeigt, sie hatte sich mit ihm bekannt gemacht, und nun waren ihm die Augen geöffnet, nun sah er sie, überall, und nie wieder würde die Öde verschwinden, nie wieder würde sie seinen Augen unsichtbar werden. Wer war sie? Wie sah sie aus? Sie war das Nichts, und sie hatte kein Aussehen. Sie sah wie alle Dinge aus. (…) Alles war die Öde, war das Nichts in einer schrecklichen Unendlichkeit, die unzerstörbar war, denn selbst der Untergang berührte das Nichts nicht. Das Nichts war die wirkliche Ewigkeit“, lautet die Passage, die dieses Gefühl am eindrucksvollsten wiedergibt.

Drei Faktoren lassen diese Öde noch unerträglicher erscheinen: Erstens hat Keetenheuve nach dem Tod seiner Frau keinen anderen Anker in seinem Leben mehr als seine Arbeit im Parlament. Zweitens macht sich in ihm eine unverkennbare Angst vor der modernen Welt insgesamt breit, in der einstige Eckpfeiler wie Familie, Kirchen oder das Klassenbewusstsein immer sichtbarer wegbrechen. Drittens lastet der Schatten des Weltkrieges schwer auf ihm persönlich und auf dem Land. Er hat mitunter fast ein schlechtes Gewissen, dass er – anders als andere Gegner des Dritten Reiches – die Naziherrschaft überlebt hat. „Keetenheuves Kopf saß, wo er hingehörte, kein Fallbeil hatte ihn vom Rumpf getrennt. Sprach das gegen Kettenheuve, oder sprach es, wie einige meinten, gegen die Gewerkschaft der Henker in der Welt?“, fragt er sich an einer Stelle. Die neue Republik betrachtet er vor allem als eine vertane Chance, die umso tragischer ist angesichts des schrecklichen Krieges, der diesen Neuanfang erst möglich gemacht hatte.

Höchst interessant wird dieser Gedanke – etwa beim Blick auf die Krise der EU oder Forderungen aus den USA, die Rüstungsausgaben innerhalb der NATO deutlich zu steigern – auch wegen seiner aktuellen Bezüge. Das Treibhaus liefert höchst interessante Einblicke in den Politikbetrieb insgesamt, in seine Prinzipien, Akteure und Dynamiken. Keetenheuve ist einer der Männer, die wir heute ehrfürchtig „Väter des Grundgesetzes“ nennen, die damals aber keineswegs das Gefühl haben mussten, Epochales zu leisten. Vielmehr fühlten sie sich aufgerieben im Tagesgeschäft, das wie heute bereits kleinliche Anfragen der Bürger, dreiste Forderungen der Lobbyisten, das stete Augenmerk auf die nächste anstehende Wahl und nicht zuletzt die Konflikte innerhalb der eigenen Fraktion umfasste. Spannend ist auch der wiederholte Hinweis auf die (räumliche und mentale) Ghettoisierung von Parlament, Ministerien und Behörden: Politiker leben auf engstem Raum in ihrer eigenen Welt, ebenso wie die Journalisten, die über das Geschehen dort berichten. Heute würde man „Filterblase“ dazu sagen. Nicht zuletzt arbeitet Wolfgang Koeppen in Das Treibhaus auch einen gravierenden Unterschied zwischen 1953 und heute heraus: Dieser Keetenheuve hat, ebenso wie die meisten seiner Kollegen, tatsächlich das Ziel, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, und er verzweifelt lieber und endet in einer persönlichen Tragödie als dass er diesen Anspruch fahren lassen würde – ein Idealismus, der sich heute nur noch wenigen Parlamentariern anmerken lässt.

Bestes Zitat: „Die Geschichte war ein tollpatschiges Kind oder ein alter Blindenlehrer, der allein wusste, wohin der Weg ging, und deshalb rücksichtslos vorantrieb.“

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