Ein Jahr nach Fukushima: Aussteigen reicht nicht 1


Es ist verwunderlich. Die Stromversorger erhöhen flächendeckend die Preise. Der schwelende Konflikt mit dem Iran lässt die Energiekosten weiter in die Höhe klettern. Die von der Bundesregierung gerade beschlossene Kürzung der Photovoltaik-Förderung ist Wasser auf die Mühlen derer, die partout nicht an das Gelingen der Energiewende in Deutschland glauben wollen. Trotzdem versucht in diesen Tagen niemand ernsthaft, die Renaissance der Atomenergie heraufzubeschwören. Der Grund dafür heißt: Fukushima.

Die Bilder der Katastrophe in Japan sind nach wie vor präsent, und der Jahrestag des Reaktorunglücks ist eine gute Gelegenheit, sich die apokalyptische Zerstörungskraft eines Super-Gaus noch einmal in Erinnerung zu rufen. Nur ein Bruchteil der Radioaktivität, die 25 Jahre zuvor in Tschernobyl ausgetreten war, wurde in Fukushima freigesetzt. Trotzdem wird es nach Berechnungen der japanischen Regierung 10,5 Milliarden Euro kosten, die Folgen des Reaktorunfalls in der Region zu beseitigen. Die unmittelbare Umgebung des Kraftwerks wird auf Jahrzehnte unbewohnbar bleiben. 100.000 Menschen sind aus ihrer Heimat geflohen. Und die, die geblieben sind, sehen sich umgeben von einem unsichtbaren Feind.

Fukushima hat endgültig bewiesen, dass die Atomenergie nicht beherrschbar ist. Auch in einem Hochtechnologieland wie Japan sind Katastrophen mit verheerenden Folgen und unvorstellbaren zeitlichen und räumlichen Dimensionen nicht auszuschließen. Und auch in einem gut organisierten Staat mit disziplinierten Bürgern bleibt im Ernstfall lange Zeit nichts als die blanke Hilflosigkeit.

Dass man nun selbst in Tokio über einen Atomausstieg nachdenkt, ist nachvollziehbar. Dass die Bundesregierung kurz nach dem Unglück von Fukushima ihren Ausstieg vom Ausstieg zurückgenommen hat, war richtig.

Doch ein Jahr später sollten wir nicht nur der Opfer gedenken und uns erneut der Gefahren bewusst werden. Es gilt auch zu fragen, was seitdem passiert ist. Die Antwort lautet: nicht viel. Deutschland hat nach dem Fukushima-Schock energiepolitisch die Hand schreckhaft von der heißen Herdplatte genommen. Aber niemand hat die Herdplatte ausgeschaltet, und niemand kümmert sich vernünftig darum, für die Zukunft eine Ersatzmöglichkeit zum Kochen zu schaffen.

Die vollmundigen Versprechungen der Bundesregierung haben offensichtlich eine deutlich geringere Halbwertszeit als das radioaktive Material, das beispielsweise in den Brennstäben der nach wie vor neun aktiven deutschen Kernkraftwerke zurückbleibt. Denn diese Atomkraftwerke wurden nur dürftig nachgerüstet. Für die Entsorgung des bis zum endgültigen Ausstieg im Jahr 2022 anfallenden Atommülls gibt es weiter keine Lösung. Und die von der Kanzlerin versprochene Energiewende droht dramatisch an Schwung zu verlieren. Durch die gekürzte Förderung wird sich das Wachstum beim Solarstrom verlangsamen. Beim Ausbau von Offshore-Windparks hinkt Deutschland bereits zwölf Monate hinter dem Fahrplan her. Speichermöglichkeiten für Strom aus erneuerbaren Quellen fehlen, die Netze müssen dringend ausgebaut werden.

Wenn der schwarz-gelbe Atomausstieg mehr bleiben sein soll als ein taktisches Manöver, dann muss sich die Bundeskanzlerin diese Themen dringend wieder auf den Tisch ziehen – und Druck machen.


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Ein Gedanke zu “Ein Jahr nach Fukushima: Aussteigen reicht nicht

  • Alex

    War irgendwie abzusehen, dass es die schwarz-gelbe Regierung mit dem Atomausstieg nicht so ernst nimmt. Klar, direkt nach der Katastrophe musste gehandelt werden, damit man keine Wähler verliert. Nachdem das Thema in den Medien dann aber wieder ausreichend abgeflacht ist, kann man ja die Solarförderung wieder kürzen – ein Großteil des Stimmviehs wirds schon nicht merken oder es wird ihen schon egal sein. Die Emotionen von Fukushima werden schon abgeflacht sein. Populismus in Reinform.
    Hier auch ein interessanter Screenshot einer Website der schweizer Atomlobby vor und nach dem Unfall in Fukushima: http://alexbloggt.com/?p=168