ESC-Expertencheck: Roman Lob kann wirklich singen


Klarer Favorit bei den Buchmachern: Schweden. Foto: Betfair/obs

Klarer Favorit bei den Buchmachern: Schweden. Foto: Betfair/obs

Europa steht am Abgrund. Man braucht gar nicht den Wirtschafts- oder Politikteil der Zeitung aufzuschlagen, um Bestätigung für diese These zu finden. In diesem Jahr reicht es, wenn man den Eurovision Song Contest anschaut.

Der Kontinent steht Kopf, ewige Wahrheiten gelten nicht mehr, über die althergebrachten Regeln wird nur noch höhnisch gelacht. Die Sängerin, die für Griechenland ins Rennen geht, kommt aus Zypern (sieht aber aus wie Shakira, die bekanntlich Kolumbianerin ist). Die rumänischen Vertreter singen auf Spanisch (sehen dabei aber aus wie Seeed, die bekanntlich aus Berlin kommen). Die dänische ESC-Stimme wurde in Guatemala geboren, die Finnen singen auf Schwedisch, die Holländer tragen Indianerschmuck und San Marino will sich ausgerechnet von Ralf Siegel erklären lassen, wie das Internet (angeblich) funktioniert.

Es gibt auch ein paar ganz ernsthafte Anzeichen für den Niedergang der Alten Welt. Montenegro wagt mit Euro-Neuro eine halbwitzige Kritik an der Eurokrise. Russland schickt eine Gruppe von Großmütterchen ins Rennen, die nur deshalb zu Sängerinnen geworden sind, weil sie nicht wussten, wie sie sonst an Geld für ihre marode Dorfkirche kommen sollten. Und Jedward, die zum zweiten Mal für Irland antreten, können sich nicht mehr genug Haargel leisten für ihre legendäre Senkrecht-Frisur.

All das ist, auch ohne die politische Fragwürdigkeit des Freudenfests in Aserbaidschan, beunruhigend genug. Gelegentlich noch schockierender ist aber das musikalische Niveau, das beim ESC geboten wird. Das gilt sogar für einige der Beiträge, die es bis ins Finale geschafft haben. Was können die Interpreten wirklich? Und was taugen ihre Songs? Ich habe eine echte Expertin dazu befragt. Evelyn Fischer, Gesangsprofessorin an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig, hat einige der Finalisten unter die Lupe genommen.

Drückt Roman Lob die Daumen: Gesangsprofessorin Evelyn Fischer. Foto: privat

Drückt Roman Lob die Daumen: Gesangsprofessorin Evelyn Fischer. Foto: privat

Roman Lob: Hitqualitäten und smarte Aura

Durchaus gute Chancen sieht sie für Roman Lob, für den sie «einen Platz unter den ersten Sechs» erhofft. Dem Gewinner des deutschen Vorentscheids bescheinigt sie eine «charismatische Pop-Rock-Stimme mit Erinnerungs-Effekt». Sein Song Standing Still habe große Hitqualitäten und sei wie maßgeschneidert für den deutschen Kandidaten. «Ich schätze und mag den Song wirklich sehr, sehr, sehr. Aber ich hätte mir den Mut zur Muttersprache doch ebenso sehr gewünscht», sagt Fischer, die auch als Moderatorin des ARD-Kulturmagazins ttt bekannt ist. «Roman Lob wird mit smarter Aura des ehrlichen Jungen von nebenan die Bühne in direkter Art, ohne ausschweifend großen Körpereinsatz, sehr gut füllen. Zumal alle Bühnentechnik aus Deutschland kommt, die ihn bestimmt super in Szene setzt!», so die Prognose der Expertin.

Jedward: Narren mit einem klaren Ziel

Noch bessere Chancen sieht sie für Jedward, für die mindestens Platz 3 herausspringen könnte. «Die Stimmen passen zur Musik: energetisch, sportlich-quadratisch. Ende», lautet ihr Urteil über den irischen Beitrag Waterline. Auch wenn das Lied bloß «eine kühl berechnete Spaß-Blase» sei, könnten Jedward mit anderen Argumenten punkten. «Der ESC ist selbstverständlich auch ein Platz für Clowns und Narren mit klarem Ziel. Diese Performance ist unter diesem Aspekt einfach großartig», sagt Fischer über den Halbfinal-Auftritt der Zwillinge. «Die Bart-Simpson-Haare sind noch immer so originell, da ist eigentlich egal, welches Gesicht drunter steckt. Publikum und Kameraleute werden ihre Freude haben: Tempo, Tempo, Tempo!»

Sabina Babayeva: Die Alleskönnerin

Auch die Gastgeber sollte man auf der Rechnung haben, meint Fischer. «Eine perfekt funktionierende, wunderschöne Stimme! Sabina Babayeva kann damit an sich alles – von Pop bis Musical – singen», schwärmt sie über die Vertreterin aus Aserbaidschan. Ihr Lied When The Music Dies sei zwar nicht sonderlich originell, aber perfekt auf die Anforderungen des Wettbewerbs zugeschnitten, «ein typisches ESC-Gewinner-Lied, gesungen von einer traumhaft schönen Frau».

Rona Nishliu: Eine großartige Stimme

Fischers musikalische Favoritin kommt aus Albanien. Rona Nishliu beeindruckte im Halbfinale mit ihrem Klagelied Suus nicht nur das Publikum, sondern auch die Professorin. «Rona Nishliu weiß, was sie mit ihrer großartigen Stimme tut. Ihr Song ist ein echt beeindruckendes Chanson, das dem Eurovision Song Contest – vielleicht etwas zu ambitioniert – ein Stück Würde zurückgeben könnte», lobt sie. «Die charismatische Sängerin kann sich den Verzicht auf jeden choreografischen Schnickschnack leisten», ist Fischer überzeugt. «Wenn aber Rona Nishliu der hohe Belt im entscheidenden Wettbewerbs-Moment sicher gelingt, wird das Publikum auf Atem raubende Weise berührt sein».

Buranowski Babuschki: Zwerchfellangriff auf das Publikum

Und wie sieht es aus mit dem Beitrag, über den vor dem Finale annähernd so viel berichtet wurde wie über die Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan? «Total abgefahren», findet die Expertin die Buranowski Babuschki aus Russland. «Man gönne ihnen den Segen für einen vorderen Platz, irgendwie! Vielleicht schaffen sie sogar das ganz große Ding», orakelt Fischer.

Stimmliche Defizite («leider unfähig zu großen Intervallen») und unorthodoxen Tanzstil («ein Zwerchfellangriff aufs Publikum») könnten die sechs Großmütter locker mit Charme ausgleichen. «Sie sind einfach zu putzig! Immer lustig in roter Tracht, hat über Jahrzehnte auch mit den Hellwigs in Deutschland super funktioniert, in schwarz-weiß wooppppt das seit Jahren im Musical Sister Act! Und immer diese Frage: Selbstironie oder wirklich so naiv?» Es ist definitiv die Frage, die man sich beim Finale heute Abend mehrfach stellen wird – in politischer Hinsicht, und in musikalischer.

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zum ESC auch bei news.de.

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