Eduard von Keyserling – „Wellen“


Autor Eduard von Keyserling

Wellen Eduard von Keyserling Kritik Rezension

Die feine Gesellschaft genießt in „Wellen“ das Strandleben.

Titel Wellen
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1911
Bewertung

Zwei Faktoren haben die Wahrnehmung von Wellen geprägt, dem bekanntesten Roman von Eduard von Keyserling. Zum einen die Tatsache, dass der Autor, Jahrgang 1855 und einer angesehenen Familie des baltischen Landadels entstammend, bereits blind war, als er dieses Werk als gut 50-Jähriger verfasste. Er diktierte es, wie sein gesamtes Spätwerk, seinen Schwestern, mit denen er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte. Zum anderen wird Wellen vor allem als Dokument der letzten Zuckungen des deutschen Adels vor dem Ersten Weltkrieg betrachtet, der Autor somit als Chronist einer untergehenden Epoche.

Für beides finden sich bei der Lektüre gute Argumente. Schauplatz des Romans ist ein unbenannter Badeort an der Ostsee um die Jahrhundertwende, und die Landschaftsbeschreibungen sind oft so eindrucksvoll und intensiv, dass man sich gut vorstellen kann, der seines Augenlichts beraubte Autor habe sich an die Bilder seiner Jugend erinnert, so genau wie möglich, und damit zugleich die Erinnerung an seine Heimat heraufbeschworen.

Dass man Keyserling dem literarischen Impressionismus zurechnet, überrascht ebenso wenig wie die Tatsache, dass eine der Hauptfiguren (wie auch in anderen Werken dieses Autors) ein Maler ist. Manche der besonders detaillierten Landschaftsbilder klingen in der Tat, als seien sie als Anweisungen zum Gestalten eines Gemäldes gedacht, etwa hier: „Der Himmel wurde jetzt farbig, die Wolken am Horizont bekamen dicke goldene Säume, und eine Welle von Rot übergoss den Himmel. Auch in das Graugrün des Meeres mischten sich blanke Fäden, und die Höhlungen der brechenden Wellen am Strande füllten sich mit Rosenrot, und plötzlich begann das Meer weiter dem Horizonte zu ganz in Rotgold zu brennen.“

Es ist diese romantische Landschaft, die in fast allen Protagonisten des Romans Gefühle von Größe, Ewigkeit, Freiheit und Wildheit inspiriert, die für sie selbst ebenso überraschend wie gefährlich sind. Denn die Landpartie der gehobenen Gesellschaft, von der Keyserling erzählt, fällt in eine Zeit, in der Sittlichkeit und Manieren das oberste Gebot sind. Selbst im Urlaub regieren Etikette und Konventionen; Aufbegehren wird nicht einmal den Kindern erlaubt, Romantik nicht einmal den Verliebten.

Wellen wird so zu einem treffenden Porträt der Gesellschaft der Jahrhundertwende. Die brüchige Stimmung von Fin de siècle können auch die Protagonisten des Romans nicht leugnen. Der Adelstitel, den die wichtigsten Figuren durchweg haben, ist schon zu dieser Zeit ein Relikt aus einer längst vergangenen Ära. Ihrer ursprünglichen Bedeutung als Lehns- oder Feldherren, als Legislative oder Exekutive ist diese Kaste um 1900 bereits weitgehend enthoben, wenig später sollten Oktoberrevolution und Erster Weltkrieg sie auch formal pulverisieren. Alles, was dem Adel noch geblieben ist und was deshalb umso stärker betont wird, ist die Abgrenzung gegenüber anderen gesellschaftlichen Schichten sowie das Bestehen auf Traditionen. Noch verstärkt wird dieser Aspekt hier durch den Schauplatz: Die deutschen Adligen im Baltikum, zu denen Keyserling selbst gehörte und die um 1900 auf eine lange Historie kulturelle Eigenständigkeit zwischen Russland und dem Reich zurückblicken konnten, sollte es schon bald nicht mehr geben.

Vorderste Vertreter dieser hochgradig selbstbewussten Aristokratie ist in Wellen die Generalin Palikow. Sie ist mit ihrer Tochter, der Baronin Buttlär, zum Strandaufenthalt gekommen. Zur Gesellschaft gehören auch die Enkelinnen Lolo und Nini, ihr etwas jüngerer Bruder sowie später ein besonders leidenschaftlicher Leutnant, der mit Lolo verlobt ist. Im Urlaub haben sie noch weniger zu tun als ohnehin schon. Immerhin bietet sich ihnen aber bald eine perfekte Gelegenheit, ihren Standesdünkel auszuleben und sich mit reichlich Lust auf Tratsch vom Müßiggang abzulenken: Wie sich herausstellt, hat im Ort auch Doralice Zuflucht gefunden, eine Schönheit aus gutem Hause, die ihren Ehemann, einen alten Grafen, für den Maler Hans Grill verlassen und so einen Skandal ausgelöst hat. Früher war man sich oft bei repräsentativen Anlässen begegnet, jetzt will die Generalin am liebsten nichts mehr mit Doralice zu tun haben.

Ganz anders sieht es allerdings mit ihrer Entourage aus: Doralice ist zwar gebrandmarkt durch die Scheidung, aber gerade der Mut, ihrem Herzen gefolgt zu sein statt den gesellschaftlichen Konventionen, macht sie für Lolo als Vorbild hochgradig attraktiv, ihr Bräutigam begehrt Doralice hingegen schnell wegen ihrer Schönheit. „Ich sehe dann nur eines, ich will dann nur eines, das Ziel. Ich will es so stark, ich will es so einzig, ich bin so voll davon bis in jeden Nerv, dass ich mich wundere, dass das Ziel mir nicht entgegenkommt. So nur eins wollen, nur eins sehen und darauf zujagen, das ist eigentlich die einzige Art, wirklich zu leben“, offenbart sich der Leutnant schon bei einer der ersten Begegnungen.

Es gibt noch weitere solch schwärmerische Kavaliere in Wellen, die teils aus Geltungssucht zu Romanzen neigen, teils aus schierer Langeweile. Viel eindrucksvoller sind allerdings die Frauenfiguren, die durchweg unglücklich sind, und zwar wegen ihrer Bevormundung durch die Männer. Lolo ahnt, dass ihr dieses Schicksal bevorsteht, die Generalin meint, sich durch die Autorität ihres Alters über die Sehnsucht hinweggesetzt zu haben, die sicherlich auch in ihr einmal zu spüren war. Vor allem Doralice selbst erkennt, dass die Flucht aus den Armen ihres Grafen in die eines anderen Mannes für sie auch keine Erfüllung bringen wird: Der Maler Hans inszeniert sich zwar als Freidenker, erst recht, als mit dem Leutnant ein Nebenbuhler aufgetaucht ist, hat aber sehr kleinbürgerliche Lebensziele wie ein kleines Häuschen im Vorort einer Großstadt, in dem seine Gattin die brave Hausfrau spielen soll.

Diese innere Aufgewühltheit steht in einem sehr eindrucksvollen Kontrast zum reservierten Verhalten des Figurenensembles: Selbst Liebeserklärungen werden überaus höflich vorgetragen, selbst Selbstmordversuche werden dezent umgesetzt. Die Stärke von Wellen ist dabei einerseits die Subtilität, mit der Keyserling diese sehr intensive Atmosphäre schafft, zugleich die Einfühlsamkeit, mit der er sich mit seinem polyperspektivischen Erzählen in die Figuren von der strengen Preußin bis zu den einfachen Fischersleuten des Ortes hineinversetzt.

Der stärkste Protagonist ist dabei tatsächlich das Meer. Es dominiert alles, nicht nur im Leben der Menschen an diesem Strand, sondern auch im Roman. Wellen und Brandung, Gischt und Sturm, die Farbe des Wassers und die Güte des Fischfangs sind zugleich Spiegel des Innenlebens der Charaktere als auch der Zeitläufe. Auch hier entwirft der Autor einen Kontrast, der dem Buch viel Spannung verleiht: Das Meer ist immer in Bewegung, scheinbar jeden Tag anders, aber die Gesellschaft an seinem Ufer ist statisch und bietet keiner der Figuren eine Chance auf Entwicklung.

Bestes Zitat: „Es ist ja dumm, immer das Leben zu leben, das die anderen sich für uns ausdenken.“

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