Erdmöbel – „Hinweise zum Gebrauch“


Künstler Erdmöbel

Hinweise zum Gebrauch Erdmöbel Kritik Rezension

Eine Anleitung für das Leben ist „Hinweise zum Gebrauch“ im weitesten Sinne.

Album Hinweise zum Gebrauch
Label jippie! Industrie
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Darf man das? Erschlagt die Armen heißt ein Lied auf dem heute erscheinenden neuen Album von Erdmöbel. Die Band aus Köln behandelt darin eine Gewalttat an einem Obdachlosen, zunächst vermeintlich aus der Perspektive des Opfers, dann anscheinend aus der des Täters. „Erschlagt die Armen“, heißt es tatsächlich im Refrain, der so einnehmend ist, dass man diese Aufforderung fast ernst nehmen könnte.

Natürlich ist sie nicht als Appell zur gewaltsamen Ausrottung des Prekariats gedacht, ein paar politische Diskussionen mussten Sänger Markus Berges, Bassist, Multiinstrumentalist, Arrangeur und Produzent Ekki Maas sowie Proppe (Tasteninstrumente) und Chris Dewueb (Schlagzeug) dann allerdings doch führen, als es um ihr nunmehr neuntes Studioalbum ging. Auslöser war allerdings ein anderes Lied: In Barack Obama geht es um den Tod von Al Jarreau, den es beinahe unmittelbar nach der Bekanntgabe seines Ruhestandes dahingerafft hatte wie einen Witwer, der jahrelang bester Gesundheit ist und dann ein paar Tage nach dem Tod seiner geliebten Frau plötzlich auch stirbt, weil er das Leben wohl nicht mehr lebenswert findet. Berges wandelt für den Text die Meldung einer Nachrichtenagentur über den Tod des Sängers, der einen seiner letzten Auftritte im Weißen Haus absolvierte, nur leicht ab, mit erstaunlichem Effekt.

Die Idee, deshalb auch den damaligen Hausherren aus Washington aufs Plattencover zu heben, fand jedoch nicht bei allen im Erdmöbel-Umfeld unmittelbar Anklang. „Es gab heftige Diskussionen“, erinnert sich Markus Berges. „Das ging bis in unsere Familien hinein, wo wir darüber stritten, ob es denn möglich sein dürfe, die amerikanische Flagge auf einem Erdmöbel-Cover zu zeigen.“

Wie man sehen kann, fiel die Entscheidung pro Obama aus. Die Debatte dahinter ist in jedem Fall bezeichnend für die Prinzipien des Albums, denn dass es in einem Lied namens Barack Obama in Wirklichkeit um Al Jarreau geht, und auf einer Platte mit dem Konterfei des US-Präsidenten um so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für die Welt, zeigt den Spaß, den Erdmöbel auf Hinweise zum Gebrauch mit Täuschung und Verwirrung haben – inklusive der Entwicklungen, die ihnen selbst rätselhaft sind.

Rasenmäher erweist sich als Liebeslied, das ebenso schön wie mysteriös (also: faszinierend) ist. Bei Svenja und Raul lässt Berges an zentralen Stellen wichtige Wörter weg, um den Inhalt zu verschleiern, der Sound dazu klingt, als habe Jamiroquai einen Doppelkorn-Kater. Kurz zuvor attestieren Erdmöbel zum lupenreinen Discofox-Beat: „Das hier ist die Party deines Lebens“, wohl verbunden mit dem Wink: Du hast nur dieses eine Leben, falls dieser vollkommen assoziative Text überhaupt eine Interpretation zulässt. Der Titelsong Hinweise zum Gebrauch nimmt all die kleinen Zwänge und Freuden des Alltags in den Blick und die Erkenntnis, wie gottverdammt schwer es sein kann, darin wenn schon nicht Sinn zu finden, dann wenigstens den Überblick zu wahren.

„Es geht mir nicht um Emotionen, sondern um Poesie. Denn Gefühle sind erwartbar, Poesie schlägt überraschend zu“, begründet Berges diese Methode, die bei Erdmöbel schon seit 1993 bestens funktioniert. Ein wichtiges Element dabei ist ein ebenfalls so schwer zu fassender Begriff wie Charme: Er liegt in der markanten Stimme, der ungewöhnlichen Instrumentierung, den exotischen Rhythmen, den lyrischen Rätseln – und er bewahrt auch die Songs auf Hinweise zum Gebrauch davor, langweilig zu sein, obwohl sie weder versuchen, sonderlich spektakulär noch sonderlich einnehmend zu sein.

Tutorial ist ein gutes Beispiel dafür. Der Song vertont eine YouTube-Anleitung zur Frage, wie man auf Befehl weinen kann. Für das Video hatten Erdmöbel etliche deutsche Schauspielstars gewinnen können, aber gerade ohne diese Bilder bekommt das Stück hier einen fast hypnotischen Effekt. Stilecht als Bossanova besingen sie die Veloso Bar in Rio de Janeiro und den Moment, als Antonio Carlos Jobims Mädchen von Ipanema dort herein kam, alle betörte und schon bald zur größten Attraktion des ganzen Strands wurde.

Die gute alte Musikkassette wird in Ich bleibe jung zum Symbol für das eigene Heranwachsen. Das Lied erzählt die Geschichte einer Jugendliebe und vom Tag, als sie zu zerbrechen begann, weil eine Person sich der Welt der Erwachsenen fügen musste, die andere Person aber eben entschied: „Ich bleibe jung.“ Darin steckt im Rückblick vielleicht auch die verschämte Frage, welche dieser Entscheidungen die richtige war. Das beste Lied des Albums ist ein Duett mit Judith Holofernes, dem der Reggae-Beat viel Leichtigkeit verleiht, die Bläser die nötige Kraft. Es ist ein Aufruf, nicht zum Zyniker zu werden, und der Titel des Songs hätte auch gut für das gesamte Album gepasst: Hoffnungsmaschine.

Das Ding im Video sieht so ähnlich aus wie die Hoffnungsmaschine von Mambo Kurt.

Website von Erdmöbel.

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