Ein Selbstversuch im Eishockey


Es war ein Riesenspaß. Und das Aufstehen nach einem Sturz habe ich jetzt perfekt drauf. Foto: Charlie Rolff

Es war ein Riesenspaß. Und das Aufstehen nach einem Sturz habe ich jetzt perfekt drauf. Foto: Charlie Rolff

Ein einziges Mal in meinem Leben war ich Schlittschuhlaufen gewesen. Ich hatte damals eine Wette verloren und musste mich dann auf dem Weihnachtsmarkt zum Affen machen. Mit Glühwein tröstete mich die junge Frau, gegen die ich die Wette verloren hatte, später über die Demütigung hinweg.

Ich ahnte also schon: Das Eis ist nicht mein Geläuf. Der Gedanke an tolle Spielzüge, gekonnte Schlenzer und perfekte Direktabnahmen war dennoch reizvoll. Und vielleicht konnte man sich mit diesem Schläger ja auch irgendwie abstützen.

Beim Betreten der Eishalle in Lauterbach überwiegt trotz eines mulmigen Gefühls die Vorfreude. Es läuft gerade das Anfängertraining. Doch die Kids, die da über die Eisfläche flitzen, sehen nicht gerade wie Anfänger aus. „Lemieux“ oder „Gretzky“ steht auf ihren Trikots – und so wirken sie auch auf mich. Slalom, Rückwärtslaufen, Sprint – für die angeblichen Anfänger alles kein Problem. „Um so laufen zu können wie die, muss man mindestens ein Jahr trainieren“, sagt Ilona Höhl, die beim VERC Lauterbach unter anderem für das Eishockey zuständig ist. So viel Zeit habe ich leider nicht. Mit Bullys, Bauerntricks und Bodychecks würde es heute also wohl nichts mehr werden.

Für mich gilt es zunächst einmal, einige erste Schritte zu wagen. Trainer Rudolf Thomas will mich ohne Helm nicht aufs Eis lassen. „Bei Anfängern hatten wir hier schon den Notarztwagen“, erzählt er. Das ist ja beruhigend. Schließlich bekomme ich einen Helm und öffne die Tür der Spielerbank. Mein erster Eindruck: Es ist glatter als man denkt. Ich wollte versuchen, nicht zu vorsichtig zu sein. Meine Theorie: Alle Anfänger fallen bloß deshalb ständig hin, weil sie zu zaghaft sind und umherzappeln. Die Beine immer schön zur Seite, so schwer kann das doch nicht sein.

In der Tat komme ich ganz gut voran. Der erste Versuch, die Richtung zu ändern, geht aber gleich schief. Bevor ich auf dem Hosenboden lande, kann ich mich gerade noch an der Bande festklammern. Niemand lacht, immerhin.

So geht das dann ein paar Mal. Irgendwann habe ich das Lenken raus, doch zum Bremsen muss ich noch immer gegen die Bande fahren. Jeder Versuch, etwas Neues zu probieren, wird mit einem Ausrutscher bestraft. Schließlich gehe ich vom Eis, entnervt ob meiner geringen Fortschritte. Die Anfänger trainieren derweil Slalomfahren. Ich frage mich, warum ausgerechnet sie alle so gut gepolstert sind, obwohl sie doch nie stürzen.

Vor der nächsten Trainingseinheit werde auch ich gepolstert. Es gilt, die Ausrüstung anzulegen – und das ist fast schon eine Sportart für sich. Die Spieler schleppen riesige Taschen in die Kabine. Ihre Schlittschuhe sehen aus wie neueste Errungenschaften der Raumfahrt-Technologie, einige Schläger wirken wie aus einem Mad Max-Film. Zwei Nachwuchs-Cracks trainieren schon beim Umziehen ihren Schlagschuss, indem sie mit einem Tennisball auf die Sitzbänke zielen. An der Wand hängen Poster von halbnackten Frauen. Es riecht nach Sportunterricht. Ein bisschen fühle ich mich schon wie ein Eishockeyspieler.

Einer der Jungs erklärt mir, in welcher Reihenfolge man die Riesentasche leert. Zunächst streift man sich den Schweißanzug über (warum dieser weiße Overall so heißt, werde ich später noch erfahren). Darüber kommen die Schienbeinschützer, die bis über die Knie reichen und mit Klebeband am Bein befestigt werden. Dann der Tiefschutz, die Stutzen mit Strumpfhalter, die Ellbogenpolster, der Umhang für Schultern, Rücken und Brust, schließlich die gut gefütterte Hose.

Über all diese Schützer nach das Trikot zu bekommen (passenderweise hat man mir die Nummer 13 zur Verfügung gestellt), ist gar nicht so einfach. Schließlich fehlen noch der Helm, die Handschuhe und – nicht zu vergessen – die Schlittschuhe. Die Kufen sind scharf genug, um Kartoffeln damit zu schneiden. „Gut geschnürt ist halb gewonnen“, hatte man mir gesagt. Je fester der Fuß im Schlittschuh steckt, desto mehr Stabilität hat man später auf dem Eis. Und Stabilität ist inzwischen alles, was ich mir noch erhoffe.

Derlei Jubel ist nicht gern gesehen, lerne ich. Foto: Charlie Rolff

Derlei Jubel ist nicht gern gesehen, lerne ich. Foto: Charlie Rolff

In kompletter Montur fällt das Eislaufen erstaunlicherweise leichter. Mit dem Schläger in der Hand bekommt man fast automatisch die richtige Körperhaltung, leicht nach vorne gebeugt. Außerdem kann man mit diesem, pardon, Stock auch kleine Ausrutscher ausbalancieren. Drahtseilakrobaten haben ja schließlich auch so ein Ding, dabei ist deren Seil nicht einmal rutschig, denke ich mir.

Als das Ausbalancieren dann doch nicht klappt, stelle ich erfreut fest, dass die Polsterung ganz ausgezeichnet funktioniert und selbst die ungelenksten Stürze kaum Schmerzen nach sich ziehen. „Ich bin jetzt 15 Jahre beim Eishockey. Und bis auf einen Schlüsselbeinbruch gab es dabei nie eine ernsthafte Verletzung“, hatte mir Schatzmeister Bertram Höhl erzählt, und das kann ich nun verstehen. Körperliche Unversehrtheit scheint die Ausrüstung zu gewährleisten.

Ich wage mich also an den Puck. Der erste Schussversuch endet mit einem lauten Schlag. Statt das Hartgummi zu treffen, habe ich ein veritables Loch ins Eis gehauen. Die Scheibe hat sich derweil nicht von der Stelle bewegt. „So einen Schläger kann auch schon mal durchbrechen“, mahnt Bastian Heinemann, der mir die Grundbegriffe erklärt.

Auch, als ich es mit etwas weniger Schwung versuche, bleibt das Schießen schwierig. Zu meiner Überraschung ist es gar kein Problem, beim Ausholen das Gleichgewicht zu halten. Stattdessen scheitere ich am Timing. Die Scheibe bewegt sich stets anders, als man denkt (meist schneller), man selbst kommt leider nicht dann zum Stehen, wenn man in der günstigsten Schussposition ist.

Zudem muss man sich derart auf die kleine Scheibe konzentrieren, dass man kaum mehr schauen kann, wo das Tor überhaupt steht. Beim fünften Anlauf treffe ich immerhin schon einmal den Pfosten. Der siebte Versuch ist dann gar im Tor. Ein platzierter Flachschuss aus spitzem Winkel, der mich in spontanen Jubel samt Becker-Faust ausbrechen lässt. „Sowas macht man beim Eishockey eigentlich nicht“, belehrt mich Bastian Heinemann, der sonst bei den Kassel Huskies trainiert.

Grund zum Jubeln habe ich danach ohnehin nicht mehr viel. Mit der Anstrengung (der Schweißanzug macht seinem Namen alle Ehre) lässt leider die Kraft nach und ich knicke immer öfter weg, was jede koordinierte Bewegung auf dem Eis unmöglich macht. Zumindest eines beherrsche ich am Ende der Trainingseinheit aber in Perfektion: das Aufstehen nach einem Sturz.

Er habe schon untalentierte Schützlinge gehabt, tröstet Bastian, als wir vom Eis gehen. Das kann ich kaum glauben. Ein Riesenspaß war es dennoch. Und beim nächsten Weihnachtsmarkt werde ich mich vielleicht sogar wieder aufs Eis wagen – auch ohne Wette.

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