Ein Fiasko


Die vorläufige Bilanz der Erntehelferregelung ist desaströs: Ein Zehntel der bisherigen Saisonarbeiter sollte in diesem Jahr durch Arbeitslose ersetzt werden, hatten Agrarminister Horst Seehofer und Arbeitsminister Franz Müntefering vereinbart. Statt untätig herumzusitzen, könnten die Erwerbslosen genauso gut bei Obsternte, Weinlese und Spargelstechen mittun, war ihr vordergründig einleuchtender Gedanke. Doch das Ergebnis ist ein Fiasko.

In erster Linie für die Bauern: Sie haben zum Teil schon weniger angebaut, weil sie mit Arbeitskräftemangel rechneten – wie sich herausstellte, völlig zu Recht. Wegen fehlenden Personals wurde weniger geerntet, zum Teil vergammelten die Früchte auf den Flächen. Einige Landwirte stehen nach Verbandsangaben wegen dieser Ausfälle sogar vor dem Ruin – damit sind weitere Arbeitsplätze gefährdet.

Einbußen brachte die neue Regelung auch für zahlreiche der bisherigen Helfer, die oft aus Polen stammen. Selbst wenn sie sich bisher als arbeitswillig bewährt hatten und zum Teil bereits jahrelange Erfahrung mitbrachten, konnten manche von ihnen in dieser Saison nicht ihr Einkommen aufbessern, weil ihre Stelle für einen deutschen Arbeitslosen reserviert war, der dann – laut Statistik des Bauernverbandes – in zwei von drei Fällen gar nicht kam.

Ein schlechtes Licht werfen diese Zahlen auch auf die Arbeitslosen. Ihr Leistungswille und ihre Belastbarkeit erscheinen zumindest fragwürdig. Doch man macht es sich zu einfach, wenn man die schockierende Bilanz den vermeintlichen Drückebergern in die Schuhe schiebt. Die allermeisten Arbeitslosen haben eine ordentliche Ausbildung und mitunter beachtliche Berufserfahrung. Dass sie sich fragen, warum sie plötzlich als Hilfsarbeiter in einem völlig fremden Metier eingesetzt werden sollen, ist nachvollziehbar.

Ein Fiasko ist die Erntehelfer-Bilanz deshalb vor allem für die Politik. Sie hat es nicht nur versäumt, dafür zu sorgen, dass qualifizierte Jobs in Deutschland entstehen können und erhalten bleiben. Sie muss nun auch noch erkennen, dass man Beschäftigung nicht zwangsverordnen kann, dass das Anforderungsprofil der Betriebe zu den Fähigkeiten und Interessen der Bewerber passen muss – ein Aspekt, der auch in der Diskussion um die Ausbildungsplatzabgabe zu selten berücksichtigt wird. Und vor allem muss die Politik aufhören, die Erwerbslosen bloß als Manövriermasse zu betrachten, die mal bei der Ernte, mal beim Straßenfegen und mal als Hilfslehrer eingesetzt werden kann. Arbeitsmarktpolitik muss mehr sein als Beschäftigungstherapie. Sie muss auf eine individuelle und qualifizierte Auseinandersetzung mit den Betroffenen ausgerichtet sein. Dann dürfte auch deren Motivation wieder steigen.

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