Durchgelesen: Wolfgang Schuller – „Die deutsche Revolution 1989“


Wo ist eigentlich der Osten? Das muss man sich bei "Die deutsche Revolution 1989" nicht nur im Titel fragen.

Wo ist eigentlich der Osten? Das muss man sich bei „Die deutsche Revolution 1989“ nicht nur im Titel fragen.

Autor Wolfgang Schuller
Titel Die deutsche Revolution 1989
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung **

Die DDR war schon immer ein Steckenpferd von Wolfgang Schuller, auch wenn sein eigentliches Metier die Alte Geschichte ist. Der gebürtiger Berliner hat „über die Jahre, ob es gerade Mode war oder nicht, die düstere Wirklichkeit dieses Staates ins Licht gestellt“ und „die dauerhafte Fortexistenz des staatssozialistischen Systems früh bezweifelt“, lobte ihn einst die FAZ.

Letzteres ist, um es vorweg zu nehmen, keine gute Voraussetzung für dieses Buch. Die deutsche Revolution 1989 ist in mehrfacher Hinsicht ein seltsames Werk, es krankt aber vor allem an der Distanz des Autors zu seinem Thema. Natürlich sollte man einen gebührenden Abstand bei einem Sachbuch zunächst positiv empfinden. Aber hier geht es um Ereignisse, die jedem Deutschen in Erinnerung sind, die unser Land, die Welt und Millionen von Biografien verändert haben. Der Herbst 1989 brachte eine „Revolution, die in kürzester Zeit scheinbar Unerschütterliches zum Einsturz brachte“, wie er zu Beginn ganz richtig schreibt. Dabei ging es um Mut und Angst, um Zusammenhalt und Misstrauen, um euphorischen Jubel und existenzielle Verzweiflung. Mit anderen Worten: Der Zusammenbruch der DDR war ein hoch emotionaler Prozess. Bei Wolfgang Schuller wirkt er klinisch und kalt.

Als der Umbruch in seiner chronologischen Darstellung Fahrt aufnimmt, wird zwar auch der Autor zumindest ein bisschen mitgerissen. Aber bewegend sind selbst dann nicht seine Gedanken, sondern die Schilderungen von Augenzeugen oder von Demonstranten, die „zugeführt“ wurden oder misshandelt. Ansonsten wirk Schuller weitgehend, als würde er das Leben und Wirken seiner Landsleute wie mit dem Seziermesser untersuchen, streng desinfiziert, ohne Schicksale, Menschen, Gefühle.

Die DDR wirkt hier wie ein Land, das der Autor nur aus Büchern kennt. Das liegt auch daran, dass er fast ausschließlich mit Akten als Quellen arbeitet und nicht etwa, wie etwa Florian Huber in Meine DDR, auf Gespräche mit Zeitzeugen setzt.

Es liegt aber vor allem an seiner Überheblichkeit. Das, was die FAZ als „frühe Zweifel“ am DDR-System bezeichnet, schimmert hier immer wieder durch. Auch da sollte man zunächst meinen: Ein kritischer, skeptischer Blick kann nicht schädlich sein für eine historische Betrachtung. Aber Schullers „Ich habe es immer gewusst“ zwischen den Zeilen ist auf Dauer eine nervtötende Position. Vor allem unterstellt sie, der Untergang der DDR sei zu jedem Zeitpunkt unvermeidbar gewesen, als sei die Geschichte in diesem Punkt vorgeschrieben (was ja paradoxerweise die Geschichtsbetrachtung des Marxismus ist). Dabei räumt der Historiker doch selbst ein (wenn auch erst auf Seite 95), dass „die Entwicklung (…) offen war und nicht notwendig in einer Revolution enden musste…“

Womöglich ist es auch das unverhohlene Genießen seines Triumphs beim Eintreffen der Prognose, die zu einigen handwerklichen Schwächen führt. Den Parforceritt durch die Gründungsjahrzehnte der DDR kann man verzeihen, schließlich soll es in Die deutsche Revolution 1989 um das Ende des Staates gehen, nicht um seinen Beginn. Aber Schuller wird auch wiederholt arg pauschal, ungenau (Fußnoten finden sich leider erst im Anhang, nicht unmittelbar an den Belegstellen) und immer wieder sogar tendenziös. Das reicht bis in die Sprache hinein: Wenn es um Verfehlungen der DDR gibt, wird der sonst so nüchterne Ton plötzlich blumig. Dann ist von „nackter Gewalt“ die Rede oder von „mörderischen Umweltsünden“.

Es gibt aber auch gravierendere Übertreibungen. Schuller spricht von „furchtbaren Straßenschlachten“ in Dresden und belegt das mit einem Protokoll der Volkspolizei, in dem dann lediglich steht, dass „teilweise Steine geworfen“ wurden. In Magdeburg spricht er gar von „Bürgerkrieg auf den Straßen“, der sich dann darin ausdrückt, dass Hundestaffeln zum Einsatz kommen und eine junge Frau „auf die Ladefläche eines mit laufendem Motor bereitstehenden Lastwagens“ geworfen wurde, der dann auch noch „sofort mit ihr abfuhr“. Die Parteiausschlüsse Anfang 1990 (zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus der SED, sondern mittlerweile aus der PDS) vergleicht Schuller mit den stalinistischen Säuberungen, die aber weitaus rabiatere Mittel kannten.

Wundern muss man sich auch über andere Stellen: Sehr treffend stellt Schuller das Überwachungssystem als perfide und omnipräsent dar. Man könne „nicht häufig genug daran erinnern, dass es sich keineswegs um harmlose, letztlich beliebige Proteste handelte. Sie waren vielmehr gegen eine machterprobte, harte, die ganze Gesellschaft durchdringende Diktatur gerichtet. Sie waren staatsfeindlich und gefährlich und wurden von starken Gemütsbewegungen getragen“, schreibt er ganz richtig. Trotzdem behauptet er anderswo, es sei kein politischer Akt gewesen, wenn Menschen in der ersten Phase des Umbruchs mit Parolen wie „Stasischweine“ oder „Freiheit! Menschenrechte!“ durch die Städte zogen. Es sei lediglich „die völlig überzogene und fast panische Reaktion der Staatsmacht selbst [gewesen], die diese kleinen Manifestationen nicht nur aufwertete, sondern überhaupt erst zu politischen Aktionen machte“, meint er allen Ernstes. Fraglich ist auch die Sichtweise, den Kommunismus als rein sowjetisches Phänomen darzustellen. Vor allem in den Vor- und Nachkriegsjahren war er auch in (West-)Deutschland eine verbreitete politische Strömung mit regem Zuspruch und reellen Erfolgsaussichten.

In hohem Maße diskutabel ist auch der Titel des Buchs. Dass das Ende der DDR eine Revolution war, stellt Wolfgang Schuller nicht einen Moment lang infrage, obwohl das in der Forschung durchaus umstritten ist. Im Gegensatz zum etablierten Terminus will er die Revolution auch nicht „friedlich“ nennen (weil das für seinen Geschmack nach „harmlos“ klingt), sondern „gewaltfrei“. Nicht zuletzt ist Die deutsche Revolution ein in gewisser Weise anmaßender Titel, denn korrekt müsste es heißen: Die ostdeutsche Revolution.

Dass Schuller auf diese Genauigkeit verzichtet, ist leicht zu erklären. Der Historiker, der übrigens am 3. Oktober geboren ist, entpuppt sich hier als großer Patriot. An einer Stelle sieht er sich sogar genötigt, den Text der Nationalhymne abzudrucken. Wenn er die Vorgänge in den einzelnen Regionen der DDR beschreibt, verweist er immer wieder auf die „stolze Geschichte“, die landschaftlichen Reize „wundervoller thüringischer Residenzstädte“ oder das Vogtland als „schöne, wirtschaftlich tüchtige Region mit [hört, hört!] eigener Geschichte und eigener Identität“.

Auch dieser Rückgriff auf die Geschichte vor der Existenz der DDR, für den natürlich auch Luther und Goethe herhalten müssen und bei dem Schuller gerne bis ins Mittelalter blickt, soll ganz offensichtlich die historische Einheit Deutschlands unterstreichen – und lässt im Umkehrschluss die DDR wie und lästige Episode erscheinen.

Nicht zuletzt ist diese Igitt-Perspektive und Hybris problematisch, weil sie negiert, dass es Menschen gab, die diesen Staat gelebt, sogar geliebt haben. Für sie war er nicht Forschungsobjekt, Feind oder historisches Unikum, sondern Heimat und Lebenswelt.

Freilich hat Die deutsche Revolution 1989 auch seine Stärken. An erster Stelle ist dabei der Ansatz zu nennen, den Blick mit sehr viel aufwendiger Quellenarbeit immer wieder auch in die Provinz zu richten. Gerade dort wird die unerwartete Dynamik des Geschehens deutlich, gerade dort treten die Gefahren und Widrigkeiten vor Augen, mit denen der Widerstand zu kämpfen hatte. Zudem wird dadurch klar, wie putzig am Beginn der Bewegung die Forderungen waren, die erhoben wurden. „Demokratische Kontrolle“ der Stasi wurde de verlangt (nicht etwa ihre Abschaffung), das Ende des Wehrkundeunterrichts an den Schulen oder die Wiederzulassung der sowjetischen Zeitung Sputnik. Fast nie wird gefordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Das zeigt einerseits die Identifikation mit der DDR, die auch in Teilen der Opposition vorhanden war. Dass zu Beginn des Jahres 1989 kaum jemand wagte, freie Wahlen oder gar die Wiedervereinigung zu verlangen, führt andererseits vor Augen, wie sehr der Staat nach 40 Jahren bereits das Denken seiner Menschen prägte. Wenn man vom Ende her auf den Umbruch blickt und weiß, welche Dynamik das Geschehen dann entwickelt hat, ist es im höchsten Maße erstaunlich, mit welch bescheidenen Ansprüchen und mit wie wenig Hoffnung auf Zuspruch und Akzeptanz die einzelnen Oppositionsbewegungen begannen.

Schuller arbeitet dabei die Bedeutung der KSZE als Hoffnungsträger heraus, und er führt Theater und Kirche (der Name Joachim Gauck kommt übrigens nur zweimal vor, immerhin gibt es aber eine Kurzbiographie im Anhang) immer wieder eindrucksvoll als treibende Kräfte heraus.

Vor allem aber glänzt er bei Betrachtungen der Staatsführung. Schuller spricht von „Realitätsverlust des Politbüros“, und er geißelt sehr gekonnt die Fixierung auf Erich Honecker, der noch ein Stück weltfremder war als der Rest der Führungsriege. „Honecker war offenbar überzeugt, der Pomp und das Feuern aus allen Rohren der staatlichen Propaganda könnten alles andere übertönen, und gab sich ganz dem Rausch des inszenierten Dröhnens hin“, schreibt er über den 40. DDR-Jahrestag am 7. Oktober 1989. In Plauen gingen zeitgleich die Massen auf die Straße, und Schuller ist zumindest im Fall der SED-Bonzen gut in der Lage, sich in ihre ideologische Unbeweglichkeit hineinzuversetzen: „Die Konterrevolution war da. Aber was sollte man jetzt machen?“

Sehr gut zeichnet er auch nach, wie eine Phase der „hilflosen Resignation“ auf dem Höhepunkt der Proteste (in der die Parteiführung immerhin erkannte, „die Alleinherrschaft nicht durch nackte Gewalt behaupten beziehungsweise wiederherstellen zu können.“) übergeht in Versuche, sich der stürmischen Entwicklung anzupassen. „Die Demonstranten begannen, die Entwicklung zu bestimmen, und die unsicher gewordene Partei versuchte, den Anschluss zu finden. Vergeblich.“ Schuller hat gute Argumente für seine These, dass es gerade die Versuche der SED waren, in der Wendezeit wieder Fuß zu fassen, die im Volk die Ausrichtung nach Westen und den Wunsch nach Wiedervereinigung verstärkten. Ohne diese Bedrohung durch eine Restauration der SED-Macht hätte sich die Opposition womöglich stärker auf Erneuerung und Reform einer eigenständigen DDR konzentriert, was ja am Beginn der Protestbewegung das Ziel war.

Lesenswert sind auch Schullers Gedanken über die Frage, warum der Umbruch eine Revolution ohne Helden war. Da finden sich dann doch ein paar Passagen, in dem er seine Landsleute auf der anderen Seite der Mauer zumindest auf Augenhöhe sieht. Der Autor macht sich gerne lustig über die abenteuerlichen technischen Bedingungen bei der Arbeit der Opposition, auch über Rechtschreibfehler in Flugblättern. Aber er stellt auch den persönlichen Mut heraus, den Tausende an vielen Orten in der DDR an den Tag gelegt haben: „Immer noch musste man Angst haben. Angst davor, niedergeknüppelt zu werden, Angst vor dem spurlosen Verschwinden in MfS-Gefängnissen. Wer auf die Straße ging, tat das, obwohl er allen Grund hatte, sich zu fürchten.“

Dennoch bleibt der Eindruck, dass diese Monographie ganz viele Dimensionen ausblendet. Die Revolution erscheint bei Schuller oft rückwärtsgewandt, wie getrieben von der Sehnsucht nach der Wiederherstellung eines alten (Normal-)Zustands. Diese Sehnsucht war aber keineswegs der Ausgangspunkt des Umbruchs, sie ist allenfalls eine persönliche Sehnsucht des Autors. Er verkennt, wie gründlich das DDR-System ideologisch gearbeitet hat und wie wenig insbesondere junge Leute, die ja die treibenden Kräfte des Umbruchs waren, mit Begriffen wie „Thüringen“ oder gar „Schlesien“ anfangen konnten (und wollten). Ihnen ging es nicht um Restauration, sondern darum, die Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Bestes Zitat: „Karl Marx hatte auch hier wirklich recht, nur, wie so oft, nicht im Sinne der staatssozialistischen Exegeten, sondern genau umgekehrt: Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Dagegen war die Parteidiktatur machtlos.“

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