Fat White Family – „Serfs Up“


Künstler Fat White Family

Serfs Up! Fat White Family Review Kritik

Um ein drittes Album hinzubekommen, mussten Fat White Family raus aus dem Trubel.

Album Serfs Up!
Label Domino
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Man kann keine guten Songs schreiben, wenn man auf Drogen ist, hat einmal ein Mann gesagt, der es wissen muss: Keith Richards. Die Fat White Family hat da ganz andere Ansichten. Die Gruppe aus London, im Presse-Info zu diesem Album amüsanterweise nicht als „Rockband mit einem Drogenproblem“, sondern als „Drogenband mit einem Rockproblem“ beschrieben, hat in diesem Bereich auch einiges an Erfahrungswissen zu bieten. Statt Kokain und Heroin setzten sie für Serfs Up! auf Ketamin und Gras als Treibstoffe. „Das sind meiner Ansicht nach viel kreativere Drogen“, sagt Sänger Lias Saoudi. Neben diesen Stoffen waren angeblich B-Seiten von Wham! und Yeezus von Kanye West die wichtigsten Einflüsse für das dritte Album der 2011 gegründeten Band, behauptet er: „Etwas aus diesem unfassbar dekadenten ästhetischen Reich, in dem Kanye lebt, gepaart mit der grauen Monotonie von Sheffield und der regelmäßigen Zufuhr von Medikamenten, die man normalerweise als Beruhigungsmittel für Pferde einsetzt, hat wirklich etwas in mir ausgelöst.“

Nach Sheffield war die Fat White Family übergesiedelt, nachdem das Leben in London auch für ihren durchaus robusten Geschmack etwas zu turbulent geworden war. Schon 2013 mit dem Debüt Champagne Holocaust hatten sie für viel Aufsehen gesorgt. Als sie kurz darauf eine “Thatcher Death Party” in Brixton feierten, um gebührend auf den Tod der ehemaligen Premierministerin anzustoßen, waren sie dank der empörten Berichterstattung der Bouelvardpresse kurzzeitig nationale Berühmtheiten. Das zweite Album Songs For Our Mothers (2016) schaffte es sogar in die Charts, doch nach der dazugehörigen Tour war die Fat White Family am Arsch: kein Zuhause, überbordende Drogenprobleme, Schulden. „Kaputter als Doherty„, schrieb der Musikexpress damals über die Band, und das stimmte wohl auch. „Es fühlt sich an wie das Ende von Das Boot„, blickt Lias Saoudi auf diese Phase zurück. „Nach all dem Kampf, Schmerz und der Erschöpfung waren wir uns sicher, dass man uns wie eine lästige Marotte abschütteln würde. Obwohl wir ästhetisch eindeutig aktuell waren und viele Kids inspiriert hatten, nach vielen Jahren endlich mal wieder ein bisschen Chaos in die Musikwelt zu bringen, würden wir im Mülleimer der Geschichte landen.“

In diesem Moment erwies sich der Umzug nach Sheffield als Rettung. Dort fand Lias Saoudi wieder die nötige Inspiration und Konzentration, um an neuen Songs zu arbeiten. Auch sein Bruder Nathan Saoudi (Keyboards) wirkte bald mit, nach erfolgreichem Entzug kehrte auch Gitarrist Saul Adamczewski zur Fat White Family zurück, der zwischendurch wegen seiner Heroinsucht suspendiert worden war. „Sheffield hat eine sehr stolze Musikgeschichte. Mir gefiel, dass dort vieles ganz unprätentiös abläuft. Es war der ideale Ort, um den Kopf klar zu kriegen, ein paar Sachen zu schreiben und der Kloake aus dem Weg zu gehen, das uns im Süden Londons erwartet hätte“, sagt Lias Saoudi.

Tatsächlich klingt Serfs Up so kraftvoll, kreativ und aufrührerisch, wie es wohl selbst die Bandmitglieder sich Ende 2016 nie hätten erträumen können. Feet eröffnet das Album mit einem funky Beat. So bedrohlich dieser Groove erscheint, so erhebend ist der gregorianische Chor, der später eine Morricone-Melodie singt, bevor am Ende noch ein atonales Gitarrensolo hinzukommt. Es ist nicht nur dieser einzigartig wilde Mix an Zutaten, der den Song (und das Album) auszeichnet, sondern die dichte Atmosphäre , die auf Serfs Up immer wieder so sehr vom Rhythmus geprägt wird, wie man das sonst allenfalls bei TripHop kennt.

Kim’s Sunsets erweist sich als gestörter Reggae, der zugleich Unruhe und Majestät ausstrahlt. When I Leave setzt auf eine Tarantino-Gitarre mit viel Hall und trägen Chorgesang im Stile der Dandy Warhols. In Fringe Runner gibt der Bass den Ton an, dazu werden ein paar sehr plakative Elektrosounds eingestreut. I Believe In Something Better schafft es, zugleich zynisch und hoffnungsvoll zu klingen. Das Lied ist (vor allem in der zweiten Hälfte) offenkundig wahnsinnig, weiß aber sehr genau, was es erreichen will.

Neben den auch hier wieder grandiosen Texten (bei vielen Stücken könnte man glauben, William S. Burroughs hätte sie geschrieben) und den Beiträgen der Mitstreiter Liam D. May (Trashmouth) und Ben Romans-Hopcraft (Insecure Men) ist eine neue Banddynamik ein offenkundiger Schlüssel für die Stärke dieses Albums. Als Adamczewski außen vor war, stand sogar die Möglichkeit einer Umbesetzung im Raum, wurde von Lias Saoudi aber letztlich verworfen: „Ich brachte es nicht übers Herz, der Öffentlichkeit eine Ersatz-Version von uns zu präsentieren, nur damit ich selbst meine Position in der Musikwelt bewahren konnte.“ Dennoch veränderte sich seine Rolle. Statt nur die Texte zu schreiben oder gelegentlich einen Song anzuregen, den der Gitarrist dann ausarbeiten konnte („Sogar an einem echt beschissenen Tag hat er im Studio immer wie eine Maschine gearbeitet“, sagt Lias über Saul), nutzten letztlich alle Mitglieder das Machtvakuum, das durch Entzug und Neuorientierung entstanden war. „Das war ein unausgesprochener Kampf um Herz und Seele unserer Gruppe. Dieser Kampf hat die Arbeit an dieser Platte manchmal für Monate unmöglich gemacht. Aber letztlich ist er daraus entstanden, dass wir zum ersten Mal wirklich versucht haben, uns gegenseitig zu respektieren“, weiß Lias Saoudi heute.

Das Ergebnis sind Lieder wie das umwerfende Tastes Good With The Money mit Baxter Dury: Den Refrain hätten Slade geliebt, auch sonst ist dieser Track im Kern nichts anderes als Glamrock. Die hingehauchte Ballade Rock Fishes hat Ähnlichkeit mit The Beloved oder Spiritualized, Oh Sebastian überrascht als geradezu pittoresk. Mit Bobby’s Boyfriend verweist die Fat White Family auf The Velvet Underground nicht nur im Sound, sondern auch in der Attitüde. „Bobby’s boyfriend is a prostitute / and so is mine“, erfahren wir, bis am Ende ein paar Trommelschläge erklingen wie Schüsse aus einer sehr mörderischen Waffe. Wie ein defekter Space-Soul klingt Vagina Dentata, das von Alex Whites Saxofonsolo gekrönt wird. “To forget what you want / you must do what you want / over and over again”, heißt es darin.

„Dieses Album repräsentiert wirklich uns als Band. Es geht nicht einfach um mich und Saul mit ein paar Beiträgen von den anderen Jungs“, sagt Lias Saoudi und betont zugleich, man solle so ein Statement nicht als zu versöhnlich interpretieren. „Ihr könnt sicher sein, dass fünf Jahre voller Missbrauch von allen Mitgliedern, der psychologische Fall-Out nach dem Konsum harter Drogen und all das schmutzige Wasser, das unter unserer Brücke hindurchgeflossen ist, seinen Tribut gefordert hat. Aber all das liegt hinter uns. Jetzt sind wir erstmals unseren eigenen Erwartungen gerecht geworden. Dieses Album existiert – und es gibt nichts in meinem Leben, worauf ich so stolz bin wie auf diese Tatsache.“

Die gute alte Provokation beherrschen sie auch noch, zeigt das Video zu Tastes Good With The Money.

Fat White Family bei Bandcamp.

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