Futter für die Ohren mit Damon Albarn, Suuns, Low, Jade Bird und Delta Sleep


Damon Albarn The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows

In einer Scheune hat Damon Albarn sein zweites Soloalbum gemacht. Foto: Pias

So umtriebig Damon Albarn mit Blur, den Gorillaz, The Good, The Bad & The Queen oder seinen zahlreichen Projekten mit afrikanischen Künstlern ist, so gilt doch: Wenn er ein Soloalbum ankündigt, ist das ein veritables Ereignis. Der Nachfolger zum 2014er Solodebüt Everyday Robots wird es nun am 12. November geben. In dem Studio, das sich Albarn in einer Scheune in Devon aufgebaut hat, wohin er kurz vor dem Lockdown in Großbritannien gezogen ist, wollte er ursprünglich ein langes, orchestrales Stück komponieren, das von den Landschaften Islands inspiriert ist. „Ich war auf meiner eigenen dunklen Reise, während ich diese Platte machte. Das brachte mich zu der Überzeugung, dass noch immer irgendwo eine reine Quelle existieren könnte“, sagt der 53-Jährige zu seiner mentalen Ausgangssituation für die Platte. Jetzt sind aus The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows (der Titel spielt auf Zeilen des Gedichts Love And Memory von John Clare an) doch elf eigenständige neue Tracks geworden. Den Titelsong (***1/2) gibt es nun vorab und er zeigt die Abenteuerlust, die nach wie vor in diesem Musiker steckt, und unterstreicht, dass die Quelle der Inspiration bei ihm noch längst nicht versiegt ist. Man erkennt, dass das Ganze einmal für ein Orchester gedacht war, zugleich gibt es exotische Instrumente, irritierende Effekte und diese wunderbar untröstliche Stimme, die sich immer wieder selbst Mut zusprechen zu wollen scheint und von Hoffnung träumt, aber nicht sicher ist, ob es welche gibt.

Auch Delta Sleep zieht es für ihr drittes Album gedanklich ans Wasser, Spring Island wird am 10. September erscheinen. Die Band aus Brighton hatte während der Pandemie das Soft Sounds-Projekt umgesetzt, mit Stücken aus dem Archiv, die sie (als man noch auf Tour gehen konnte) meist als neu eingespielte Versionen ihrer eigenen Songs live an verschiedenen Orten der Welt aufgenommen hatten. Die neue Single The Detail (****) war der erste Song, den die Bandmitglieder komponierten, als sie sich nach einem halben Jahr erstmals wieder treffen konnten. „Nie zuvor haben wir einen Song gemeinsam an einem Tag geschrieben. Das war schon ein magischer Moment für uns alle. Er kam sprichwörtlich aus dem Nichts, und war die absolute Initialzündung“, erzählt Bassist Dave Jackson. „Danach schrieb der Rest von Spring Island sich fast wie von selbst.“ Passend dazu geht es um die Schwierigkeiten der Pandemie-Zeit und die Dinge, die man daraus lernen konnte. Im Falle von Delta Sleep scheint das eine Hinwendung zu Intuition und Ursprünglichkeit zu sein, denn auch wenn man den Hang zu Math-Rock und Komplexität weiterhin erkennen kann, hat The Detail doch eine große Unmittelbarkeit und eine sehr organisch statt konstruiert wirkende Tiefe. „Regain some control“, heißt eine der Aufforderungen im Lyric Video – für die Band-Dynamik bei Delta Sleep scheint das auf jeden Fall schon geklappt zu haben.

Suuns hatten für The Witness (das Album kommt am 3. September) eine ähnliche Idee wie Damon Albarn: „Wir wollten das Album wie einen einzigen Song klingen lassen“, sagt Joe Yarmush. „Wir wollten etwas zur Ruhe kommen, auch beim Abmischen. Wir haben im Grunde versucht, alle bombastischen Tendenzen zurückzuhalten und die Dinge sehr subtil klingen zu lassen.“ Spontaneität, Minimalismus und Jazz-Mentalität benennt das Trio aus Montreal als weitere Maximen für das selbst aufgenommene und selbst produzierte Album. Die Single Witness Protection (****) illustriert, was man sich darunter vorzustellen hat: Die Stimmung ist so beunruhigend wie der Clip (Regie: Antoine Dasseville), jeder einzelne Teil bietet eine neue Möglichkeit, sich in den Song hineinlocken zu lassen, und bei aller Zurückhaltung hat das doch eine erstaunliche Kraft. Im November ist eine Europa-Tournee geplant, mit Shows in Köln, Berlin, Hamburg und Schorndorf.

Noch mutiger sind Low: Sie planen derzeit eine Welttournee mit 30 Terminen, zu der auch Auftritte in Köln (03.05.2022, Kulturkirche), Hamburg (09.05.2022, Uebel & Gefährlich) und Berlin (10.05.2022, Festsaal Kreuzberg) gehören sollen. Nach dem umjubelten Double Negative (2018) werden sie dann die neue Platte Hey What im Gepäck haben, die am 10. September erscheint und wieder mit Produzent BJ Burton entstanden ist. Die neue Single Days Like These (***1/2) lebt vom geschätzten Harmoniegesang von Alan Sparhawk und Mimi Parker, den es zu Beginn sogar acappella gibt, ebenso aber von kleinen Schockmomenten, die man von Low ebenso kennt, und einer großen emotionalen Wucht. Das Video von Regisseur Karlos Rene Ayala findet dazu stimmungsvolle, auf den zweiten Blick irritierende Bilder – das macht neugierig auf mehr.

Fast überwältigt von der Heiterkeit ihres eigenen Songs wurde Jade Bird im Falle der Single Now Is The Time (***1/2). „Es ist der einzige Song, bei dem ich beim Anhören in den RCA-Studios in Nashville lachen musste. Wir hatten die Bee Gees im Kopf, haben die Vocals dreifach aufgenommen und eine Menge Chorus-Effekt auf die Gitarre gelegt“, erinnert sie sich. „Ich habe das Stück am Fußende unseres Hotelbetts in Mexiko City geschrieben, es ist eine große Motivationshymne für jemanden, den ich in der dunkelsten Zeit in den Arm nehmen oder hochheben möchte“, verrät sie über den fünften Vorab-Track für das Album Different Kinds Of Light (kommt am 13. August). Ihre Stimme passt toll zu diesem Ansatz, die Percussions sorgen für zusätzlichen Schwung und die Zeilen „If I had a penny for all your potential / I’d be left drowning in my mouthful of metal“ erinnern daran, dass man es bei der 23-Jährigen mit einer ganz besonders talentierten Songwriterin zu tun hat.

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