Futter für die Ohren mit Biffy Clyro, 2Raumwohnung, Mavi Phoenix, Bon Iver und Das Ding ausm Sumpf


Biffy Clyro Instant History

Biffy Clyro begrüßen die Veränderung, auch optisch. Foto: Check Your Head/Ash Roberts

Der Titel ist nicht unbedingt geprahlt: Instant History heißt die neue Single von Biffy Clyro. Und wenn Simon Neil, James Johnston und Ben Johnston anno 2020 ein neues Lied veröffentlichen, zumal als ersten Ausblick auf ein anstehendes Album, dann hat das tatsächlich eine historische Dimension. Das letzte Album Ellipsis stand sowohl in Deutschland als auch im UK an der Spitze der Charts, davor schaffte es Opposites (2013) ebenfalls auf #1 im UK und zu einer Gold-Auszeichnung in Deutschland. Sie haben dreimal den NME-Award als „Best British Band“ gewonnen, zweimal waren sie in derselben Kategorie für den BRIT-Award nominiert. Für die Lärm-Liebhaber von Kerrang! sind sie schlicht „Britains Best Band“, vom Guardian wurden sie als „the champions of stadium rock“ gefeiert. Gerade die Sache mit dem Rock wird durch Instant History (***1/2) aber mächtig infrage gestellt. Der Song beginnt mit Streichern und Elektronik, spätestens der hymnische Refrain ist mit dezentem Auto-Tune dann ein Schock, mehr Pop und Rave als Rock und Roll. Das Stück ist damit, Gitarren-Puristen können aufatmen, nicht gerade typisch für die neue Platte, sagt Simon Neil: „Wir wollten dieses Mal mit etwas herauskommen, das die abwegigste Sache ist, die wir auf dem Album haben. Instant History ist der größte, knalligste Pop-Moment, an dem wir je gearbeitet haben“, so der Sänger. „Thematisch gibt es einen guten Überblick, worum sich das Album dreht: aus Fehlern lernen und erkennen, wie man nach vorn blicken kann. Die Dinge können sich ähneln und werden doch nie wieder dieselben sein. Lasst uns ohne Angst an die Sache herangehen!“ Dieses Motto zeigt sich in der ersten Kostprobe nicht nur im mutigen Sound, sondern auch im Text. „All I learned is instant history“, lautet die Zeile, die den Songtitel enthält, auch später beweist das Trio, dass Veränderungen hier begrüßt und eher als Chance begriffen werden denn als Bedrohung: „And now I’m losing all control / why do I fear it?“ Das achte Album von Biffy Clyro wird erneut von Rich Costey produziert und soll im Mai erscheinen.

Reichlich Meriten haben auch Bon Iver vorzuweisen, unter anderem zwei Grammys und vier Grammy-Nominierungen. Auch die aktuelle Platte I, I ist wieder als Album des Jahres und bestes Alternative-Album im Rennen. Obwohl das Werk bereits im August 2019 veröffentlicht wurde, gibt es erst jetzt ein neues Video, das erste der Band um Mastermind Justin Vernon überhaupt seit 2012 (wenn man Lyric-Videos nicht mitzählt). Naeem (****1/2) ist die erste Zusammenarbeit mit dem Regisseur AG Rojas. Der in Barcelona geborene Künstler sagt: „„Naeem befasst sich mit dem Potenzial für Generationen-übergreifende Heilung, und dieses Potenzial wollten wir nutzen. All meine Bewunderung und Liebe gilt Cynthia Rodriguez und ihrem Kind Azul, die diese Idee im Video zum Leben erweckt haben, und zu Bon Iver, der sie verstärkt hat.“ Der eindrucksvolle Clip ist eine wundervolle Entsprechung zu diesem Lied, das hymnisch, warm, organisch und intensiv ist. Der Einschätzung des Musikexpress zu diesem Song ist nichts hinzuzufügen: „Es hat eine solche Musik, die ohne erkennbare Mühe, aber mit heiligem Ernst Folk, Rock, Soul, HipHop und Klassik vermengt, vor Bon Iver noch nicht gegeben.“

 

In ein paar Tagen erscheint das Jubiläumsalbum 20 Jahre 2Raumwohnung. Die Werkschau wird auch zwei neue Lieder enthalten, eines davon ist Hier sind wir alle (***1/2), zu dem es jetzt auch ein Video gibt. Das Lied bezeichnen Inga Humpe und Tommi Eckart als „Musik für Menschen, die nicht aufgeben. Wir sind Hope-Punks. Utopien statt Dystopien!“ Der Sound ist natürlich entspannter, lässiger Elektropop, in diesem Fall recht reduziert und mit ein paar englischen Zeilen. Benjamin von Stuckrad-Barre hat festgestellt, dass bei 2Raumwohnung stets Text und Musik „einander bedingen und auf zaubrische Art und Weise aneinander gar nicht müde würden“. Das bestätigt dieser Song natürlich, ebenso wie der Clip von Leonie Hahn, der lässige Menschen im Club zeigt. Das ist letztlich das Thema in vielen Songs der Band: Es geht um das Feiern von Gemeinschaft, die nur für den Moment besteht, gerade durch ihre Flüchtigkeit aber einmalig und wertvoll wird. Das galt auch schon bei Wir trafen uns in einem Garten, mit dem im Jahr 2000 die Geschichte dieser Band begann. Unter diesem Titel ist anlässlich des Jubiläums übrigens auch ein Buch erschienen, in dem die Texte von Inga Humpe mit autobiografischen Passagen aus einer Erzählung und Interviews kombiniert werden.

https://www.youtube.com/watch?v=nzNfw_4rAi4

Das ist ja mal eine originelle Idee: Deutschrap mit Niveau. Den hat sich Das Ding ausm Sumpf auf die Fahnen geschrieben. Kränk (***) zeigt, wie der Künstler (bürgerlich: Stefan Mühlbauer, er hat einst Operngesang studiert, später als Volkswirt promoviert) das meint. Er zeigt, was ihn trotz der vermeintlich näherliegenden Karriereoptionen dazu gebracht hat, es als Rapper zu versuchen. „Als ich im Oktober 2018 entschied, alles auf die Karte Musik zu setzen, haben alle aus meinem Umfeld gesagt, dass ich kränk sein muss“, beschreibt der Münchner. „Sie sagen, ich sei verrückt / gebe alles auf für ein paar Fans und Clicks / aber was bringen Titel und Preise / wenn du tief in deinem Innersten leidest?“, heißt das nun in den ersten Zeilen, nach denen sich ein recht düsterer Trap-Sound entfaltet, der gut zum Video passt, in dem Das Ding ausm Sumpf sich als Krankenhaus-Schamane präsentiert. Der Track ist Titelsong des gleichnamigen Debütalbums, das am 8. März erscheinen wird und auf die EP Expedition I sowie Auftritte beispielsweise im Vorprogramm von Käptn Peng folgt.

Ganz ähnlich ist die Perspektive in Fck It Up (***1/2), der neuen Single von Mavi Phoenix. Es ist “ein Song, der einerseits aus Frustration und andererseits aus Motivation entstand. Man ist bereit, alles über den Haufen zu werfen und eben ‚abzufucken‘. Man möchte ausbrechen und endlich der sein, der man ist“, sagt der Österreicher zu dem Track, der ein weiterer Vorgeschmack auf das Debütalbum Boys Toys (kommt am 3. April) ist. Der Text betont das Recht darauf, das eigene Äußere ebenso wie die eigene Stimmung selbst zu bestimmen, die Musik vermengt Avril Lavigne mit Ace Of Base zu einem erstaunlich stimmigen Resultat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.