Fury In The Slaughterhouse – „NOW Alive“


Künstler*in Fury In The Slaughterhouse

Fury In The Slaughterhouse NOW Alive Review Kritik

Vier Songs des neuen Albums haben Fury live aufgenommen.

EP NOW Alive
Label Starwatch Entertainment
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Lockerheit gehörte bisher nicht unbedingt zu den Stärken von Fury In The Slaughterhouse. Vielmehr hat man bei dieser Band immer den Eindruck gehabt, dass sie sich viel zu wichtig und deutlich zu ernst nimmt. Bester Beweis dafür war vielleicht das Lied, das sie 1995 über den Tod von Kurt Cobain geschrieben haben – als würde sich irgendjemand in Seattle ernsthaft auch nur halbwegs darum scheren, was irgendwelche Fuzzis aus Hannover dazu meinen. Auch danach haben sie fast krampfhaft alles mitgemacht, was Anerkennung verheißt, aber nicht sonderlich cool ist, etwa einen WM-Song zum Sommermärchen als Teil des „Music Team Germany“, einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Hannover oder eine Reihe von Shows für Menschen, die dabei in Autos sitzen.

Im gehobenen Alter sind sie aber offensichtlich ein bisschen entspannter geworden. Denn auf der EP NOW Alive singen sie jetzt gemeinsam mit Thees Uhlmann dessen Lied Was wird aus Hannover, und das könnte tatsächlich bedeuten, dass sie die Selbstironie entdeckt haben. Uhlmann, der den Song für sein Album Junkies & Scientologen geschrieben hat, und Fury-Sänger Kai Wingenfelder teilen sich die Zeilen untereinander auf, und dieser kameradschaftliche Geist zwischen den beiden Niedersachsen überrascht zumindest ein wenig, kommt die 1986 gegründeten Band doch im Text nicht allzu gut weg. „Ein Motorradklub gründet sich / ein anderer löst sich auf / du hattest einen Plan vom Leben / ich hatte Fury In The Slaughterhouse“, heißt es da – und das ist wohl kaum so gemeint, dass die Band um die beiden Wingenfeld-Brüder ein Äquivalent sein könnte für die Orientierung und Zielstrebigkeit, die ihr gegenübergestellt wird.

Fury In The Slaughterhouse scheinen das nicht krumm genommen zu haben. Vielleicht haben sie es sogar als Zeichen einer Wertschätzung als musikalische Institution in dieser Stadt betrachtet, dass sie im Text nun in einer Reihe mit den Scorpions (und Mousse T.) genannt werden. In jedem Fall verpassen sie Was wird aus Hannover unter anderem mit einer Slide-Gitarre ein erstaunlich gut passendes Country-Flair. Womöglich kommt die Gelassenheit auch aus der Erkenntnis, das sie sich in einer Position der Stärke befinden: NOW, das erste Album seit 13 Jahren, hat Platz 2 der deutschen Charts erreicht, Tickets für die geplante Tour sind trotz aller Corona-Unwägbarkeiten sehr gefragt.

Womit wir bei den weiteren Stücken von NOW Alive wären, denn die EP bietet neben dem Duett mit Thees Uhlmann vier Songs vom aktuellen Album, aufgenommen am 22. April in der Historischen Stadthalle in Wuppertal im Rahmen der „Rockpalast Offstage“-Reihe des WDR. Publikum war damals Pandemie-bedingt nicht möglich, aber man hört, wie sehr es Fury In The Slaughterhouse hier genießen, die neuen Songs gemeinsam in einem Raum zu performen. „Bei der neuen Platte haben wir schon im Studio gemerkt: Die spielt sich echt super live“, hat Gitarrist Christian Stein-Schneider anlässlich der Aufzeichnung gesagt. Thorsten Wingenfelders Beobachtung lautet: „Unter dieser merkwürdigen Glasglocke der Corona-Pandemie hat sich bei allen Beteiligten ein wirklich außergewöhnlich emotionales Energielevel aufgebaut, was als Stimmung an diesem Tage vom Rockpalast echt wundervoll eingefangen wurde.“

Das kann man beispielsweise in Replay bestätigt finden, das sich hier noch ein bisschen mehr dem Geist und Sound von Iggy Pops The Passenger angleicht. Wenn sie in 1995 auf die beste Zeit ihres Lebens und erfolgreichste Phase ihrer Karriere zurückblicken, dann klingen die Zeilen „We felt so alive / in 1995“, trotzdem nicht komplett nostalgisch, sondern durchaus frisch und auch anno 2021 ziemlich lebendig. All About Us hat im Refrain zwar ein bisschen zu viel Schlager-Gestus, zeigt mit seinem Break aber, dass Fury sehr wohl auch modern klingen können.

Das Direkte und gelegentlich gar Ungeschliffene von NOW Alive ist auch in This Will Never Replace Rock’n’Roll gut zu erkennen. Das Riff zu Beginn erinnert an Run To You von Roxette, dann gibt es den Moment auf dieser EP, in dem man am meisten die Abwesenheit eines Publikums merkt, denn die Zeilen „Come on raise your voice / from bone to bone“ sind natürlich für Konzerte (also so richtig, mit Fans, die eng beieinander stehend mitsingen) erdacht. Leider verfallen die Hannoveraner hier allerdings wieder in einen arg teutonischen Gestus: Das „Oh-oh-oh-oh“, das diesen Zeilen voran geht, wirkt eher plump und kalkuliert als hymnisch.

Es bleibt nicht der einzige Fehlgriff innerhalb der sechs Songs, und man darf auch daran erinnern, dass es kein Verdienst per se ist, wenn eine Band nach 35 Jahren noch (oder wie in diesem Falle: wieder) existiert. Fury In The Slaughterhouse zeigen sich hier aber inspiriert, entschlossen und auch im Umgang mit der eigenen Vergangenheit mit sich im Reinen. So bekommt Every Generation Got It’s Own Disease aus dem Jahr 1994 nicht nur eine neue Nuance, weil der sich ursprünglich auf AIDS beziehende Titel natürlich auch zu Covid-19 passt, sondern erweist sich auch sonst als gut gealtert – und zwar ebenfalls, weil Fury dieses Highlight aus dem eigenen Back-Katalog nicht überstrapazieren, sondern lässig damit umgehen.

Die komplette Offstage-Show.

Website von Fury In The Slaughterhouse.

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